Into the Forest | Cover ©Capelight PicturesWeit von der nächsten größeren Stadt entfernt und mitten in einem wunderschönen Wald steht ein gepflegtes und gemütliches Haus. Hier wohnen Nell (Ellen PageSuper), die von ihrem Vater auch liebevoll Pumpkin genannt wird, ihre Schwester Eva (Evan Rachel WoodWestworld) und das alleinerziehende Familienoberhaupt Robert (Callum Keith RennieWarcraft: The Beginning) . Es ist spät am Abend und während der Papa vor der Glotze hängt, lernen seine Töchter für die Uni bzw. die Ballettgruppe. Doch der Moment der einträchtigen Harmonie wird jäh unterbrochen, als plötzlich alle Lichter ausgehen. Gut, dass kann so fernab vom Schuss schonmal passieren…dann hilft man sich eben mit Taschenlampen oder Kerzen aus, bis der Strom wieder fließt. Genau hier liegt allerdings das Problem, welches nicht nur das Leben unserer Hauptfiguren, sondern auch das aller anderen grundlegend ändern wird: Eine nicht näher benannte Katastrophe hat sprichwörtlich über Nacht sämtliche Annehmlichkeiten unserer modernen Zivilisation zunichte gemacht und die Menschen müssen sich an ein Leben ohne Internet und Elektrizität gewöhnen. Aber irgendwann wird die Chose doch mal wieder laufen? Davon sollte man zumindest ausgehen und doch richtet sich die Familie auf eine längere “Durststrecke” ein. Dann geschieht jedoch ein weiteres Unglück, das die Lage sowohl emotional als auch physisch bedeutend schwieriger macht…

Kennst du das Gefühl, wenn du ein Buch gelesen oder einen Film gesehen hast und davon so begeistert warst, dass du nach den letzten Zeilen bzw. dem Abspann keine weiteren Sinneseindrücke an dich heranlassen wolltest, um die Atmosphäre des Werks noch einmal in Ruhe “nachhallen” zu lassen? Das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe, war nach der Lektüre von Der Greif (Wolfgang und Heike Hohlbein). Seinerzeit wollte ich monatelang nichts anderes mehr lesen, weil mich dieser Roman so nachhaltig beeindruckt hat. In den vergangenen Jahren gab es natürlich noch weitere geschriebene oder verfilmte Stücke, die diesen Effekt auf mich hatten…doch es waren nicht viele. Into the Forest von Regisseuren und Drehbuchautorin Patricia Rozema ist aber seit Langem mal wieder so ein Fall. Nachdem mich der Streifen gut 1 1/2 Stunden regelrecht an die Couch gefesselt hat, bin ich im Anschluss einen Moment vor die Tür gegangen, um das Gesehene nochmal Revue passieren zu lassen. Dabei ist das auf dem gleichnamigen Buch von Jean Hegland basierende Drama auf den ersten Blick alles andere als nervenaufreibend. Seine Wirkung entfaltet sich erst, wenn man die Geschichte von Anfang bis zum offenen, allerdings auch die Phantasie anregenden Ende erlebt und sich gemeinsam mit Nell, Eva und Robert auf eine emotionale Reise begibt, welche

mich auf eine Weise gepackt hat, wie es nur wenige Werke vermögen. Grund für meine stille, teils tränenreiche, dann wieder extrem angespannte Begeisterung ist zunächst einmal die von der ersten Sekunde an astreine Inszenierung. Der Erzählstil ist ruhig und in Kombination mit dem grandiosen Score von Max Richter (Shutter Island) fast schon meditativ. Passenderweise gibt sich das Setting sehr naturbelassen und konzentriert sich, bis auf wenige Ausnahmen, auf den Wald sowie die scheinbar nur aus Glas und Holz gebaute Familienbehausung. Dass die hier gezeigte Apokalypse vollkommen entschleunigt und komplett ohne Effekthascherei auskommt, bedingt schließlich die Konzentration auf die Figuren und ihren Umgang mit der neuen Situation. Dementsprechend muss insbesondere das Schauspiel der beiden Hauptdarstellerinnen überzeugen. Und das gelingt ihnen ohne jeden Zweifel. Was die beiden Damen hier abliefern hat mich sprachlos zurückgelassen.

Insbesondere die Intensität, mit der Ellen Page ihre Rolle interpretiert, ist so überwältigend, fröhlich und schmerzhaft, wie ich es selten gesehen habe. Aber auch Evan Rachel Wood ruft eine famose Leistung ab.

Alleine aufgrund dieser beiden Aspekte gelang es dem Film schon direkt zu Beginn, dass ich voll bei der dreiköpfigen Familie war, deren sympathische Einheit mich sofort mitgerissen und verzaubert hat. So brauchte es später dann auch gar keine weiteren Katastrophen am laufenden Band, um mich bei der Stange zu halten. Zwar geschehen einige schreckliche Dinge, doch es herrscht eben keine ständige Angst vor dem nächsten Unheil. Nein, es sind bereits die alltäglichen, normalen Probleme einer urplötzlich entmodernisierten Gesellschaft, welche für ausreichend Zündstoff und Unterhaltung sorgen, sodass ich mich trotz der gemächlichen Inszenierung nicht einen Moment gelangweilt habe.

In meinen Augen hat Patricia Rozema mit Into the Woods nicht weniger geschaffen, als ein Werk, dessen Schönheit und poetische Komposition selbst durch die bittersten, kaum erträglichen Momente nicht zerrissen wird. Und hier passen Story und Erzählstil selbst im Subtext wieder wunderbar zusammen, denn beide strahlen entgegen der vermeintlichen Hoffnungslosigkeit die Liebe zum sowie den Kampf für das Leben und füreinander aus.

Bilder vom Ende der Moderne

Nachdenkliche Momente...

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Einkaufen wird nie mehr das Gleiche sein. (vlnr.: Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie, Ellen Page)

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Eine Erklärung für die Ereignisse liefert auch das Radio nicht.

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Benzin wird zu einem extrem seltenen Gut.

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Liefert eine unfassbar gute Performance ab: Ellen Page.

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Wenn es keine Apotheken mehr gibt, muss man sich in Naturheilkunde üben.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Kanada | Originaltitel: Into the Forest | Regie: Patricia Rozema | Drehbuch: Patricia Rozema | Darsteller: Ellen Page, Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie | Produktion: Ellen Page, Kelly Bush Novak, Jason Cloth | Freigabe: FSK 12 | Uncut: ja | Spieldauer: 101 Min. | Verleih: Capelight Pictures | Produktionsjahr: 2015 | DVD/BD VÖ: 17.02.2017
Into the Forest (2017)
Prädikat: Eine natürliche Schönheit.
Story85%
Schauspieler95%
Spannung87%
Inszenierung95%
91%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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