Blair Witch | Cover ©STUDIOCANALEs war so um die Jahrtausendwende, als ich mich mit ein paar Freunden Ende Oktober zusammengefunden habe, um Halloween zu feiern. Es wurde geso…ich meine getrunken, gefuttert, die entsprechende Gruselmusik war am Start und für Übernachtungsmöglichkeiten war ebenfalls gesorgt (damals stellte ich fest, dass ich in nahezu jeder noch so unbequemen Position schlafen kann, wenn ich nur anständig müde bin). Tja, und dann kam Stephanie mit einer Videokassette (!) an und meinte, dass sie einen Horrorfilm bekommen habe (von jemandem, den sie kennt, der wiederum jemanden kennt…), welcher „total krass“ sei. Angeblich wäre das, was man dort sieht, wirklich passiert. Und da wir schon damals recht genreaffin waren und es zum Geisterfest passte, wurde das Teil in den Recorder geschmissen. Knapp 1 1/2 Stunden später waren alle Anwesenden vollkommen am Ende und keiner von uns wusste so recht, was er mit dem gerade Gesehenen anfangen soll. Dass der Streifen komplett im Originalton vorlag, machte die Sache für uns noch authentischer, sodass es gefühlt wirklich im Bereich des Möglichen lag, dass es sich hierbei um reale Aufnahmen handelte. Die Stimmung war auf jeden Fall im Eimer und ich heilfroh, als es draußen endlich wieder hell wurde (wenngleich sich die Sonnenstrahlen durch eine dichte Nebelsuppe kämpfen mussten…wie passend!). Irgendwann erfuhr ich schließlich, dass das Werk nur inszeniert war und kein Stück auf wahren Begebenheiten beruhte. Dennoch hat es mich nachhaltig beeindruckt und bis heute konnte ich mir den Film mit dem Titel The Blair Witch Project nicht mehr komplett anschauen. Und obwohl er mich, ähnlich wie das ein paar Jahre später veröffentlichte Remake von The Ring, so sehr mitgenommen hat, war ich hocherfreut, als 2016 überraschend ein neuer Teil angekündigt wurde. Dieser sollte sich, anders als das für mich komplett uninteressante Sequel anno 2000, wieder auf die Tugenden des Originals besinnen. Will heißen, dass es erneut eine mit Handkameras bewaffnete Gruppe junger Leute in die Wälder nahe Burkittsville verschlägt, wo sie sich ihren Urängsten stellen müssen. Aber kann der Besuch im Hexenterrain wieder so sehr gruseln, nachdem das Rezept des Found Footage-Films in den letzten Jahren so sehr ausgeschlachtet wurde? Ich habe mir Adam Wingard’s Blair Witch angesehen und möchte meine Eindrücke in folgendem Artikel mit dir teilen…

20 Jahre ist es her, seit James‘ (James Allen McCune, Shameless) Schwester Heather in einem Wald in Maryland verschwand. Damals war er gerade einmal 4 Jahre alt, doch trotz der langen Zeit hat er den Verlust nie überwinden können. Dann findet er im Internet eine Videoaufzeichnung, auf der er das verlorene Familienmitglied zu erkennen meint. Soll Heather etwa noch am Leben sein? Diese Frage lässt ihm keine Ruhe und so macht er sich auf die Reise zu besagtem Ort, um seine eigenen Nachforschungen anzustellen. Begleitet wird er dabei von Lisa (Callie Hernandez), Ashley (Corbin Reid), Peter (Brandon Scott) sowie Lane (Wes Robinson, Mad Men), welcher den Clip ins Netz gestellt hat, und seiner Freundin Talia (Valorie Curry, The Following). Doch kaum, dass die Gruppe in dem dichten Geäst bei Burkittsville angekommen ist, wünschen sie sich nichts sehnlicher, als schnell wieder nach Hause zu können. Zu diesem Zeitpunkt hat die mysteriöse Macht, welche hier „lebt“, allerdings schon längst ihre Finger nach ihnen ausgestreckt…

