Battle Royale (uncut) | Cover ©capelight1979 veröffentlichte der Autor Stephen King das Buch Todesmarsch, welches mich Ende der 90er regelrecht umgebügelt und ziemlich zerstört zurückgelassen hat. Es handelt von einem fiktiven Militärstaat, in dem regelmäßig ein Lauf veranstaltet wird, bei dem 100 Jugendliche um ihr Leben kämpfen. Dies geschieht, indem sie so lange mit einer vorgegebenen Mindestgeschwindigkeit geradeaus gehen (!), bis nur noch einer übrig bleibt. Wer das Tempo unterschreitet, aufgibt oder zu flüchten versucht, wird erschossen. Am Ende gibt es nur einen Gewinner, der zur Belohnung mit Reichtum überschüttet wird und sich (zumindest theoretisch) nie mehr Sorgen zu machen braucht. Als ich die Geschichte damals angefangen habe, wusste ich nicht im Geringsten, was da auf mich zukommt. Ich meine, hey, der Plot ist denkbar simpel, ja, fast schon einfallslos. Und doch schaffte der Schriftsteller es, mich mit seinem 400 Seiten umfassenden Werk komplett zu überrollen. Ich weiß noch genau, wie ich seinerzeit in der Küche stand und mit feuchten Wangen die letzten Seiten gelesen habe.

20 Jahre nach der Veröffentlichung von Todesmarsch hatte der japanische Autor Koushun Takami mit Battle Royale eine ganz ähnliche Idee. Sein Buch erzählt ebenfalls von einer (allerdings ganz und gar nicht weit entfernten) Dystopie, in der die chinesische sowie die japanische Regierung sich zusammentun und, getrieben von der hohen Arbeitslosigkeit, überbordender Jugendkriminalität und dem drohenden Wirtschaftskollaps ihrer Staaten, das sogenannte “BR Millennium Erziehungsreformgesetz” ins Leben rufen. Dessen Kernstück ist die Verfrachtung von Schülern aus der Mittelstufe auf eine verlassene Insel, wo sie sich gegenseitig töten sollen, bis, wer hätte es gedacht, nur noch einer am Leben ist. Nur kurze Zeit nach der Erscheinung des Romans, wurde dieser von Regisseur Kinji Fukasaku (Overkill – Durch die Hölle zur Ewigkeit) verfilmt und im Jahr 2000 unter dem gleichen Titel auf die große Leinwand gebracht. Gerade hierzulande hatte es der Streifen aber vor allem aufgrund seiner mitunter recht derben Mordszenen nicht gerade einfach: 2006 wurde er von der BPjM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) indiziert und 2013 sogar vom Landgericht Fulda wegen Verstoßes gegen §131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmt. Das ließ Capelight Pictures, welche schon damals die Rechte an dem Film hatten, nicht auf sich sitzen und ging in Berufung – mit Erfolg! Anfang diesen Jahres folgte schließlich noch die Aufhebung der Indizierung, sodass Fukasaku’s Drama nun am 28.04.2017, also kommenden Freitag, endlich komplett ungeschnitten in Deutschland erscheinen kann. Das alles klingt gerade für Freunde härterer Kinokost ziemlich gut, aber wie steht es eigentlich um die inneren Werte von Battle Royale? Kann der Streifen überhaupt was?

Auf diese Frage gibt es ein klares “Ja” als Antwort. Es wäre sogar fatal, das Werk auf seine blutigen Schauwerte zu reduzieren, welche im Übrigen ganz und gar nicht zum Selbstzweck eingesetzt werden. Vielmehr zeichnet der Film, ähnlich wie Stephen King’s Roman oder die Die Tribute von Panem-Reihe (nur eben weniger massentauglich) das Bild einer Ellenbogengesellschaft, in der nur die Stärksten überleben. Dieser Prozess der Aussortierung erfolgt in den genannten und ähnlichen Werken (zu nennen wäre u.a. noch King’s kompromissloses und schier

unerträgliches Buch Menschenjagd) wie selbstverständlich ausschließlich in den Reihen der sozial Benachteiligten und zur Belustigung der besser Gestellten. So wird in Battle Royale bereits zu Beginn erwähnt, dass vor allem Jugendliche betroffen sind, deren Eltern nicht mehr ein noch aus wissen, weil sie keine Arbeit finden. Darunter hat insbesondere der Nachwuchs zu leiden, welcher in der Konsequenz zunehmend seine Hoffnung in eine bessere Zukunft verliert und zu gewalttätigem Verhalten tendiert. Dieser Grundgedanke ist heute wahrlich noch aktueller als zu den Zeiten, in denen jene Geschichten veröffentlicht wurden und hält unserer erfolgsorientierten Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor…wenn man denn richtig hinschaut.

