DOGMA DOGMA

In einer namenlosen und scheinbar ganz normalen deutschen Stadt streifen zwei Kerle Bier trinkend durch die Straßen. Ganz offensichtlich über die Maßen angeheitert, quatschen die beiden allerhand Blödsinn und hampeln herum wie kleine Kinder. Dann fallen die ersten Machosprüche über „Weiber“. Von hinten könne man es mal wieder einer besorgen. Man schaukelt sich hoch und baggert lauthals vorübergehende Frauen an. Schließlich wird einer der beiden handgreiflich. Die Situation droht zu eskalieren, doch zum Glück kommen just in diesem Moment zwei junge Männer vorbei, die dazwischengehen. Der äußerst wünschenswerte Anschein, dass die beiden vollkommen selbstlos den Damen zur Hilfe eilen, stellt sich jedoch schon bald als gewaltiger Trugschluss heraus…

Wer ob der beiden Idioten, die sich in der geschilderten Situation vollkommen respektlos gegenüber Frauen verhalten, Wut empfindet, liegt zunächst mal vollkommen richtig. Marco Romagnoli’s Film DOGMA DOGMA richtet sich jedoch vor allem an diejenigen, denen erst dann richtig die Galle hochkommt, wenn sie die Namen und die Herkunft der beiden erfahren. Sie heißen Said und Yussuf und sind türkischer Abstammung. Wer nun denkt „Ausländer, natürlich!“, der darf beim weiteren Storyverlauf gerne mal Augen und Ohren ganz weit aufsperren, denn der Streifen ist vor allem aus einem Grund wichtig und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt: Er vermittelt dem aufmerksamen Zuschauer den Unterschied zwischen einer differenzierenden und einer kompromisslosen oder eben auch dogmatischen Einstellung. Dies schafft er vor allem durch die Figuren Said und Yussuf selbst. Während Ersterer sich auch während der folgenden Ereignisse als nicht gerade besonnene Person präsentiert, versucht Yussuf seinen Kumpel schon zur Ruhe zu bringen, als dieser beginnt, den Frauen gegenüber handgreiflich zu werden. Wir

haben es hier also mit zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten zu tun und nicht mit „zwei von denen“. Letzteres denken aber die beiden Männer, die den Frauen in der unangenehmen Situation beistehen und sich im direkten Anschluss als ausländerfeindliche Vollspacken entpuppen, die alle Skrupel über Bord geworfen und sich vorgenommen haben, Said und Yussuf, welche sich plötzlich in der Rolle der Opfer wiederfinden, zu foltern. Interessanterweise wird das braune Gesindel im Abspann lediglich als durchnummerierte „besorgte Bürger“ aufgelistet. Damit werden sie auf die gleiche niedere Ebene degradiert, auf der sie Menschen anderer Herkunft sehen. 

Doch es ist nicht nur die brandaktuelle Idee, die DOGMA DOGMA zu einem ausgezeichneten Kurzfilm macht. Auch die Umsetzung ist mehr als gelungen. In gerade einmal 18 Minuten wird eine äußerst beklemmende Atmosphäre erzeugt, was vor allem an den fantastischen Schauspielern liegt, denen man zu jeder Sekunde anmerkt, wie wichtig ihnen die Thematik ist. Egal ob Omid Tabari als Said, Emre Kubat in der Rolle des Yussuf oder Jesse AlbertNikolaus BenderDaniel Müller und Moloch als besorgte Bürger – hier wird bis in die kleinste Nebenrolle alles gegeben. Abgerundet wird das Ganze schließlich durch die tolle Kameraarbeit, welche neben Regie, Buch, Sounddesign und Montage ebenfalls von Romagnoli übernommen wurde. All dies macht sein Werk zu einem bedeutenden Beitrag deutscher Filmkunst, der einem nicht alles auf dem Silbertablett serviert und dazu anregt, sich auch nach dem Abspann noch ein paar Gedanken zu machen. Und genau aus diesem Grund verdient ein so kleiner Film größten Respekt!

 
Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Dogma Dogma | Freigabe: t.b.a. | Uncut: Ja | Spieldauer:  18 Min. | VÖ: t.b.a. 
DOGMA DOGMA (2016)
Prädikat: Aktuell, kritisch, bedrückend - ein kleiner Film macht ganz großes Kino!
Story93%
Schauspieler90%
Spannung80%
Inszenierung85%
87%Wertung
Leserwertung: (3 Votes)
90%

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