Inside Horror - Warum wir uns so gerne gruseln | Cover ©Tiberius FilmKannst du dich noch an deinen ersten Horrorstreifen erinnern? Weißt du noch, wie es war, zum ersten Mal die Mattscheibe anzustarren und dabei ein Unwohlsein zu empfinden, welches dich entweder so entsetzt hat, dass du dir nie wieder freiwillig so etwas anschauen wolltest, oder, dass dich auf eine prickelnde, aufregende Art und Weise fasziniert hat? Ich kann mich noch ziemlich gut daran entsinnen, wie ich in jungen Jahren in das Wohnzimmer gekommen bin, wo sich meine Eltern gerade Terminator 2 – Tag der Abrechnung angesehen haben. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde ich bei solchen Streifen immer in meine Stube geschickt, weil das ja noch nichts für meine Kinderaugen war. An diesem Tag jedoch meinten sie, dass ich ruhig bleiben könne, da ich nun ja alt genug sei. Und obwohl James Cameron’s Werk nun weiß Gott kein Horrorstreifen ist, fühlte es sich für mich damals so an. Bis heute kann ich mich noch daran erinnern, wie ich zugleich erschrocken und begeistert war, als Arnold Schwarzenegger den Quecksilberkörper des T-1000 (Robert Patrick) zerbombte. Ich behaupte sogar, dass ich damals meine allererste Splatterszene gesehen habe. Ab dem Zeitpunkt war es um mich geschehen und ich flehte meine Eltern regelmäßig an, mir Stephen King’s ESPoltergeist oder die Critters in der Videothek auszuleihen oder im TV aufzuzeichnen. Letztgenanntes Werk „durfte“ sich sogar meine Oma sogar mal mit mir anschauen, während sie auf mich aufgepasst hat. Parallel dazu malte ich blutrünstige Monster auf ein Blatt Papier. Ich könnte mir vorstellen, dass sie froh war, als der Abend sich dem Ende neigte. Aber was war es eigentlich, dass mich an diesen Streifen so faszinierte?

Genau diese Frage stellt sich Tal Zimerman in der Dokumentation Inside Horror – Warum wir uns so gerne gruseln. Er ist selbst durch und durch ein Genrefreund und Sammler von allem, was damit zu tun hat. Als jedoch sein Sohn geboren wurde, fing er an sich darüber Gedanken zu machen, ob sein Steckenpferd wirklich ein Teil dessen sein soll, was er seinem Kind mit auf den Weg gibt, denn natürlich würde dieses früher oder später etwas davon aufschnappen. Schließlich begann er sein Hobby zu reflektieren und begab sich auf eine Reise durch zahlreiche Länder, um deren individuelle, künstlerische Ausdrucksform des Bizarren, Paranormalen und Gewalttätigen kennen zu lernen. Mit im Gepäck hatte er dabei immer die Frage: Why Horror (so der englische Originaltitel)? Um eine Antwort darauf zu finden, ließ er unter anderem Tests an sich selbst durchführen, bei denen gemessen wurde, wie sein Körper auf die Sichtung eines entsprechenden Streifens reagiert.

Außerdem sprach er mit Regisseuren, Produzenten, Autoren, Redakteuren, Wissenschaftlern und Menschen, bei denen der Tod Teil ihrer Kultur und weniger ein Grund zum Trauern, sondern vielmehr zum Zelebrieren ist. In den Interviews konzentrierte er sich jedoch nicht nur auf das Thema Film, sondern geht viel weiter zurück, bis in eine Zeit, in der wir gerade erst anfingen, uns in bildlicher Form auszudrücken. Doch reicht all das, um eine Antwort auf seine Frage zu finden?

Inside Horror kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn die Doku richtet sich sowohl an jene, die sich ohnehin viel mit dem Thema befassen, als auch an diejenigen, die eigentlich nichts damit anfangen können.

Es ist doch so: Obwohl sich das Genre einer nie dagewesenen Popularität erfreut, ist es noch immer stigmatisiert. Wenn man sich mit anderen beispielsweise über Filme oder Videospiele unterhält und als jemand „outet“, der sich gerne mit Werken beschäftigt, die gruselig oder brutal sind, dann erntet man nicht selten fragende oder gar unverständnisvolle Blicke. Zu erklären, warum man Gefallen an so etwas findet, fällt da oft nicht leicht. Der unter der Regie von Nicolas Kleiman und Rob Lindsay entstandene Film liefert hier einige sehr interessante Ansätze, stellt das Thema in einen kulturellen sowie historischen Kontext und erklärt u.a., warum es jeden von uns auf die eine oder andere Weise beschäftigt – egal, ob aktiv oder passiv. Sehr gut hat mir gefallen, dass die Doku aus der Sicht von jemandem erzählt wird, der selbst ein Teil der Fangemeinde ist, sein Hobby jedoch anlässlich der neuen Lebenssituation angefangen hat in Frage zu stellen. So werden während der 81 Min. Laufzeit nicht nur zahlreiche Fakten vermittelt, man lernt auch einen Menschen kennen, der in erster Linie ein ganz normaler Familienvater ist. Dadurch fällt es leicht, sich mit ihm zu identifizieren und man begleitet ihn vorurteilsfrei auf seiner Reise.

Einzig schade finde ich, dass es bis auf einige Trailer keinerlei Extras auf die Disc geschafft haben, denn ich hätte gerne noch ein paar mehr Hintergrundinfos zur Entstehungsgeschichte der Doku gehabt. Aber auch so ist mit Inside Horror ein hochinteressantes und informatives Werk entstanden, dass eine Pflichtlektüre für alle sein sollte, die sich mit Kunst und Medien befassen.

Bildeindrücke von Tal Zimerman’s Reise durch das Reich des Horrors

Ein Horrornerd im Paradies: Tal Zimerman.

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Día de los Muertos - Der Tag der Toten (Mexiko).

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Der Tod ist nicht in jeder Kultur etwas Trauriges.

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Braaaaaaiiiiins!

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Als Genrefan kann man sich schonmal isoliert fühlen.

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[otw_shortcode_info_box border_type=“bordered“ border_color_class=“otw-black-border“ border_style=“bordered“ shadow=“shadow-down-right“]Zusatzinfos | Herkunftsland: Kanada | Originaltitel: Why Horror? | Regie: Nicolas Kleiman, Rob Lindsay | Drehbuch: Rob Lindsay | Darsteller: Eli Roth, John Carpenter, George A. Romero, Tal Zimerman | Produktion: Bob Culbert, Don Ferguson, Colin Geddes | Freigabe: FSK 16 | Uncut: Ja | Spieldauer: 81 Min. | Verleih: Tiberius Film | DVD/BD VÖ: 06.10.2016[/otw_shortcode_info_box]

Inside Horror - Warum wir uns so gerne gruseln (2014)
Prädikat: Eine unterhaltsame, informative und persönliche Reise durch die Welt des Horrors: Sehr gut!
Informationsgehalt90%
Unterhaltung85%
Inszenierung90%
88%Wertung
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