Hardcore MB | Cover ©Capelight PicturesWenn man sich aktuell so das Weltgeschehen anschaut, dann kann es einem schonmal hochkommen. An allen Ecken und Enden sprühen die Funken, sprengen sich Leute in die Luft oder werfen Politiker mit Phrasen um sich, angesichts deren Wortwahl und Inhalt man 24/7 seinen Kopf gegen eine Wand schlagen möchte (wenn es denn was bringen würde). Dabei könnte es doch alles so einfach sein. Nehmen wir beispielsweise mal Russland und die westliche Welt, allen voran die USA (der Klassiker). Während die hochrangigen Regierungsmitglieder nicht müde werden, sich gegenseitig anzubitchen, fährt der russische Regisseur und Drehbuchautor Ilya Naishuller das deutlich produktivere Kontraprogramm. Er hat nämlich eine Crew und einen Cast u.a. aus England, Südafrika sowie den USA um sich versammelt, seinem Kameramann eine GoPro vor das Gesicht gebastelt und mit einem verhältnismäßig kleinen Budget einen der abgedrehtesten, großartigsten und schnellsten Actionstreifen der letzten Jahre geschaffen. Der Titel Hardcore passt dabei so gut wie die Faust auf’s Auge, was schon nach wenigen Minuten klar wird. Denn anstatt erstmal zu erklären, worum es eigentlich geht, wird der Zuschauer direkt ins Geschehen geschmissen. So ist das Erste, was man nach einem stimmungsvollen Vorspann zu sehen bekommt, wie…

…Henry erwacht. Er befindet sich auf einer Liege mitten in einem steril und hochtechnisierten Raum. Vor ihm steht eine Frau, die behauptet, mit ihm verheiratet zu sein. Ihr Name sei Estelle (Haley BennettThe Equalizer). Doch Henry kann sich an nichts erinnern. Blöd ist außerdem, dass er keine Stimme hat und sich daher erst einmal mit dem zufriedengeben muss, was sie ihm erzählt. Während sie ihm unterhalb von Knie- und Ellbogengelenk die fehlenden Körperteile durch ein mechanisches Pendant ersetzt, erklärt sie ihm außerdem, dass sein Sprachmodul noch nicht installiert sei. Aber das Problem könnten ihre Kollegen lösen und da Henry gerade nichts Besseres zu tun hat, folgt er ihr zu eben diesen in den Nebenraum. Die Einrichtung seiner Stimme scheitert jedoch, als die Tür zu dem Labor gesprengt wird und das Chaos losbricht…

Mehr, als die Schilderung dieser ersten Filmminuten möchte ich eigentlich gar nicht verraten, zumal sich das, was in den folgenden 1 1/2 Stunden folgt, nur schwer beschreiben lässt. Hardcore ist wie eine Film gewordene Non-Stop Achterbahnfahrt, während der einem im Minutentakt unfassbar irrwitzige Ideen und ein Soundtrack zum Niederknien um die Ohren gehauen werden. Das gesamte Geschehen wird dabei aus der Ego-Perspektive gezeigt. Will heißen, dass man es aus der Sicht von Henry verfolgt. Wer sich darunter noch nichts vorstellen kann, dem seien als Vergleich am ehesten noch die berühmt-berüchtigten Ego-Shooter aus der Welt der Computerspiele genannt. Und genau wie in einem solchen fühlt man sich mitunter während der Sichtung von Hardcore, insbesondere, wenn der Protagonist, dessen Gesicht man übrigens im ganzen Streifen nur einmal kurz zu sehen bekommt, seine Verfolger mit einem abwechslungsreichen Arsenal an Wummen oder Granaten dezimiert. Ilya Naishuller’s Werk geht jedoch weit über die bloße Inszenierung eines Shooters hinaus. Es verbindet dieses Element noch mit dem schnellen, wendigen und vor allem aus dieser Ich-Perspektive äußerst beeindruckenden Fortbewegungsstil der Sportart Parkour, bei der Leute

scheinbar mühelos und ganz flüssig Hindernisse überwinden, durch Fenster springen oder über Dächer hüpfen (einen Videolink zu einem entsprechenden Beispiel packe ich einmal unten in die Box “Zusatzinfos”). Im Übrigen gibt es auch hierfür Beispiele aus dem Bereich der Videospiele, wobei insbesondere die Titel Mirror’s Edge und Dying Light zu erwähnen wären. Warum ich das nochmal explizit aufführe? Nun, wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, der wird schnell merken, dass auch Ilya Naishuller offensichtlich ein großer Fan eben solcher Games ist, was sich vor allem in einigen Szenen zeigt, welche als direkte Hommage an die digitale Zockerwelt zu verstehen sind.

