German Angst Cover BD | © Pierrot Le Fou

German Angst Cover MB | © Pierrot Le Fou

 

Was ist „German Angst“?

Bevor ich auf den Inhalt von einem der bedeutendsten deutschen Genrebeiträge der letzten Jahre eingehe, lasst mich ein paar Sätze zu dessen Titel verlieren. Was bedeuten diese beiden Worte, die nicht nur auf dem Artwork des Filmcovers, sondern auch ausgesprochen recht martialisch wirken und viele an das dunkelste Kapitel unseres Landes, das dritte Reich, denken lassen dürften? Wollten die drei Regisseure Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall nur einen provokanten Eyecatcher in die Läden stellen oder steckt mehr dahinter? Ich gebe gerne zu, dass ich tatsächlich erst einmal davon ausging, man wolle sowohl durch die Aufmachung, als auch durch den Titel lediglich Aufmerksamkeit generieren. Sowohl der Film, als auch ein Interview mit allen drei Filmemachern erzeugten jedoch einen ganz anderen Eindruck. Also habe ich etwas recherchiert und musste gar nicht lange suchen: Der Begriff „German Angst“ ist historisch geprägt und bezeichnet gemeinhin eine scheinbar typisch deutsche Furcht und die daraus resultierende Zögerlichkeit. Um herauszufinden, was mit dieser recht pauschalen Aussage gemeint ist, musste ich noch etwas tiefer bohren. Ich meine, wovor sollen wir denn solchen Bammel haben? Dann fand ich einige konkrete Beispiele: Der gesellschaftliche und politische Umgang mit internationalen Krisen wie der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima oder unsere ganz aktuelle Flüchtlingspolitik wurden hier genannt. Nach dem Unfall in Japan haben die Deutschen aus der vermeintlichen Angst vor den Gefahren der Kernkraft schnell den Ausstieg aus selbiger beschlossen und heute sind es vor Krieg und Armut fliehende Menschen, die unsere Furcht schüren, überrannt zu werden. Daraus resultiert nach besagter Theorie eine pessimistische Sicht auf die Zukunft, aus der das Bedürfnis erwächst, sich abzusichern und lieber kleine Brötchen zu backen. Wer weiß schließlich schon, was da demnächst alles auf uns zukommt? Und während andere Länder schon mit dem Militär in Krisengebiete einmarschieren, überlegt Deutschland noch. Soll man oder soll man nicht? Hinter vorgehaltenen Händen wird indes wieder über die „German Angst“ getuschelt. Ob diese unsere Eigenart nun der Wahrheit entspricht und vor allem, ob sie nicht vielmehr als Lob denn als Häme angenommen werden sollte, sei einmal dahingestellt. Anhand dieser Beispiele wollte ich nur einmal verdeutlichen, dass man den Titel dieser Anthologie zwar ganz einfach als kantige Benennung eines Genrewerkes verstehen kann, dahinter aber auch eine historische Begrifflichkeit steckt. So, und wer nun ob der oben erwähnten (gesellschafts-)politischen Themen schon die verbalen Messer gewetzt und sich in den Diskussionsmodus begeben hat, der ist auf bestem Wege, dem hier besprochenen Film die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Denn Titel und Inhalt dieses Streifens haben vor allem eines gemeinsam: Es steckt mehr dahinter, als es zunächst den Anschein hat. Nun denn, auf ans Eingemachte und damit zur ersten Episode mit dem Titel…

 

Final Girl

Jörg Buttgereit’s (Der Todesking) Version der German Angst beginnt mit einem unscheinbaren Mädchen (Lola Gave) in einer versifften Plattenbauwohnung. Während sie durch die Räume schreitet, vorbei an heruntergekommenem Interieur und schmutzigem Geschirr, erzählt sie aus dem Off völlig emotionslos etwas über die Eigenarten von Meerschweinchen. Dann öffnet sie eine Schublade und holt eine Gartenschere heraus, mit der sie ins Schlafzimmer geht. Dort liegt ein Mann, offensichtlich ihr Vater, geknebelt und an das Bett gefesselt. Langsam bewegt sie sich auf ihn zu, legt die Schere auf seinen Bauch und setzt sich schließlich auf ihn…

