Kilo Two Bravo | Cover ©Capelight PicturesEs sollte doch eigentlich nur ein gemütlicher Abend vor dem Fernseher mit einem spannenden Film werden…naja, zumindest Letzteres habe ich bekommen, als ich mir Paul Katis’ Antikriegsfilm Kilo Two Bravo herausgepickt habe. An Gemütlichkeit war jedoch schon bald nicht mehr zu denken. Stattdessen saß ich irgendwann in höchster Anspannung und mit einem Stück Kolterdecke zwischen den Zähnen (ich musste auf etwas beißen, das sich nicht wehren kann) auf der Couch und konnte kaum ertragen, was sich da auf dem Bildschirm abspielte. Noch etwas später standen mir gar Tränen in den Augen…nur wie konnte es soweit kommen? Du erfährst es in den folgenden Zeilen…

Afghanistan im Jahr 2006: An der Kajaki-Talsperre fristet eine Gruppe junger, britischer Soldaten ihr Dasein in einem alles andere als aufregenden Kriegsgebiet. Ihre Aufgabe besteht darin, die Gegend zu beobachten und mögliche Talibanaktivitäten zu zerschlagen. Hierfür hat man sie auf eine höher gelegene Stellung mit wenig Schatten und Wasser, dafür aber viel Sand und Langeweile verfrachtet. Außer dem regelmäßigen Blick durch das Fernglas, den Nachtwachen sowie dem notdürftig (nach alter MacGyver-Art) zusammengebastelten Schachspiel gibt es hier nämlich nicht viel zu tun. Auf einer ihrer Erkundungstouren geschieht dann jedoch etwas, dass nicht nur den Einsatz, sondern auch das Leben eines jeden Einzelnen von ihnen für immer verändern wird: Einer ihrer Kameraden aus der Kompanie Kilo Two Bravo tritt in besagter Talsperre auf eine Landmine und muss dringend versorgt werden. Als Corporal Mark Wright (David ElliotOutlander) und die Anderen vor Ort sind, um ihrem Kollegen zu helfen, müssen sie zu allem Übel feststellen, dass die Gefahr längst noch nicht gebannt ist. So beginnt für die ganze Truppe ein zermürbender Kampf ums Überleben.

Meine! Fresse! Wenn ich Fingernägel kauen würde, dann hätte ich nach diesen knappen 2 Stunden blutige Fingerkuppen gehabt. Was Regisseur Paul Katis (u.a. mit Unterstützung zahlreicher Supporter, welche über die Crowdfunding Plattform indiegogo ihren Teil zur Entstehung beigesteuert haben) hier auf die Beine gestellt hat, ist nervenaufreibendes Kino, wie ich es selten erlebt habe. Und dabei beginnt alles mit einer fast schon unerträglichen Gemächlichkeit, da sich das erste Filmdrittel auf den Kampf der Soldaten gegen die Langeweile konzentriert. Dieser ist zwar nicht so intensiv, wie das, was später folgt, zeigt aber bereits das fantastische Gespür des Filmemachers und seines Teams dafür, Situationen greifbar und authentisch zu inszenieren. Ohne Probleme konnte ich mich in die Lage der Kameraden versetzen und überlegte mir schon nach kurzer Zeit, was ich in einer Situation tun würde, in der ich ohne eine produktive Aufgabe eigentlich nur anwesend sein muss, während das Damoklesschwert eines plötzlichen Gefechts stets über mir hängt. Schrecklich! Dieser Einstieg ist daher auch alles andere als öde! Er ermöglicht es vielmehr, dass man sich in die erdrückende Niedergeschlagenheit der dort Stationierten hineinfühlen kann und durch die (mitunter von haufenweise Schimpfwörten dominierten) Dialoge etwas über die Figuren erfährt. Doch kaum, dass ich mich innerlich zurückgelehnt hatte, weil ich auch für die restliche Laufzeit einen vielleicht noch spannenden, aber in erster

