Nulllinie | Cover ©Dom QuichotteAls ich noch ein Jungspund war, habe ich regelmäßig die Comics aus Entenhausen gelesen. Egal ob die monatlich erscheinenden Micky Mouse Hefte oder die lustigen Taschenbücher: Beides habe ich regelrecht verschlungen. Ab und an fand man dort auch Geschichten, die in einem ganz speziellen Stil gezeichnet wurden. Hier gab es viel mehr Details und haufenweise Gags, die sich mitunter nur im Hintergrund abspielten. Gerade für letztere konnte ich mich besonders begeistern. Ein Beispiel, an das ich mich noch gut erinnern kann, waren drei Bilder, in deren Vordergrund irgendein Dialog stattfand, während man etwas weiter hinten einen Radfahrer sah. Dieser näherte sich in den ersten beiden Kästchen einem Laternenmast, während im dritten Bild nur noch das Fahrrad zu sehen war, welches alleine weiterfuhr. Auch wenn die Straßenlaterne hier nicht mehr zu sehen war, konnte man sich ausmalen, dass es den armen Kerl dagegen geklatscht hatte und sein Gefährt nun ohne ihn von dannen zog.  Solche Nebenschauplätze erhöhten den Lesespaß enorm: Ständig war ich in freudiger Erwartung auf einen weiteren Gag dieser Art und so begann ich in den Zeichnungen danach zu suchen, anstatt einfach nur die Dialoge zu lesen. Abgesehen davon waren es solche Szenen, die mich häufig wirklich zum Lachen brachten, während der Hauptstrang zwar unterhaltsam, aber nicht zum Schreien komisch war. Leider erschienen nur selten Geschichten in diesem Stil, dafür war die Freude umso größer, wenn ich wieder eine davon in einem Heft oder Buch vorfand. Nun magst du dich zu Recht fragen, was all das mit Kris Santa’s Regiedebüt Nulllinie zu tun hat. Du erfährst es in den folgenden Zeilen…

Mr. Conceição (Thomas Kahler) ist ein Mafiaboss, mit dem man sich besser nicht anlegt (was per se ja schon aus der Berufsbezeichnung selbst hervorgeht). Zwar kann der mehr oder weniger begnadete Saxofonspieler und Plüschhasenstreichler recht putzig wirken, sich mit ihm anzulegen dürfte sich in der Regel jedoch schnell als äußerst unkluge Entscheidung herausstellen. Dann nämlich findet man sich schneller in einem Folterkeller wieder, als man „Teigtasche“ sagen kann oder bekommt eine Gruppe äußerst kreativer und geisteskranker Auftragskiller auf den Hals gehetzt. Wie unangenehm sich vor allem letztgenannte Rache anfühlen kann, bekommen Luigi Canneloni (Kevin Santa) und sein Partner Donny Galante (Dominik Zlotkowski) zu spüren, als sie aus Mr. Conceição’s Organisation aussteigen und ihm vorher noch einen Koffer Bares abluchsen. Doch es sind nicht nur der einäugige Cowboy (Johann Fohl), der knochenbrechende Ninja (Marco Pultke), die blutlüsterne „Krankenschwester“ (Anne Forman), die Afroperserin (Atina Tabé) und der seinem Namen alle Ehre machende M.C. Hammer (Sebastian Gutsche), die ihnen nun nach dem Leben trachten. Kaum ist der Plan nämlich aufgegangen, hintergeht Luigi seinen Kumpel, jagt ihm eine Kugel in die Birne und macht sich mit der gesamten Beute davon. Was er zunächst nicht weiß: Donny überlebt den Kopfschuss und sinnt auf Vergeltung. Als wäre das noch nicht genug, stürzt sich nun noch Detektiv Marode (Kris Santa) mit seinem Ermittlerteam in das Kuddelmuddel, um das Mafiaoberhaupt endlich hinter Schloss und Riegel zu bringen. So beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel der ganz besonderen Art…