Ich denke, dass nicht mehr verraten werden muss, um klar zu machen, dass dieser erste Beitrag, dem das Thema Missbrauch zugrunde liegt, ganz heftige Kost ist. Die harten und bedrückenden Bilder werden mit einer ungewöhnlichen Schärfeeinstellung gepaart, bei der immer nur ein dünner Streifen klar zu erkennen ist. Das stört allerdings keineswegs und findet seine Daseinsberechtigung als Darstellung der reduzierten, eingeengten Welt des Mädchens. Darüber hinaus nutzt der Regisseur und Drehbuchautor noch weitere Kniffe, um die traurige Vorgeschichte des Mädchens zu erzählen. Diese möchte ich aber nicht vorwegnehmen – ihr sollt ja schließlich noch etwas zu entdecken haben. 

Besonders hervorheben möchte ich noch die fantastische Tonarbeit. Zahlreiche Klänge, die man eigentlich lieber nicht hören möchte, werden nochmal besonders hervorgehoben und dem Zuschauer ins Ohr gepflanzt. Dadurch wird die optische Darbietung der ausgeübten Gewalttaten quasi obsolet, denn alleine der Sound hat Bilder in meinem Kopf erzeugt, die wahrlich schlimmer waren, als jedwede Goreszene es hätte sein können. Kurz vor Ende inszeniert Jörg Buttgereit noch einige kurze Sequenzen, die all das Gesehene in Frage stellen. Doch bevor man sich darauf einen Reim machen kann, beginnt auch schon Michal Kosakowski’s…

 

Make a Wish

Hier begleiten wir das taubstumme Pärchen Kasia (Annika Strauss, Seed 2) und Jacek (Matthan Harris, The Inflicted), welche sich auf einem verlassenen Fabrikgelände durch’s Gebüsch schlagen. Auf der Suche nach einem Platz, wo sie ungestört sind, landen die beiden in einem leerstehenden Gebäude. Dort überreicht Jacek seiner Freundin ein Medaillon, das scheinbar magische Kräfte besitzt. Er möchte ihr gerne noch mehr darüber erzählen, doch bevor er dazu kommt, wird die romantische Zweisamkeit jäh von einer Gruppe braunen Gesindels unterbrochen. Zunächst witzeln die Störenfriede nur über die beiden Verliebten, doch spätestens, als sich herausstellt, das Kasia und Jacek polnischer Abstammung sind, wird aus den Frotzeleien bitterer Ernst…

Der Anfang dieser Episode gehört zu den wenigen erfreulichen Momenten in German Angst. Es ist schön, den beiden Turteltauben dabei zuzusehen, wie sie tiefe Blicke austauschen und sich verspielt über das Gelände jagen. Umso schlimmer ist es allerdings, als schon nach wenigen Minuten die Stimmung kippt und zunehmend in Hoffnungslosigkeit versinkt. Einen kleinen Lichtblick gibt es, doch erneut reißt Michal Kosakowski eine tiefe Wunde auf und entblößt die Grausamkeit, zu der Menschen in der Lage sind. Was zunächst wie ein pathetisch anmutender Twist wirkt und schon den mahnenden Zeigefinger vermuten lässt (der Mensch ist einfach eine Bestie), offenbart spätestens mit dem Monolog des Obernazis (Andreas Pape) seinen tieferen Sinn. Wie bei allen Episoden, möchte ich auch hier empfehlen, sich einmal das Interview mit den Regisseuren durchzulesen. Dieses findet ihr entweder im Booklet des Mediabooks oder auf der Webseite des Deadline Filmmagazins (klick). Hier gehen die drei Filmemacher auf die Hintergründe ihrer einzelnen Beiträge ein. 

Schauspielerisch wird in Make a Wish von allen sehr gut abgeliefert. Annika Strauss hat ihre Performance auch beim diesjährigen Horrorfilmdarsteller-Voting eingereicht und konnte mit den letzten Punktevergaben noch an der bis kurz vor Schluss gleichauf liegenden Kristina Kostiv vorbeiziehen. Das ist insofern interessant, da auch diese vielversprechende Schauspielerin in German Angst eine Rolle hat, allerdings nicht in dieser, sondern in der letzten Episode mit dem Titel…

 

