Die Macht der Träume | Poster ©amcEs gibt menschliche Schicksale, die lassen sich nur schwer in Worte fassen, geschweige denn nachvollziehen, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Und egal, ob die daraus entstandenen Folgen körperlicher oder seelischer Natur sind, haben sie eines immer gemeinsam: Sie verändern das Leben der Betroffenen und derjenigen, die ihnen nahestehen mit teils immenser Wucht. Dies geschieht oft völlig unvermittelt und stellt einen vor die scheinbar nicht zu bewältigende Aufgabe, die Welt fortan mit anderen Augen sehen und den Alltag von heute auf morgen gänzlich umstellen zu müssen. Stephan Taubert‘s auf wahren Begebenheiten beruhender Film Die Macht der Träume handelt von Menschen, die sich mit einem eben solchen Lebenswandel befassen müssen. Da wäre beispielsweise der Regisseur Phillip Herzog (Stephan Taubert), welcher seit einem verheerenden Reitunfall vor 14 Jahren von der Hüfte abwärts gelähmt und somit an den Rollstuhl gefesselt ist. Fortan versucht er alles, um gegen jede Wahrscheinlichkeit irgendwann wieder laufen zu können. Über diesen Kampf berichtet er auch in seiner Biographie, welche der Schülerin Emilia (Marie Spinka) von ihrem besten Freund Oliver (Paul Spinka) empfohlen wird. Dieser hofft, dass die Teenagerin in der Lektüre neue Kraft findet, um ihren alkoholkranken Vater (Uwe Choroba) ertragen zu können. Seine Freundin ist von dem Buch schließlich so begeistert, dass sie beschließt, erste aktive Schritte zu unternehmen, um der zunehmend unerträglichen Lage Herr zu werden. Zu diesem Zeitpunkt kann sie jedoch noch nicht ahnen, dass dies der Beginn einer Entwicklung ist, die nicht nur ihr Leben komplett verändern wird…

So nahe es mir geht, wenn ich von Schicksalen wie den hier behandelten erfahre, so sehr fasziniert und begeistert es mich zu sehen, dass es Menschen gibt, die in jenen Situation entgegen aller Widerstände an ein besseres Morgen glauben und jeden Tag mit neuem Optimismus beschreiten. Die Meisten von uns werden schon Phasen erlebt haben, in denen man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, wo einem die Hoffnung unerreichbar scheint und es unglaubliche Anstrengungen kostet, das Blatt zu wenden, umzudenken und Sprosse für Sprosse an der (metaphorischen) Leiter aus dem finsteren, inneren Loch zu klettern. Gerade dann ist es von größter Bedeutung, wenn man Freunde und Familie hat, die einem beistehen, einen auch mal anschubsen oder einfach nur stützen. Aus diesem gemeinsamen Bestreben, das Leben wieder zum Besseren zu wenden, kann sich eine Kraft entwickeln, die dazu imstande ist, Berge zu versetzen. Doch den ersten Schritt, und sei es nur der, um Hilfe zu bitten bzw. selbige anzunehmen, ist immer der schwerste, nicht nur deshalb, weil er von einem selbst kommen muss. Umso wichtiger ist es, dass Geschichten erzählt werden, die aufzeigen, wie viel es bringen kann, wenn man besagten Weg beschreitet. Alleine dafür, dass Stephan Taubert sich mit diesem Thema befasst, gebührt ihm Dank und Respekt.

Leider kann die Inszenierung seine lobenswerte Idee jedoch nicht so gut umsetzen, wie ich es mir erhofft hätte. Dabei ist es nicht ein großer, sondern es sind einige kleine Aspekte, die den Eindruck einer unausgewogenen Inszenierung hinterlassen. Exemplarisch sei vor allem der Vorspann erwähnt, welcher mit seiner audiovisuellen Gestaltung per se als gelungen bezeichnet werden kann, allerdings in Verbindung mit dem, was davor kam und danach folgt, viel zu bombastisch wirkt. Da hätte es mich nicht gewundert, wenn im nächsten Moment Daniel Craig als James Bond aufmarschiert wäre…nur haben wir es hier mit einem Drama

