Stellt euch folgendes Szenario vor: Ihr steht morgens auf, ihr frühstückt, putzt euch die Zähne, zieht euch um und geht aus dem Haus. Auf der Arbeit angekommen geht ihr eurem Tagewerk nach. Es ist ein ganz normaler Morgen, bis ihr plötzlich von Trauer übermannt werdet. All die erlebten Tragödien, die verlorenen Menschen und gebrochenen Herzen…die Emotionen überwinden alle Schutzmauern und ihr sinkt in Tränen aufgelöst zu Boden. Der Moment geht vorüber und alles scheint wieder normal – bis auf eines: Ihr könnt nichts mehr riechen. Alle Geruchseindrücke scheinen aus eurer Wahrnehmung verschwunden zu sein. Ihr geht zum Arzt und trefft dort auf unzählige Menschen mit dem gleichen Symptom. Der Fachmann ist ratlos, die Krankheit schafft es in die Medien, Seuchenspezialisten werden auf den Plan gerufen. In den kommenden Tagen werden aus allen Ländern ähnliche Fälle gemeldet. Während ihr zuhause fassungslos die Nachrichten verfolgt, bekommt ihr plötzlich Hunger. Ihr geht zum Kühlschrank, reißt ihn auf und verfallt in einen Wahn unbändiger Völlerei. Butter, Wurst, Joghurt, Gemüse…ihr stopft wahllos alles in euch hinein. Als der Hunger verflogen ist merkt ihr, dass ihr keinen Geschmackssinn mehr habt. Was ihr nicht wisst: Dies ist erst der Anfang.

Genau ein solcher Seuchenausbruch bildet die Basis für den Film Perfect Sense von Regisseur David Mackenzie und aus der Feder des dänischen Drehbuchautoren Kim Fupz Aakeson. Anstatt jedoch einfach nur einen Katastrophenstreifen abzuliefern, richten sie die Aufmerksamkeit des Zuschauers schon früh auf Susan (Eva Green) und Michael (Ewan McGregor), die sich inmitten dieser globalen Krise kennen und lieben lernen. Gemeinsam erleben sie das Voranschreiten der Seuche nicht nur als Betroffene, sondern vor allem Susan auch aus Sicht der Wissenschaftler, die versuchen, der Lage Herr zu werden. Während sie an einem Heilmittel arbeitet, ist Michael Chefkoch in einem Restaurant und bekommt hier den zunehmenden Verlust der Sinne aus einer ganz anderen Perspektive zu spüren. Diese bildet neben erwähnter Liebesgeschichte den zweiten emotionalen Grundpfeiler des Films: Womit sollen die Restaurants noch ihre Kunden locken? Und nicht nur das, wie lernen wir mit der vollkommen neuen und begrenzten Wahrnehmung unserer Umwelt umzugehen?

Was wird aus uns, wenn wir keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr haben…oder gar Schlimmeres?

Es sind diese Fragen und die schönen als auch traurigen Antworten, die der Film liefert, welche mich auch bei der zweiten Sichtung zutiefst berührt haben. So gibt es bspw. eine Szene, in der eine Straßenmusikerin den verloren gegangenen Geruchssinn durch Klänge ersetzt. Ein cineastischer Moment, den man in seiner gesamten Komposition gesehen, erlebt haben muss, um seine volle emotionale Wucht zu spüren. Natürlich gibt es auch viele Ausschreitungen – eine Welt, in der eine globale Seuche umgeht, ist von Angst, Sorgen und Hass erfüllt. Der Film schafft hier ein beeindrucken-

des Gleichgewicht und reißt den Zuschauer mal mit schrecklichen und mal mit wunderschönen Sequenzen hin und her.

Hinzu kommt die sehr gute Leistung der Schauspieler. Bis in die kleinsten Nebenrollen erlaubt man sich keinen Fehltritt und Ewan McGregor/Eva Green schaffen es alleine durch die intensive Darstellung ihrer Figuren, das Herz des Zuschauers für die Botschaft des Films zu öffnen. Aber um welche Botschaft handelt es sich? Perfect Sense läuft, anders als viele genreverwandte Filme, nicht mit erhobenem Zeigefinger über die Mattscheibe. Er will den Zuschauer nicht lehren, sich besser um die Umwelt zu kümmern oder keine Kriege mehr zu führen.

Die Seuche, die hier über die Menschheit hinwegrollt ist einfach da und es gibt nichts, was wir dagegen hätten tun können.

Ebenso verhält es sich mit der Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren. Die im letzten Drittel des Films aufkommende Krise hat nichts von den Hollywood typischen Problemen einer Liebesgeschichte kurz vor Ende, um nochmal die Spannung zu steigern. Susan und Michael sind schlichtweg Opfer der emotionalen Ausbrüche, welche dem nächsten Verlust eines Sinnes vorangehen. Und weil das Auseinandertriften der beiden somit nicht als Mittel eingesetzt wird, welches lediglich dem Zweck der Story dienen soll, fühlt man umso mehr mit ihnen und hofft, dass sie wieder zueinander finden, bevor sie sich der Unmöglichkeit beugen müssen.

Getragen wird diese Gefühlsexplosion in Filmform von einem wunderschönen Score. Max Richter, der bereits an dem Soundtrack zu Waltz with Bashir gearbeitet hat, fängt mit seinen von Streichern und Klavier getragenen Songs die volle emotionale Bandbreite von Perfect Sense ein, drängt sich dabei aber nie in den Vordergrund. Ich bin ja der Meinung, dass die Musik zu einem Film besonders dann hervorragend ist, wenn man sie auch ohne die dazugehörigen Bilder gerne hört. Dies ist hier definitiv der Fall und wem bei diesen Klängen nicht warm ums Herz wird, der sollte schleunigst mal zum Doc gehen, denn da stimmt dann irgendetwas nicht.

Auch, wenn ich es oben versucht habe, es fällt schwer das Erlebnis, diesen Film gesehen zu haben, in Worte zu fassen. Das erste mal hat er mich auf dem Fantasy Filmfest 2011 eiskalt erwischt. Vor einigen Wochen habe ich ihn im Heimkino noch einmal gesehen und wieder hatte ich feuchte Augen. Perfect Sense ist ohne Zweifel ein Meisterwerk und nicht ohne Grund habe ich oben zwar die Botschaft des Films angesprochen, dann aber nur geschrieben, welche Botschaften er nicht hat. Welche steckt denn nun dahinter? Ich denke, man kann dies nur mit eigenen Augen, mit eigenem Herzen begreifen, denn es gibt einfach Gefühle, die aus zweiter Hand nie in ihrer Gesamtheit erfasst werden können…und so ist es auch mit Perfect Sense.

Perfect Sense (2011)
Prädikat: Tieftraurig und wunderschön - ein Drama in Perfektion.
Atmosphäre95%
Schauspieler90%
Score95%
Story92%
93%Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
90%

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