Reeperbahn | Cover | ©Edel GermanyDass der Straßenstrich kein angenehmes Pflaster ist, dürfte wohl jedem klar sein und nach dem, was man so hört, herrschen hier eiserne Regeln: Freier ranlocken, sich vögeln lassen, Kohle an den Zuhälter abtreten, mit dem restlichen Geld gerade so über die Runden kommen und das alles in einem Milieu, in dem Drogen, Gewalt und Hass auf der Tagesordnung stehen. Einen Einblick in diese Welt der Prostitution möchte uns Timo Rose mit seinem morgen erscheinenden Spielfilm Reeperbahn verschaffen. Wie der Titel schon verrät, nimmt der deutsche Regisseur und Drehbuchautor den Zuschauer für 90 Minuten mit auf den Kiez, das Vergnügungsviertel im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Um ein möglichst authentisches Bild zu erschaffen, fand der Dreh an Originalschauplätzen wie dem “Bunny Palace”, der Kneipe “Zur Ritze” oder der “Herbertstraße” statt. Nur reicht das, um einen glaubhaften Eindruck davon zu vermitteln, was sich im Untergrund der Szene abspielt?

Uffuk (Marc Engel) ist ein Drecksack allererster Güte. Kaum aus dem Knast entlassen, reißt der Extremcholeriker seinen Prostitutionsring wieder an sich und verliert auch keine Zeit dabei, jedem klar zu machen, wer hier der Chef ist: Seine Untergebenen haben zu gehorchen und Fehltritte werden im besten Falle mit einer gehörigen Tracht Prügel geahndet. Eine seiner Bordsteinschwalben ist die 22-jährige Sarah, deren Bruder Markus (Max Evans) ihrem Zuhälter noch Geld schuldet. Um an die Kohle ranzukommen, schmiedet er mit seinem Kumpel (D)Jängo (Nikolai Will) einen heiklen Plan: Zusammen wollen sie sich einen Teil von Uffuk’s Reviers unter den Nagel reißen. Naiv wie die beiden sind, versuchen sie also in den Hamburger Clubs ein paar der Milieudamen abzuwerben. Dabei denken sie gar nicht daran, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Uffuk davon Wind bekommt. Als es schließlich soweit ist, geraten nicht nur die zwei Freunde, sondern auch Sarah und alle, die ihnen nahestehen auf die Abschlussliste des skrupellosen Gangsterbosses…

Reeperbahn ist alles andere als ein schöner Film – und das ist auch gut so! In Kapitel aufgeteilt, erzählt Timo Rose von einer (leider wohl nur zu realen) Welt, in der es keine Hoffnung zu geben scheint. Wie ein Teufelskreis zieht sie diejenigen, die mit ihr in Berührung kommen, immer weiter nach unten. Um dieses Gefühl der Ausweglosigkeit zu vermitteln, haben er und sein Team aus dem Vollen geschöpft und dabei ganze Arbeit geleistet. Die Darsteller wissen ihre Figuren authentisch zu verkörpern, wobei ich hier vor allem Marc Engel und Max Evans hervorheben möchte. Während nämlich die von ihnen gespielten Rollen unterschiedlicher nicht sein könnten, liegen sie in der Intensität ihrer Darbietung ganz nah beieinander und das wohlgemerkt auf einem sehr hohen Level! Dies ist auch sehr wichtig für den Streifen, weil gerade diese beiden für die krassen Gegensätze des Milieus stehen: Hass und Gewalt auf der einen (Uffuk) sowie pure Verzweiflung (Markus) auf der anderen Seite. Aber auch die restlichen Schauspieler agieren gekonnt und haben es mir leicht gemacht, mich in ihr jeweiliges Schicksal hineinzufühlen. Gerade deswegen wäre es hier und da (beispielsweise im Kapitel “Sarah”) gar nicht nötig gewesen, mit der ansonsten sehr lobenswerten musikalischen Untermalung so sehr auf die emotionale Schiene zu setzen. Damit läuft man mitunter Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen, weil die gezeigten Szenen auch so wunderbar funktioniert hätten. Neben der schauspielerischen Leistung liegt dies auch an den eingangs erwähnten Locations, denen man die Authentizität deutlich ansieht, was einen großen Teil zur Atmosphäre beiträgt.

So ergibt sich am Ende ein rundes Gesamtbild, das mich aufgrund seiner Intensität und der spannenden Inszenierung gleichzeitig berührt und unterhalten hat. Nun kann ich zwar, um auf die Frage in der Einleitung zurückzukommen, mangels eigener Erfahrung (zum Glück) nicht sagen, ob und wie realistisch der Film tatsächlich ist. Vorstellen könnte ich es mir jedoch durchaus, denn eine Welt, in der Menschen ihren Körper verkaufen müssen, ist garantiert kein Zuckerschlecken.

Bilder von der Reeperbahn

Markus... (Max Evans)

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...und sein treuer Kumpel (D)Jängo (Nikolai Will)

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Noch weiß sie nicht, was auf sie zukommt: Tina (Tessa Bergmeier)

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Verdammt gute Performance: Marc Engel als Uffuk.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Reeperbahn | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 87 Min. | Verleih: Edel Germany | DVD/BD VÖ: 08.04.2016
Reeperbahn (2015)
Prädikat: Dreckig, spannend und intensiv.
Story80%
Schauspieler85%
Spannung85%
Inszenierung80%
83%Wertung
Leserwertung: (4 Votes)
46%

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