Hinzu kommt, dass neben der Idee auch die Inszenierung von Koushon Takami’s Roman als überaus gelungen bezeichnet werden kann. Diese konzentriert sich größtenteils auf den Überlebenskampf der Schüler, welche u.a. von Tatsuya Fujiwara (Death Note), Aki Maeda (Linda Linda Linda), Chiaki Kuriyama (Kill Bill: Vol. 1 &2) sowie Sôsuke Takaoka (13 Assassins) dargestellt werden.

Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Schauspielkollegen liefern eine bravouröse, emotionale Performance ab, die der Story absolut gerecht wird.

An dieser Stelle möchte ich aber vor allem noch den großartigen Takeshi Kitano (Hana-Bi – FeuerblumeBrother) hervorheben, welcher einmal mehr mit seiner stoischen und skrupellosen Ruhe jede seiner Szenen zu etwas Besonderem macht. Sie alle zeigen wunderbar, was in solch einer Situation aus Menschen werden kann und zu was sie plötzlich fähig sind.

Auch die musikalische Untermalung soll nicht unerwähnt bleiben. Der dafür verantwortliche Masamichi Amano (Shin Godzilla) konzentriert sich auf eine klassische Soundkulissa, die sowohl dezent unterstützend als auch dominant treibend einen ganz wichtigen Aspekt des Films ausmacht und ohne zu übertreiben als ein zusätzlicher Hauptdarsteller des Streifens gesehen werden kann.

Abschließend kann ich, der Battle Royale vor wenigen Tagen zum ersten Mal gesehen hat, nur sagen, dass es allerhöchste Zeit für eine anständige, ungeschnittene Deutschland-VÖ wurde. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass man den Figuren noch etwas mehr Tiefe hätte geben können. Dies ist, neben dem unterschiedlichen Erleben eines Film im Vergleich zu einem Buch, sicherlich ein Grund, weshalb Kinji Fukasaku’s Werk mich nicht ganz so sehr berühren konnte, wie Stephen King’s eingangs erwähnter Roman. Des Weiteren hätte ein etwas konsequenteres Ende dem Ganzen sicher nochmal eine intensivere Durchschlagskraft verliehen. Gleichwohl handelt sich bei dem Drama nicht einfach nur um ein Gewaltepos, das den sinnbefreiten Überlebenskampf von Jugendlichen zelebriert, sondern um ein audiovisuelles Gleichnis einer Welt, in der viele sich selbst der Nächste sind und Skrupellosigkeit zu oft vor Nächstenliebe kommt…und belohnt wird.

Bilder von der Jagd

Das "BR-Programm" wird unter militärischer Präsenz geleitet...

©capelight Pictures

Realisiert den Ernst der Lage: Tatsuya Fujiwara als Shuya Nanahara

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Während manche zu skrupellosen Killern werden (Chiaki Kuriyama),...

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...klammern sich andere an die Hoffnung auf einen Ausweg...

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...und stehen Seite an Seite bis zum Schluss.

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Takeshi Kitano's Leistung ist mal wieder über alle Zweifel erhaben.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Japan | Originaltitel: Batoru rowaiaru | Regie: Kinji Fukasaku | Drehbuch: Kenta Fukasaku, Kôshun Takami | Darsteller: Tatsuya Fujiwara, Aki Maeda, Takeshi Kitano | Produktion: Kenta Fukasaku, Kinji Fukasaku, Kimio Kataoka, Chie Kobayashi | Freigabe: FSK 18 | Uncut: ja | Spieldauer: 121 Min. | Verleih: capelight Pictures | Produktionsjahr: 2000 | DVD/BD/Steelbook VÖ: 28.04.2017
Battle Royale - Nur einer kann Überleben! (2000)
Prädikat: Eine großartige und nicht ganz abwegige Dystopie, die man nun auch endlich ungeschnitten in Deutschland erwerben darf.
Story90%
Schauspieler85%
Spannung83%
Inszenierung90%
87%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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