Es wirkt unfreiwillig witzig, wenn zu Beginn des Films der altbekannte Text eingeblendet wird,  der die folgenden Aufnahmen als authentisch deklariert. Wer bitte glaubt das denn heute noch? Dieser Ersteindruck, den ich nur mit einem Schmunzeln quittieren konnte, legte sich jedoch bereits nach wenigen Minuten, als klar wurde, dass die Macher von Blair Witch einfach nur sehr großen Wert darauf gelegt haben, dem Original treu zu bleiben. Das setzt sich mit dem direkten Bezug auf den ersten Teil fort, in dem es die Figur der Heather wirklich gab. Und auch im späteren Verlauf ist es dem Regisseur des großartigen You’re Next und seinem Team überraschend gut gelungen, die auch heute noch einzigartige Atmosphäre des Erstlings einzufangen. Je mehr die neugierige Gruppe in den Wald hineingeht, umso mehr konnte ich das bedrückende, rohe und schmutzige Gefühl nachempfinden, welches mich vor fast 18 Jahren so „fertiggemacht“ hat. Denn obwohl es zwischenzeitlich unzählige Werke gibt, die sich einer ähnlichen Filmtechnik bedienen, konnte in meinen Augen keines davon jemals die Intensität von The Blair Witch Project erreichen. Gruselig sind die meisten von ihnen, ja (zumindest, wenn man darauf anspringt), aber der Eindruck der unmittelbaren und gleichzeitig abstrakten Gefahr gelingen dem 1999er Streifen sowie dem hier besprochenen Nachfolger noch immer am Besten. Wie zahlreich die detailreichen Querverweise auf die Vorlage sind, kann man übrigens den üppigen

Extras entnehmen, welche nicht nur aufschlussreich sind, sondern einen darüber hinaus noch etwas tiefer in die Welt des Franchises eintauchen lassen. Doch Adam Wingard und sein Drehbuchautor Simon Barrett kopieren nicht nur, sie nehmen sich auch die Freiheit heraus, die Ansätze des Originals zu vertiefen, behutsam neue Ideen einzubauen und sogar der unbekannten Bedrohung eine Form zu geben, sprich, dem Zuschauer auch mal eine optische Idee von dem zu vermitteln, was da durch die Wälder streift. Dabei hält man sich aber noch vage genug, um nicht jegliche Interpretation (von der die Filmreihe ja immerhin auch profitiert) überflüssig zu machen. Der Spagat zwischen dem Respekt vor dem Ausgangsmaterial und der Notwendigkeit, auch etwas Neues zu bieten, ist meines Erachtens hervorragend gelungen.

Besonderes Lob geht übrigens an die Verantwortlichen für den Sound(track). Auch hierüber erfährt man so Einiges im Bonusmaterial. Mich hat es beispielsweise gewundert, dass es tatsächlich einen Score gibt, der jedoch vom Regisseur höchstpersönlich so dezent komponiert wurde, dass er mehr als Klangkulisse und weniger als Musik fungiert. Gerade bei einem Streifen, der besonderen Wert auf Authentizität legt, ist das natürlich auch unabdingbar, in dieser hohen Qualität aber gleichwohl keine Selbstverständlichkeit. Ebenso wurden in Sachen Schnitt einige wirklich tolle Gimmicks eingebaut, die mich sogar ein wenig an Fight Club erinnerten. Es kommt ja wahrlich nicht oft vor, dass ich eine Szene auf der Suche nach „versteckten Frames“ in Zeitlupe abspiele…hier war das mal wieder der Fall. Klasse! Dass man sich bei der Filmtechnik mitunter der P.O.V. (Point of View, also der Ich-Perspektive) bedient hat, wirkte auf mich zwar nicht so intensiv, wie ich dachte, relativiert dafür aber die bei Found Footage-Werken immer wieder aufkommende Frage, warum zum Teufel die Protagonisten noch die Kamera in der Hand haben, obwohl ihnen der Tod auf den Fersen ist. Das wurde hier anständig und nachvollziehbar gelöst, da James und seine Truppe sogenannte Ohrkameras nutzen, welche sie im späteren Verlauf einfach nicht abnehmen. Klar, man kann immer noch darüber streiten, ob das realistisch ist…aber man kann es auch lassen;) Ich finde diesen Ansatz deutlich besser, als der, den fast alle anderen Genrevertreter wählen.