Herr.im.Himmel…wo soll ich nur anfangen!? Es ist schlichtweg unfassbar, dass es sich bei Nulllinie um ein Erstlingswerk von jemandem handelt, der zuvor noch nicht einmal einen Kurzfilm gedreht hat! Ich gebe offen zu, dass ich so meine Zweifel hatte, ob Regisseur, Drehbuchautor und Cutter (!) Kris Santa den Unterhaltungsfaktor über eine Laufzeit von 2 1/2 Stunden (welche für das Heimkino jedoch aktuell noch gekürzt wird) hoch genug halten kann. Dies liegt nicht daran, dass ich es ihm in persona nicht zugetraut hätte, sondern, dass es im Independentbereich schon rein kostentechnisch schwer genug ist, einen Spielfilm auf die Beine zu stellen. Und dann sprechen wir noch nicht einmal über ein ausgeklügeltes Drehbuch, gute Darsteller, ein passables Produktionsdesign, einen anständigen Score, den Schnitt, das Artwork und all die vielen, vielen Stolpersteine, welche einem Filmemacher im Laufe einer Produktion unter Garantie in den Weg rollen. Wenn man dann noch ohne jegliche Förderung auskommen muss und das Projekt bewusst nur mithilfe von Freunden, Bekannten und der Familie stemmt, kann es sehr schnell sehr eng werden. Doch für genau diesen Weg hat sich der gebürtige Pole entschieden und damit ein Gangsterepos geschaffen, wie ich es in dieser Form noch nicht gesehen habe…

Die obige Zusammenfassung der Grundstory ist dabei nur die Spitze dessen, was dich hier erwartet. Tatsächlich werden alle diese Informationen innerhalb weniger Minuten auf den Punkt gebracht, was es mir zu Beginn auch etwas schwer machte, den Einstieg zu finden. Wer ist denn hier hinter wem her und warum das alles? Daher sei dir empfohlen, gerade am Anfang sehr gut aufzupassen, um die einzelnen Charaktere und ihre Intention mitzuschneiden. Wenn man das dann jedoch intus hat, kann man sich entspannt zurücklehnen, denn anders, als bei ähnlichen Werken dieser Art, wird man in Nulllinie nicht am laufenden Band mit

neuen Namen, Verbindungen und Situationen konfrontiert. Dies gilt zumindest bis zum Finale, in dem Santa dem Zuschauer einen so unerwarteten wie großartigen Twist um die Ohren haut. Dieser zeigt schließlich auch, dass sein Werk mehr kann, als nur zu unterhalten: Es nimmt seine Figuren ernst, behandelt sie mit Respekt und offenbart gerade in den letzten 30 Minuten eine überraschend emotionale Seite. Klasse! Bis dahin wird der Streifen jedoch von völlig abgedrehten Gestalten, äußerst kreativen Dialogen und einer Situationskomik dominiert, welche mir schon früh ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Dabei ist es insbesondere der letztgenannte Aspekt, welcher mich wieder zu dem ersten Absatz dieses Artikels führt, denn wie in den eingangs erwähnten, detailliert gezeichneten Geschichten aus Entenhausen hatte ich auch bei Nulllinie ständig das Gefühl, dass jeden Moment etwas Unvorhergesehenes geschehen könnte, und sei es nur im Hintergrund. Da geht beispielsweise ein Tatortfotograf scheinbar seriös seinem Handwerk nach, nur, um plötzlich wahllos alles Mögliche abzulichten und am Ende gar ein Selfie von sich zu machen. Was…ich meine…wie geil ist das denn bitte?! Man muss es sicher selbst gesehen haben, um wirklich darüber lachen zu können (kennt man ja bei Situationskomik), aber wer auch nur ein wenig Sinn für Humor der Marke „völlig Banane“ hat, der wird hier aus dem Lachen nicht mehr rauskommen. Zwischendurch hätte es mich auch keineswegs gewundert, wenn mal eben 00 Schneider durch das Bild spaziert wäre…er würde herrlich hier hineinpassen.

Nun braucht es jedoch für ein Drehbuch, das sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber zugleich als ernst zu nehmender Film enden möchte, Darsteller, die genau das richtige Feeling dafür mitbringen. Und auch hier hat Kris Santa bei der Auswahl seines Casts hervorragende Arbeit geleistet. Ein jeder von ihnen liefert eine gute Leistung ab und da wir uns im Bereich des Independentkinos bewegen, möchte ich die Schauspieler, welche zum Teil noch nicht einmal eine entsprechende Ausbildung genossen haben, sogar als herausragend bewerten.

