Morgenstern: Leben und Sterben

Eigentlich bin ich ja kein großer Freund von Hörbüchern. Stundenlang dabei zuhören, wie jemand mir ein Buch vorliest? Dann mache ich das doch lieber selbst, empfinde ich die Erfahrung, ein Werk durchzublättern, die Geschichte selbst zu lesen, doch als direkter. Wenn ich mir etwas anhören möchte, dann greife ich eher mal zu Hörspielen, bei denen die Inszenierung der Story im Vordergrund steht und die Dialoge von verschiedenen Sprechern übernommen werden. Jede Rolle hat hier also eine eigene Stimme. Dann gibt es noch eine Mischung aus beiden Formaten, die sogenannte inszenierte Lesung und diese war mir bislang noch vollkommen unbekannt. Zwar wird auch hier die Geschichte von einem Sprecher vorgetragen, allerdings gibt es immer wieder Szenen, die mit Musik oder akustischen Effekten verfeinert werden. Man darf sie daher als eine abgewandelte Form des Hörbuchs betrachten. Das hat mich dann doch nochmal gereizt und so habe ich mit Morgenstern: Leben und Sterben meine ersten Schritte auf diesem Terrain gemacht. Veröffentlicht wurde die CD unter dem Label Folgenreich, das uns bereits so tolle Hörspiele wie Dorian Hunter und Point Whitmark präsentiert hat. Als Autor und Produzent steht Raimon Weber hinter dem Projekt, der ebenfalls schon einer der treibenden Köpfe hinter Point Whitmark war und als Autor für die Gabriel Burns-Reihe in die Tasten gehauen hat. Mit Olaf Reitz hat man sich schließlich einen äußerst erfahrenen Sprecher an Bord geholt. Da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?

Es wird härter da draußen! Von Tag zu Tag!

Mit diesen Worten leutet Christian Morgenstern die gleichnamige Hörbuchreihe ein. Chris ist Ex-Polizist und nach einer Schießerei, in deren Folge er drei Monate im Koma lag, verdient er nun als Privatdetektiv sein täglich Brot. In dieser Rolle tut er seinen Teil dazu, um die Straßen von Potsdam etwas sicherer zu machen. In Leben und Sterben muss er sich zunächst mit einem Drogendealer auseinandersetzen, der sich nach einem kurzen Wortgefecht selbst das Gesicht zerschneidet. Grund für dieses (vollkommen bekloppte) Verhalten ist die Droge Crystal Meth, die nach Serien und der Realität nun auch in Hörbüchern Einzug hält. Dies soll aber nicht das letzte mal gewesen sein, dass Chris es mit den Konsumenten und später auch den Produzenten dieser Droge zu tun bekommt. Als wäre das noch nicht genug, muss er auch noch feststellen, dass ein Mädchenhändlerring Einzug in die Stadt gehalten hat. Es gibt also eine Menge zu tun…

Wer von euch kennt eigentlich John Sinclair? Ihr wisst schon, den sympathischen Geisterjäger, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Warum ich das frage? Nun, weil ich bei Morgenstern immer wieder an die Hörspielversion dieses Klassikers denken musste. Das liegt vor allem an der Person des Christian Morgenstern…stellt ihn euch als Typen vor, mit dem man abends gerne mal einen heben würde. Ein Typ mit Wertvorstellungen, die man so ohne zu zögern unterschreiben würde. Ein echter Sympathieträger also. Leider ist das aber auch etwas, was mich an dieser ersten Folge etwas stört. Chris scheint keine Ecken und Kanten zu haben. Das ist bei John Sinclair ganz ähnlich, aber hier fällt das nicht so sehr ins Gewicht, weil es eine fantastische und ohnehin etwas trashige Hörerfahrung ist. Morgenstern dagegen gibt sich ganz bodenständig und ohne Fantasyelemente. Außerdem kommen bei dem Geisterjäger auch andere Stimmen zum Zug, eben weil es ein Hörspiel ist. Damit möchte ich auch gar nicht die Performance von Olaf Reitz kritisieren. Ich würde mir lediglich wünschen, dass man der Titelfigur noch ein paar Charaktereigenschaften verpasst, die ihr mehr Spannung verleihen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass man den immer korrekten Privatermittler irgendwann nicht mehr hören kann. Es muss ja nicht gleich ein Walter White sein, aber ich denke, ihr wisst was ich meine…

Ich möchte auch noch einmal kurz auf die Leistung von Olaf Reitz eingehen. Dieser macht seine Arbeit nämlich richtig gut und dehnt durch seine lebhafte Präsentation der Geschichte die Grenzen des reinen Hörbuchs aus. Dadurch wird schon relativ früh klar, warum dies eben eine inszenierte Lesung ist. A propos Präsentation: Besonders hervorheben möchte ich noch die musikalische Untermalung. Diese ist wirklich klasse gelungen und gibt gerade dem Intro und den Actionszenen das nötige Tempo. Sehr gut!

Was den Plot angeht, ist man ziemlich clever vorgegangen, indem man direkt in der ersten Folge die Problematik um die Droge Crystal Meth aufnimmt. Die erfreut sich ja aktuell in den Medien größter “Beliebtheit”. Das kann natürlich ein Zufall sein, mich hat es jedenfalls, gerade weil ich derzeit noch im Breaking Bad Fieber bin, sofort angesprochen. Deswegen, und weil die Beschreibung der Gewaltszenen nicht gerade zimperlich ist, kann die CD dann auch nur einem erwachsenen Publikum empfohlen werden (im Übrigen hat diese ohnehin eine Freigabe ab 16 Jahren). Ansonsten macht die Story Lust auf mehr und auch der kleine Cliffhanger am Ende sorgt dafür, dass man sich auf die nächste Folge freut. Glücklicherweise liegt mir diese bereits vor, sodass ihr schon bald mit einem Artikel dazu rechnen dürft;)

Morgenstern hat grundsätzlich definitiv das Potential, einen guten Einstieg in die Hörbuchszene zu schaffen. Wer an Krimis bzw. an diesem Lauschformat interessiert ist, der sollte hier definitiv mal reinhören. Einziger Kritikpunkt: Nach der Debütfolge fühlt es sich noch ein wenig so an, als würde man mit angezogener Handbremse fahren.

Liebe Autoren: Gebt Chris etwas mehr Profil, haut ruhig nochmal etwas mehr erzählerische Drastik rein, um dem Content gerecht zu werden und schon sieht die Sache eine ganze Ecke besser aus!

Morgenstern: Leben und Sterben
Prädikat: Spannend, aber da geht noch was!
Sprache80%
Inhalt85%
Atmosphäre80%
Ton90%
84%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
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