Darüber hinaus liefern die Darsteller zwar eine insgesamt überzeugende Mischung aus „nicht-Schauspiel“ und authentischer Darbietung ab, konnten mich jedoch nicht ganz so sehr mitreißen wie der Cast von 1999. Das mag aber auch an den anderen Voraussetzungen liegen: Seinerzeit war der Streifen etwas komplett Neues und ich zog es zumindest in Betracht, dass man hier keine Schauspieler, sondern ganz reale Persönlichkeiten sieht (was im Nachhinein betrachtet totaler Blödsinn ist…aber irgendwo wollte ich auch daran glauben, denn schließlich war Halloween;). Dementsprechend habe ich Heather Donahue & Co. die Geschichte auch mehr abgenommen, als ihren Nachfolgern.

Bevor ich nun zum Abschluss komme, noch eine kleine Randnotiz (mit Rand):

Diejenigen, die behaupten, Blair Witch wäre einfach nur eine seelenlose Fortsetzung, um nochmal etwas Kohle aus dem Franchise zu pressen, sollten sich m.E. einmal mehr mit der Detailarbeit beschäftigen, die in dem Werk steckt.

Sicher wollen auch alle etwas daran verdienen, aber alleine die Präzision, mit der man das „Hexenhaus“ nachgebaut und sogar Löcher in den Wänden oder den gesamten Keller an die Vorlage angepasst hat, sowie die herausragende Arbeit in Sachen Sound, Bild, Schnitt und Regie zeugen davon, dass hier nicht nur Filmemacher, sondern auch Fans am Werk waren.

So, und was steht jetzt unterm Strich? Ist Blair Witch eine würdige Fortsetzung? Das kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Hatte er auf mich die gleiche Wirkung wie der Vorgänger (den 2. Teil ignoriere ich in der Auflistung)? Nicht wirklich. Sicher, ich habe auch hier wieder meine volle Breitseite Horror bekommen und mich zwischendurch gefragt, warum ich mir sowas eigentlich antu…ich meine anschaue, doch der nachhaltige Schrecken von damals ist einmalig. Gleichwohl hat Adam Wingard mich so nah an diese Erfahrung heranführen können, wie nur irgend möglich. Und auch, wenn es widersprüchlich klingen mag: Ich danke ihm dafür!

Verhextes Bilderwerk

Manche Grenzen sollte man nicht überschreiten...

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...und manche Warnungen besser beachten.

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Manche Ereignisse geben neue Rätsel auf. (Callie Hernandez, James Allen McCune)

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Nun sei mal nicht so geknickt! (Valorie Curry)

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Die Handkamera ist natürlich immer mit am Start...oder am Ohr.

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Die Hütte im Hintergrund kennen wir doch?!

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Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: Blair Witch | Regie: Adam Wingard | Drehbuch: Simon Barrett | Darsteller: James Allen McCune, Callie Hernandez, Corbin Reid | Produktion: Jess Calder, Keith Calder, Gregg Hale | Freigabe: FSK 16 | Uncut: Ja | Spieldauer: 89 Min. | Verleih: STUDIOCANAL | DVD/BD/BD Steelbook VÖ: 09.02.2017
Blair Witch (2016)
Prädikat: Endlich ein würdiger und verdammt gruseliger Nachfolger!
Story65%
Schauspieler85%
Spannung95%
Inszenierung90%
84%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
60%

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