zu tun, das sich fernab jeglichen Hollywoodglanzes bewegt. Dann wäre da noch der Sound, dessen Qualität unter einer schlechten Abmischung und, gerade im ersten Drittel, zahlreichen Szenen mit störenden Windgeräuschen leidet. Auch diverse irritierende Sounds, die beispielsweise ein tosendes Gewitter erahnen lassen, während man im Hintergrund weder das Lichtspiel zuckender Blitze, noch einen bewölkten Himmel sieht, hinterlassen einen faden Beigeschmack. Ich hoffe, dass man mit diesen Punkten nochmal in die Postproduktion gehen kann. Hinzu kommen diverse Fragen, die sich mir in Sachen Logik gestellt haben: Warum beispielsweise sehen Phillip Herzog und seine Gattin nach 15 Jahren (bis auf die leicht ergrauten Schläfen bei ersterem) nahezu unverändert aus? Gerade was diese Charaktere angeht, hätte man nochmal nach zwei ähnlich aussehenden, älteren Schauspielern für die zweite Filmhälfte Ausschau halten sollen. An Portalen für die Suche nach interessierten Darstellern aus dem Independentbereich mangelt es ja nicht. Auf diese Dinge kann und sollte man gerade dann achten, wenn man nur ein stark begrenztes Budget hat.

Doch es gibt auch zahlreiche Aspekte, die mir wirklich gut gefallen haben. Dies betrifft insbesondere die akustische Untermalung von Stephan Ortlepp und Dorothee Mävers.

Ihre Musikstücke werten den Film immens auf und tragen einen Großteil dazu bei, dass die Emotionen vermittelt werden, welche gerade bei der hier behandelten Thematik so wichtig sind.

Außerdem war ich sehr angetan von den Naturaufnahmen, für die man sich hier und da auch in die Luft geschwungen hat, um sie aus der Vogelperspektive zu zeigen. Das mag im höher budgetierten Kino nichts Besonderes sein, bei einem Projekt mit stark begrenzten Mitteln darf und sollte das aber nochmal lobend erwähnt werden. Des Weiteren fand ich es klasse, mit welcher Liebe zum Detail Stephan Taubert seine Figuren zum Leben erweckt. Jede von ihnen hat eine Geschichte, in deren Verlauf sich mitunter schwere Rückschläge ereignet haben, welche es zu überwinden gilt. Das Schöne daran ist, dass dieser steinige Weg für jeden Einzelnen mit einem Traum verbunden ist, für den es sich zu kämpfen lohnt. Einzig Emilia’s Entscheidung hinsichtlich ihrer schulischen Laufbahn halte ich für grenzwertig und finde, dass man dies anders hätte lösen können. Und wo ich gerade bei den Charakteren bin, möchte ich auch noch ein paar Worte zu den Darstellern verlieren: Die Qualität des Schauspiels schwankt zwar und häufig wirken die Texte arg einstudiert, insgesamt bewegt man sich für eine Independentproduktion aber auf bodenständigem Niveau, wobei mir vor allem die Arbeit von Marie Spinka gut gefallen hat.

Schlussendlich sollte man hier schon alleine aufgrund des hochinteressanten und im Grunde immer aktuellen Themas einen Blick riskieren. Ich fühlte mich nach der Sichtung, trotz der Kritikpunkte, gut unterhalten und nicht zuletzt wegen der beachtlichen Laufzeit von fast zwei Stunden in eine Welt entführt, in der Menschen nicht aufhören, für ihre Träume zu kämpfen. Und von eben dieser Message kann es doch wahrlich nicht genug geben!

Schicksalsbilder

Gelungene Naturaufnahmen.

©Stephan Taubert

Ein schicksalhafter Tag neigt sich seinem lebensverändernden Tiefpunkt.

©Stephan Taubert

Emilia (Marie Spinka) ist auf der Flucht...

©Stephan Taubert

...vor ihrem selten nüchternen Vater (Uwe Choroba).

©Stephan Taubert

Phillip (Stephan Taubert) und Katharina (Marie Rothe): Eine Liebe für's Leben...

©Stephan Taubert

...übersteht auch die schwersten Zeiten.

©Stephan Taubert

Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Die Macht der Träume | Regie: Stephan Taubert | Drehbuch: Stephan Taubert | Darsteller: Stephan Taubert, Uwe Choroba, Marie Spinka, Ivette Große | Produktion: Andreas Grunicke, Stephan Ortlepp | Freigabe: Ungeprüft | Uncut: Ja | Spieldauer: 117 Min. | Verleih: tba | Filmpremiere: 03.12.2016 | Start: tba
Die Macht der Träume (2016)
Prädikat: Eine tolle und aktuelle Geschichte, an deren Inszenierung man noch hätte schleifen können.
Story80%
Schauspieler55%
Unterhaltung70%
Inszenierung65%
68%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
100%

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