Hi8-Resurrectio | Poster ©Stefan Sierecki, Isabelle Aring

Steven Lindemann (Oliver Troska) ist Filmstudent und hat einen großen Traum: Er möchte den blutigsten Streifen aller Zeiten drehen. Sowas kostet jedoch bekanntlich Geld und all seine Versuche, das Projekt zu finanzieren, sind bislang fehlgeschlagen. Das sein konservativer Professor Anthonius (Uwe Choroba) nicht müde wird, seinem Schüler einzutrichtern, dass er in Deutschland für so ein Werk nie die nötigen Mittel zusammenbekommen wird (womit er ja nun nicht ganz daneben liegt), steigert seine Laune auch nicht gerade. Umso neugieriger ist er, als eine Freundin ihm von einer Internetseite berichtet, auf der Leute mit guten Ideen für Filme gesucht werden. Die Bezahlung ist anständig und die dafür geforderte Gegenleistung scheint überschaubar. Klingt fast zu schön um wahr zu sein. Tja, und genau das ist es auch, denn mit seiner Kontaktaufnahme zu den Betreibern des Webportals betritt der junge Mann eine Welt der zügellosen Gewalt und Verführung, die bald schon seinen Geist zu vergiften droht.

Mit Hi8-Resurrectio liefert Stefan Sierecki nicht nur seinen ersten Spiel-, sondern auch seinen Diplomfilm ab  (einen Bericht zur Premiere gibt es hier). Klingt vertraut? Ja, denn tatsächlich ist es nicht nur der Name der Hauptfigur, der mich an den Regisseur und Drehbuchautor denken ließ, sondern auch die Situation, in der Steven sich befindet. Hat da vielleicht jemand persönliche Erfahrungen verarbeitet? Ich will es mal nicht hoffen…zumindest bis zu einem gewissen Grad, denn das, was Sierecki’s Protagonist durchleben muss, wünscht man nun wirklich niemandem. Soviel kann ich nämlich schon vorwegnehmen: Das Teil ist Splatter-/Torture-Kino par excellence! Selten wurde auf der Leinwand so explizit, häufig und kreativ getötet, wie hier und hätte das Script nicht noch zahlreiche auflockernde Momente zu bieten, wäre der Streifen einfach nur deprimierend. Dies ist aber glücklicherweise nicht gänzlich der Fall, denn während Oliver Troska sich immer mehr und intensiver in die Welt des Wahnsinns hineinsteigert, dürfen die Nebendarsteller hier und da für ein Schmunzeln sorgen. So sind beispielsweise die beiden “Portalbetreiber” (MolochMarcus Gruss), zu denen der Student Kontakt aufnimmt, gar nicht immer so böse, wie man zunächst meinen möchte. Vor allem aber sind es Piet Baltissen und Robin Stehr, die sich während des Höllenritts ihres Kumpels Steven in dessen Wohnung einen Troma-Film nach dem anderen reinfahren. Nebst weiteren Querverweisen auf so manches Genrewerk, wird spätestens mit der Hommage an die im Independentbereich legen- (warte, es kommt gleich) däre, amerikanische Produktionsfirma von Lloyd Kaufman und Mi-

chael Herz klar, dass Stefan Sierecki und sein Team den Stoff lieben, mit dem sie es zu tun haben. Und dieser Spaß, den sowohl Cast als auch Crew bei der Umsetzung des Projekts gehabt haben müssen, merkt man dem Streifen definitiv an. Vor allem jener Aspekt ist es schließlich auch, der ihn empfehlenswert macht! Verstärkt wird der positive Eindruck von David Phoneton‘s Soundtrack, welcher die Atmosphäre des Films sehr gut einfängt und unterstützt.

Sicher, das Werk hat seine Schwächen: Die Locations sind so übersichtlich wie die Story, sowohl Effekte als auch Inszenierung nicht immer einwandfrei (gerade bei der “Penisszene” war die Attrappe doch klar als solche zu erkennen) und zum Ende hin hat man noch so manch unnötiges Loch in die Logik gerissen. Des Weiteren sollte vor der Veröffentlichung für das Heimkino noch in Sachen Ton nachgebessert werden, da in manchen Szenen einzelne Sound auffällig dominant sind.

Gegen diese Kritikpunkte steht jedoch die je nach Situation mal locker aufgelegte, dann wieder bitterböse, vor allem aber überwiegend gute Performance der Darsteller, die gerade für Guts`n Gore Fans herrlich kompromisslosen Mordszenen und der eine oder andere Oneliner.

Hi8-Resurrectio wird sicher in vielerlei Hinsicht polarisieren, wenn er (voraussichtlich 2017) auf den Markt kommt: Die FSK dürfte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während so manch ein Genrefan sich die Finger danach lecken wird. Und diejenigen, die ihn sich anschauen, werden auch nicht alle Feuer und Flamme sein. Ich jedenfalls werde ihn mir zulegen, sobald er (hoffentlich ungeschnitten) verfügbar ist. Warum? Weil er bei aller Brutalität und Düsternis immer noch Spaß macht und sich schnell als ein Werk von Fans für Fans entpuppt. Wenn ich nun noch daran denke, was für Streifen heute in den Himmel gelobt werden, die ich kaum 5 Minuten ausgehalten habe, dann möchte ich nicht ausschließen, das Stefan Sierecki’s Film auch noch eine ganze Weile in Erinnerung bleiben wird.