Alraune

In diesem Kapitel begleiten wir den Künstler Eden (Milton Welsh, Der Ghostwriter), welcher von der übermächtigen Begierde nach der jungen Stripperin Kira (Kristina Kostiv) getrieben ist. Eines nachts folgt er ihr bis zu einer Wohnung, in der regelmäßig eine Gruppe von Anbetern der Alraune zusammenkommt. Diesem Wurzelgewächs sagte man in der Vergangenheit eine heilende und aphrodisierende Wirkung nach. Eden tritt dem Geheimclub bei und erlebt unter dem Einfluss der Pflanze die Erfüllung seiner kühnsten, sexuellen Fantasien. Doch neben der berauschenden Wirkung lässt er noch etwas Anderes, Finsteres in seinen Körper und Geist eindringen. Die Folgen bekommt am Ende nicht nur er zu spüren, sondern auch die Person, die ihm am nächsten steht…

Alraune unterscheidet sich in mehreren Punkten von den ersten beiden Episoden. Zunächst einmal wird hier fast nur englisch gesprochen (mit deutschen Untertiteln), wobei vor allem die Monologe von Hauptdarsteller Milton Welsh aufgrund seiner basslastiger Stimme ein echter Ohrenschmaus sind. Aber auch optisch bedient sich Regisseur und Drehbuchautor Andreas Marschall anderer Techniken und bettet seinen Kurzfilm in ein fiebertraumartiges Gewand, das den Rausch der Hauptfigur sehr gut transportiert. Außerdem ist es dieses letzte Kapitel, in dem die fantastischen Elemente am deutlichsten zutage treten, wobei hier vor allem die erotischen Szenen mit der großartig agierenden Kristina Kostiv und das Ende zu nennen wären, in dem sogar Versatzstücke des Monsterhorrors zum Einsatz kommen. Am Ende ist es dann aber doch wieder die Realität, von der sowohl die Figuren, als auch der Zuschauer eingeholt werden. Dieser auf den Boden der Tatsachen niederschmetternde Twist überrascht nicht nur, er stellt in gleichem Maße das zuvor Erlebte infrage, wie es in Buttgereit’s Final Girl der Fall ist. Und mit diesen letzten, wuchtigen Szenen leitet Alraune den Abspann ein…

 

Schlusswort

Während dieser über den Bildschirm flimmert, sieht man Ausschnitte aus dem mit einer Super-8-Kamera aufgenommenen Making-Of. Dieses passt damit stilistisch wunderbar zu einem weiteren Element, das die Einzelteile der Anthologie miteinander verbindet: Zwischen allen drei Episoden werden kurze Videos von Berlin, dem Dreh- und Angelpunkt der Geschichten, gezeigt. Ebenfalls im Schmalfilmformat festgehalten, blicken einem die in Stein gehauenen Antlitze von schreienden Kindern und dämonenähnlichen Gestalten entgegen. Diese Statuen bilden schließlich den Ringschluss zum historisch geprägten Titel und versinnbildlichen nochmal die Idee, den Film ausschließlich in der deutschen Hauptstadt aufzunehmen. Es gäbe wahrlich noch mehr über German Angst zu berichten, doch zum Einen sollte man sich dies am Besten selbst anschauen und zum Anderen würde es nichts daran ändern, dass es sich hierbei um ein cineastisches, rundes Gesamtkunstwerk handelt, welches durch seine durchdachte Inszenierung, intelligent erzählten Geschichten und eine bedrückende Atmosphäre besticht. 

 

Bilder aus dem deutschen Underground

Missbraucht und gebrochen: Das "Final Girl" (Lola Gave)

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Für ihn wird's langsam eng (Axel Holst).

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Erinnerungen an eine finstere Zeit,...

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...deren braune Triebe bis heute bestehen.

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Alles andere, als ein gemütlicher Grillabend. (Denis Lyons)

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Geschlagen, gedemütigt, alleine (Annika Strauss).

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Sexuelle Begierde...

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...und ihre Erfüllung (Kristina Kostiv).

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Aus dem Traum wird Wahnsinn (Milton Welsh)...

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...dem keiner entkommen kann (Désirée Giorgetti).

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: German Angst | Regie: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marschall | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 118 Min. | Verleih: Pierrot Le Fou | DVD/BD/BD MB VÖ: 15.05.2015
German Angst (2015)
Prädikat: Tiefgründiges, deutsches Genrekino, das in keiner Sammlung fehlen sollte.
Story90%
Schauspieler85%
Spannung80%
Inszenierung90%
86%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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