Lindemann - Skills in Pills (Cover)

Skills in Pills…was ein dämlicher Name, dachte ich mir, als ich diese Woche bei der Suche nach neuer Mucke über die Platte stolperte. Klingt irgendwie nach Drogen Hip-Hop. Zu dem Zeitpunkt hatte ich jedoch weder das Cover noch den Bandnamen gesehen. Im zweiten Anlauf schaute ich genauer hin. Lindemann…das sagt mir doch irgendwas. Spätestens bei diesem Namen hätte mir die Erkenntnis wie ein Rammstein, äh -bock vor’s Hirn stoßen müssen. Letztlich hat’s aber *klick* gemacht und sofort war ich Feuer und Flamme. Da hat der Sänger einer meiner favorisierten deutschen Bands doch tatsächlich ein neues Album auf die Beine gestellt, ohne mir Bescheid zu geben. Das muss ich noch klären, aber für den Moment wollte ich erst einmal ganz schnell wissen, wie sich die Platte schlägt.

Ein Blick auf die Titel und ein Ohr auf die erste Auskopplung Praise Abort (übersetzt: Preiset die Abtreibung) ließ mir zunächst einen Schrecken durch Mark und Bein fahren: Till Lindemann konzentriert sich voll und ganz auf englische Texte. Alter, das kann nur schief gehen, dachte ich mir, zumal die bisher bei Rammstein aufgetauchten englischen Gesangspassagen eher von mittelmäßiger Qualität waren. Also befürchtete ich, dass auch Skills in Pills von der Marke „Ei sink siss is schitt“ sein könnte. Ihr versteht;) Ein erstes kleines Gänsehäutchen wanderte mir über den Arm, als ich diese Befürchtung nicht bestätigt hörte. Ab da war alles nur noch ein Geschenk für die Trommelfelle, die so etwas schon viel zu lange nicht mehr als akustisches Futter bekommen haben.

Es muss jetzt einfach raus: Die Platte ist der Shit (dieses mal im positivsten Sinne)! Was Till Lindemann und der für die Instrumentals zuständige Peter Tägtgren (Hypocrisy) hier abliefern, ist nicht weniger, als ein musikalischer Tsunami, der mich immer wieder auf’s neue umgefetzt. Tatsächlich ging es mir zuletzt so, als ich Liebe ist für alle da (Rammstein) gehört habe und trotz englischer Texte muss sich Skills in Pills diesen Vergleich gefallen lassen, denn es ist einfach nicht zu leugnen: Lindemann klingen sehr nach Rammstein. Das liegt vor allem an der markanten Frontstimme beider Bands und ist darüber hinaus als fettes Lob zu verstehen. Aber nicht nur sein brachiales Organ portiert Lindemann zu seiner neuen Gruppe, auch die Texte sind unverkennbar von ihm. Erneut baut er mit sim-

plen Mitteln (auch Hörer, die des englischen nicht so mächtig sind, dürften wenig Verständnisprobleme haben) poetisch-derbe Lyrics, die auch hier neben zahl-eichen Tabubrüchen zum Nachdenken, ja, teilweise sogar zum Träumen einzuladen wissen. Für diejenigen, die ihre Musik gerne dreckig vor den Latz geknallt bekommen, liefert die Band Titel ab, die thematisch u.a. mit Pillenmissbrauch (Skills in Pills), Ladyboy(s), Sex mit korpulenten Frauen (Fat) und Abtreibung (Praise Abort) sowie instrumental einem tobenden Gewitter gleich abliefern. Auch in dem „Anglersong“ (Fish on) geht es (natürlich) wieder um Sex, begleitet von extrem fetten Gitarrenriffs und Synthieklängen. Textlich etwas sanfter, musikalisch aber nicht weniger hart ist Children of the Sun. Gemüter, die es lieber etwas balladesker haben, bekommen mit Home sweet HomeYukon und That’s My Heart das passende Ohrenfutter. Letztgenannter Song ist allerdings nur auf der Special und der Ltd. Super Deluxe Edition als Bonus enthalten, lohnt sich aber definitiv, weil er wunderschön ist und emotional mächtig auf die Zährendrüse drückt. Sehr stark finde ich, dass manche Textpassagen mit dem für Till Lindemann typischen Humor daher kommen. In Cowboy heißt es beispielsweise: „…he can ride any horse and any bride“. Es gibt noch weitere Beispiele, aber ich möchte noch ein paar Überraschungen offen halten. Genaueres Hinhören sei auf jeden Fall empfohlen!

Tja, und dann folgt Stille…45 Minuten sind vergangen und ich will mehr davon – verdammt! Aber ein durchschnittlich langes Album mit solch grandiosem Ohrenschmaus ist mir immer noch lieber, als ein langes und langweiliges Album. Fest steht, dass es auf Skills in Pills nicht einen Ausfall gibt. Jeder Song landet. Also nochmal von vorne…und dann gleich nochmal…bis ich abends bei meiner Freundin im Auto sitze und frage, ob sie die Musik aus dem CD-Player überhaupt hört, weil sie so leise ist. „Ja, das läuft auf ganz normaler Lautstärke“. Da haben mir Lindemann wohl etwas die Trommelfälle zerscheuert;)

Was die Band hier mit ihrem Debüt abliefert ist nicht weniger als ein brachiales und zugleich eingängiges Brett, das die deutsche Musikszene um ein weiteres „Fuck yeah!“ bereichert.

 




Zusatzinfos | Laufzeit: 45:03 Min. | Label: Warner Music Germany | VÖ: 19.06.2015

Lindemann - Skills in Pills (2015)
Prädikat: Fegt einem Presslufthammer gleich durch die Gehörgänge!
Texte88%
Instrumentals92%
Laufzeit85%
Artwork93%
90%Wertung
Leserwertung: (3 Votes)
95%

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