Die Gewaltorgie in Bildern

Spieglein, Spieglein an der Wand...

©Stefan Sierecki

Käfighaltung im Folterkeller. (Carola Schmidt)

©Stefan Sierecki

Autschn! (Oliver Troska)

©Stefan Sierecki

Der Bruderflüsterer: Joris Schwarz (rechts)

©Stefan Sierecki

Hier wird dringend eine Putzfrau benötigt!

©Stefan Sierecki

Moloch - Maske by Daniel Zille Jr.

©Stefan Sierecki

Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Hi8-Resurrectio | Regie: Stefan Sierecki | Drehbuch: Stefan Sierecki | Darsteller: Moloch, Oliver Troska, Piet Baltissen | Produktion: Gabrielle Sierecki, Jürgen Sierecki, Stefan Sierecki | Freigabe: Ungeprüft | Uncut: Ja | Spieldauer: 73 Min. | Verleih: Ruhrakademie | DVD/BD VÖ: voraussichtl. 2017 | Social Media: Facebook

Hi8-Resurrectio (2016)
Prädikat: Höllische Gewaltorgie, die sich selbst nicht zu ernst nimmt.
Story70%
Schauspieler80%
Spannung75%
Inszenierung85%
78%Wertung
Leserwertung: (3 Votes)
75%

Eine Antwort

  1. Tonio

    Junge, Junge, da wird gemetzelt, was das Zeug hält… Ich schicke voraus, dass ich potenziell eher zu den (das ist jetzt nicht im politischen Sinne gemeint) besorgten Bürgern gehöre, die aufzuschreien geneigt sind, wenn es kein Halten mehr gibt. Da ich den Film auf Wunsch meines Sohnes gesehen habe, der nicht in die Klischeeschublade degenerierter gewaltaffiner junger Erwachsener gehört, möchte ich diese Keule aber im Sack lassen und mich auf den Film einlassen. Trotz teilweise großer Vorbehalte kann und will ich ihm Qualitäten nicht absprechen. Okay, das aus meiner Sicht Negative zuerst: Weniger ist mehr, und über das zweifelhafte „Vergnügen“ hinaus, dem Ausloten von Grenzen zuzusehen, sehe ich in der Drastik keinen Sinn, die ich ablehne. Während der Film am Anfang noch das eine oder andere geschickt verbirgt, übertreibt er es später, am Bezeichnendsten vielleicht beim „Abspritzen“ – das ist meines Erachtens auch eine künstlerische Selbstbefriedigung. Und das erste Drittel ist richtig schlecht, geradezu amateurhaft in hölzern aufgesagten Texten, einer Soundabmischung bis zur Unverständlichkeit und einer Zurschaustellung des Asozialen, die fast dokumentarisch wirkt, sodass ich mich in der unangenehmen Situation fühlte, in einer Gesellschaft zu sein, die ich ohne mindestens fünf Bier eher meiden würde. „Troma“-Gespräche machten es nicht besser. Was der Rezensent hier witzig findet, hat mich umgekehrt gestört. Interessanterweise wird der Film trotz der fast unerträglichen Brutalitäten später besser, kommt auch eine klassische Spannung auf und lässt das Ende neben vielem anderen auch eine (anti-)religiöse Deutung zu. Nachdem der Künstler („Autor“, kommt von „auctoritas“, also Urheberschaft, aber auch Macht) Schöpfer sein wollte, zum Geschöpf degradiert wurde und schließlich wieder Schöpfer sein will, muss er erkennen, dass die Frage, ob der Mensch autonom oder Getriebener ist, fatalistisch beantwortet wird: Alle wurden offenbar von einem höheren Wesen gelenkt, welches in einem Humanexperiment mal austesten wollte, wozu der „freie Wille“ führen kann, welchen aber genau dieses höhere Wesen den Menschen gibt – sodass er nicht existiert. Statt Auferstehung (resurrectio) eher ein zum Scheitern verurteilter Aufstandsversuch. Dass das Auto weiß ist, liegt sicherlich nicht nur daran, dass sich Blut hierauf besser abzeichnet, sondern auch daran, dass dieses Auto mit der höheren Macht assoziiert ist, welche bei aller Grausamkeit unbefleckt bleibt, weil sie diese Grausamkeit auslöst/zulässt, ohne ihr Teil zu sein. Am Ende ist das Auto wieder blutunbefleckt, eigentlich ein Logikfehler, aber sicherlich symbolisch gemeint. Ein grausamer Gott hat sein Experiment beendet, das grausame Weltgeschehen lässt er weitergehen. Das hat mich an den Schluss von Terry Gilliams „Time Bandits“ erinnert. Das bietet Interpretations- und Diskussionsstoff; man kann den Film nicht als stumpfen Gewaltexzess abtun. Gleichwohl ist mir Gilliam lieber als diese Drastik…

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