Aber keine Sorge: Auch alle anderen Zuschauer werden ihren Spaß mit dem Streifen haben. Dies liegt zum Beispiel an der Art und Weise, wie die Story erzählt wird. Der Film liefert erst nach und nach Antworten auf die Fragen, was genau vor sich geht, wer oder was Henry eigentlich ist und warum ihm scheinbar alle an den Kragen wollen, wobei es mir durchaus Spaß bereitet hat, mir mein eigenes Bild zu machen, bis zum Ende hin alles aufgelöst wurde.

All dies geschieht wohlgemerkt parallel zu der Daueraction, welche nur ab und an von ruhigeren Momenten unterbrochen wird.

Alleine hierfür verbeuge ich mich vor dem Regisseur, zumal es in meinen Augen einfach zu wenige Werke gibt, die an dieser Front keine Kompromisse machen, wo ständig etwas in Bewegung ist und sich dennoch eine Story entfaltet, die den Zuschauer inhaltlich bei Laune hält. Dies ist ihm mit Bravour gelungen. Und auch seine Darsteller tragen einen großen Teil dazu bei, dass all dies so wunderbar und harmonisch funktioniert. Egal ob Sharlto Copley (District 9Elysium) in einer sehr abwechslungsreichen und amüsanten Rolle, Danila Kozlovsky (Vampire Academy, die Ähnlichkeit des Nachnamens zu Mike Glotzkowski aus der Monster AG ist übrigens reiner Zufall) als psychopathischer Größenwahnsinniger oder die attraktive Haley Bennett, quasi das Zünglein an der Waage – sie alle machen einen hervorragenden Job und setzen die verrückten Ideen des Drehbuchs gekonnt und sehr unterhaltsam um. Und dann wäre da noch der Soundtrack! Leute, was soll ich dazu noch schreiben…ich lasse einfach mal etwas die Titel sprechen: Don’t Stop Me Now (Queen), Let Me Down Easy (The Stranglers), Strychnine (The Stranglers) oder My Woman (Biting Elbows) sind nur ein paar Beispiele für ein Song-Repertoire, für das ich gerne demütig auf die Knie sinke. Und eines sei euch versichert: In solch einer audiovisuell wuchtigen und aberwitzigen Komposition wie in Hardcore habt ihr diese Titel noch nicht erlebt. Ich empfehle also ausdrücklich, dass ihr euch die CD, das MP3-Album oder gleich das Mediabook zum Film holt, welches neben der DVD und der BluRay auch den OST enthält.

Tja, und aus all diesen Gründen ist Hardcore nicht nur ein Feuerwerk für die (cineastischen) Sinne, sondern auch ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel schöner, lustiger und kreativer unsere Welt sein könnte, wenn man seine Stärken vereinen und nicht gegeneinander ausspielen würde. Daher beende ich diesen Artikel mit den Worten: Make movies, not war!

 

Hardcorebilder

Sie haben ein Problem? Henry hat die Lösung!

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Der neue Gameboy: Nichts für Techniklegastheniker.

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Dieser Herr ist ein echter "Tausendsassa". (Sharlto Copley)

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Action...

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...und noch mehr Action!

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Ein klarer Fall für den Augenarzt...und den Therapeuten! (Danila Kozlovsky)

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Lieber arm dran als Arm...oh! (Haley Bennett)

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Ein Blick hinter die Kulissen vom harten Henry!

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Russland, USA | Originaltitel: Hardcore Henry | Regie: Ilya Naishuller | Drehbuch: Ilya Naishuller, Will Stewart | Darsteller: Sharlto Copley, Danila Kozloysky, Haley Bennett | Produktion: Timur Bekmambetov, Sharlto Copley, Ilya Naishuller, Will Stewart, Oren Aviv | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 90 Min. | Verleih: Capelight Pictures | DVD/BD VÖ: 09.09.2016 | Videolink zum Thema Parkour: Youtube
Hardcore (2015)
Prädikat: Actionkino auf höchstem Niveau!
Story83%
Schauspieler90%
Spannung / Unterhaltung95%
Inszenierung100%
92%Wertung
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