Linie unterhaltsamen (sofern man das von solch einem Werk sagen kann) Film erwartete, haute mich Kilo Two Bravo plötzlich in alter Galliermanier aus den Latschen und verpasste mir bis zum Ende am laufenden Band Schläge in die Magengrube. Ab diesem Punkt fürchtete ich, dass es jederzeit zur nächsten Katastrophe kommen könnte. Wie man sicherlich merkt, möchte ich möglichst wenig über die weitere Story preisgeben (man muss sich das einfach selbst anschauen). Nur soviel: Ich frage mich, wie ein Mensch unter solch einem Wahnsinn nicht zusammenbrechen kann…zumindest, wenn sich die Situation damals wirklich so abgespielt hat (die Einblendung von Bildern der Soldaten, deren Erlebnisse hier verfilmt wurden, vermittelt zumindest glaubwürdig, dass “KTB” wirklich auf wahren Begebenheiten beruht).

Dass all dies so gut gelingt, liegt vor allem am Schauspiel des gesamten Cast. Ohne eine aufwendige Kulisse (wenngleich das Produktionsdesign sehr gute Arbeit geleistet hat, um dem Streifen zu der so wichtigen Authentizität zu verhelfen), einen bombastischen Soundtrack oder ausufernde Effekte müssen sie das Teil quasi im Alleingang tragen, was ihnen ohne Frage gelungen ist.

Wir haben es hier nicht mit irgendwelchen Supersoldaten zu tun, die körperlich und emotional so stabil wie Panzerstahl sind, sondern mit ganz normalen Typen, die dicke Sprüche raushauen, wenn sie außer Gefahr sind, denen jedoch die Angst ins Gesicht geschrieben steht, sobald die Kacke am Dampfen ist. Keine Angsthasen, nein, aber verdammt nochmal Menschen, mit denen man sich verbunden fühlen kann, auch wenn man (wie ich) noch nie etwas mit dem Militär am Hut hatte. Sie zittern, sie weinen, sie sorgen sich um ihre Familien und was aus den Liebsten wird, wenn sie es nicht aus dieser sandigen Hölle herausschaffen sollten. Da wirkt selbst die Szene, in der einem schwer verwundeten Marine von seinem Kollegen mit Filzstift ein frecher Spruch ins Gesicht gemalt wird noch authentischer als irgendeine überschwängliche Glorifizierung der Kameradschaft untereinander. Klar wird diese hier ebenfalls inszeniert und das ist auch gut so! Man zeigt aber gleichzeitig, dass jeder anders mit solch einer brenzligen Lage umgeht…und mancher ist dann eben ein Arsch. Das schauspielerische Portfolio ist also groß und die Darsteller liefern es in jeder Sekunde ab – davor ziehe ich meinen Hut!

Kilo Two Bravo hat mich überrascht, nein, er hat mich überrollt und so saß ich am Ende mit nachdenklichem Blick sowie leicht feuchten Augen da und lauschte dem eigentlich wunderschönen, in diesem Moment aber todtraurigen Lied All of My Life von Phoebe Katis. Wer da nicht wenigstens kurz innehält, um das Gesehene mit einigen Sekunden der Stille wertzuschätzen, der hat wohl kein (Film-)Herz.

Der Überlebenskampf in Bildern

Urlaub oder Arbeit? Man weiß es nicht so genau...

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Gemütlicher Spaziergang im Kriegsgebiet.

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Da rührt sich was in der Wüste...

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Kameradschaft ist bald das Einzige, was sie noch am Leben hält.

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Hilfe soll kommen...nur wann?

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Großbritannien | Originaltitel: Kajaki – The True Story | Regie: Paul Katis | Drehbuch: Tom Williams | Darsteller: Mark Stanley, David Elliot, Malachi Kirby | Produktion: Andrew de Lotbiniere, Peter Hampden, Phil Hunt, Crowdfunding | Freigabe: FSK 16| Uncut: Ja | Spieldauer: 104 Min. | Verleih: Capelilght Pictures | DVD/BD VÖ: 19.08.2016
Kilo Two Bravo (2014)
Prädikat: Realer Horror in der Wüste Afghanistans. Herausragend!
Story83%
Schauspieler90%
Spannung95%
Inszenierung87%
89%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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