Egal, ob überzeichneter Slapstick, ernsthafte Emotionen oder die großartig choreographierten Kampfszenen (teils mit sehr blutigem Ausgang): Die Bandbreite wird bis auf wenige Ausnahmen mit dem richtigen Timing auf den Punkt gebracht.

Für das Produktionsdesign, welches der Regisseur ebenfalls selbst in die Hand nahm, und den Score habe ich auch nicht weniger als Lob und großen Respekt übrig. Jeder, der schonmal versucht hat, eine Location für einen niedrig budgetierten Streifen zu organisieren, weiß, wie schwer das sein kann. Dies gilt vor allem dann, wenn man auf ganz spezielle Orte angewiesen ist, um die Glaubwürdigkeit zumindest einigermaßen wahren zu können. Für Nulllinie bedeutete das u.a., Drehgenehmigungen für eine alte Lungenklinik, eine Westernkulisse, einen Atomschutzbunker und ein leerstehendes Kaufhaus an Land zu ziehen. Zwar wird nicht die ganz große Illusion, wie beispielsweise bei Planet USA von Flo Lackner erzeugt, dennoch kann ich das Ergebnis nur als äußerst ansehnlich bezeichnen. Die Musik von Marco Pultke trägt ebenfalls maßgeblich zur Atmosphäre des Werks bei und gibt vielen Szenen erst den richtigen Wumms! Abgerundet wird das Ganze durch die Voice-over Stimme von niemand Geringerem als Thomas Petruo (u.a. der Synchronsprecher von Gary Oldman oder Samuel L. Jackson).

Wenn man nun unbedingt etwas kritisieren möchte, dann, dass bei der beachtlichen Laufzeit die fünf Killer mitunter etwas zu kurz kommen. M.C. Hammer und Ninja Bob haben beispielsweise nur wenige, ganz kurze Auftritte und auch die anderen gehen etwas unter. Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Maske. Zwar wird hier größtenteils gute Arbeit geleistet, aber ab und an waren die Narben deutlich als aufgeklebt zu erkennen. Anders verhält es sich übrigens bei den falschen Bärten und den Perücken. Beides hat man offensichtlich bewusst nicht kaschiert, was auch gut so ist, da es dem sympathischen Gesamteindruck der Selbstparodie zugute kommt.

Schlussendlich kann ich also, wenn überhaupt, dann nur auf sehr hohem Niveau mäkeln. Es spricht für sich, dass ich es nach der Sichtung kaum abwarten konnte, die Review rauszuhauen, um dir dieses in vielerlei Hinsicht besondere Werk zu präsentieren. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass Kris Santa bald einen Vertrieb für sein Projekt findet. Derzeit sucht er nach eigener Aussage noch, allerdings würde es mich nicht wundern, wenn sich dies bald ändert. Nulllinie gebührt nämlich nicht weniger, als eine hochwertige Veröffentlichung (bitte dann aber mit dem genialen Artwork von Dom Quichotte) und ein anständiger Platz in allen Mediamärkten, die etwas auf sich halten!

Beweisbilder

Spielt nicht nur gerne mit Puppen: Mr. Conceição (Thomas Kahler)

©Kris Santa

Howdy! (Johann Fohl)

©Kris Santa

Gehen der Sache auf den Grund: Kris Santa & Martin Walde (vnlr.)

©Kris Santa

Toni die Teigtasche...frag nicht! (Florian Gysin)

©Kris Santa

M.C. Hammer(hart) bei der Arbeit. (Sebastian Gutsche)

©Kris Santa

Wenn man bei ihr landet hat man verschissen: Die Nurse (Anne Forman)

©Kris Santa


Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Nulllinie | Regie: Kris Santa | Drehbuch: Kris Santa | Darsteller: Kevin Santa, Kris Santa, Dominik Zlotkowski, Juliane Hundt | Produktion: Julia Santa, Kris Santa | Freigabe: Ungeprüft | Uncut: Ja | Spieldauer: 149 Min. (die finale Version wird kürzer sein) | Verleih: Noch keiner;( | DVD/BD VÖ: tba

Nulllinie (2016)
Prädikat: Ein hochgradig sympathisches Gangsterepos mit Herz.
Story80%
Schauspieler85%
Unterhaltung93%
Inszenierung90%
87%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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