San Andreaas - Rope man

Mit Katastrophenfilmen ist das so eine Sache. Manch einer mag sich fragen, was genau den Spaß daran ausmacht, sich eine Zerstörungsorgie in Spielfilmlänge anzuschauen. Außerdem: Gab es das denn nicht schon oft genug? Seit Roland Emmerich‘s 2012 gibt es da doch eigentlich keine Steigerungsform mehr, außer, die Welt würde komplett broke gehen. Diese Fragen haben sich vielleicht auch einige gestellt, als der Trailer zu San Andreas erschien und eventuell war das auch der Grund, weshalb der Streifen am vergangenen Kinowochenende sehr mager frequentiert war. Oder war es einfach nur nicht sonderlich clever, sich an den Kinokassen mit The Avengers 2 und Jurassic World zu messen? Möglicherweise möchte sich das Publikum aber in der schönen Sommerzeit nur nicht anschauen, wie ganze Landstriche in den Arsch gehen. Früher oder später bleibt dann aber für Genreinteressierte doch nur eine Frage: Lohnt sich das Teil?

Wie bei eigentlich allen Filmen dieser Art sollte man sich der eigenen Erwartungen bewusst sein. Mir fiel das hier aber gar nicht so leicht, denn die Trailer, die ich vorab gesehen hatte, ergaben für mich noch kein klares Bild. Ist das jetzt mehr Zerstörung oder mehr Familiendrama? Und was macht Dwayne “The Rock” Johnson in so einem Streifen? Ich meine, bis auf seine Ausflüge in familientaugliche Gefilde ist er ja eher der Typ, der kaputt macht, anstatt das anderen, geschweige denn der Natur zu überlassen. Ja, wo kommen wir denn da hin?

Glücklicherweise wird aber schon zu Beginn klar, wo die Reise hingeht: Action mit mäßigem Realitätsanspruch, Nervenkitzel, eine Geschichte um eine zersplittete Familie, die wieder zueinander findet und…naja, “The Rock” eben.

Und für alle, die mehr Inhalt, mehr Tiefgang, mehr Arte erwarten: Schaut euch Aftershock an, einen äußerst empfehlenswerten Film, der all dies bietet, wo es dafür aber bedeutend weniger knallt.

Brad Peyton‘s Version von einer vollkommen am Rad drehenden pazifischen Kontinentalplatte nun jedoch schlicht mit einem Emmerich-Werk gleichzusetzen wäre etwas zu einfach. Sicher erinnert der Streifen gerade wegen der (im Übrigen sehr guten) Effekte und der doch sehr ähnlichen Familiengeschichte stark an 2012, aber im Detail betrachtet gibt es ein paar Feinheiten, die San Andreas zeitweise sogar zu einem noch spannenderen Seherlebnis machen. Das fängt schon bei der Inszenierung an: Während 2012 immer wieder ein paar Lacher im Gepäck hatte

und damit den nahenden Kollaps unserer Welt auflockerte, kommt dieser Film hier recht ernst daher und das passt prima! Den Unterhaltungsfaktor kratzt das nicht die Bohne, denn Action gibt es genug. San Andreas lädt einfach nur viel mehr dazu ein, mit Figuren zu mitzufiebern, weil der Ernst der Lage besser vermittelt wird. Emmerich’s Werk hat es ja schon geschafft, das eine oder andere “Wow” aus mir herauszukitzeln, bei Peyton’s Film gab es dafür zahlreiche Situationen der Marke “WOW, Alter!!” Und das, obwohl man hier nicht einmal was komplett Neues sieht. Neben der dramatischeren Inszenierung liegt dies auch daran, dass die Spannung nach und nach aufgebaut wird und gerade, wenn ich dachte, dass es nicht mehr heftiger kommen kann, wurde nochmal eine Schippe draufgelegt. Ich sage mal so: Den Drehbuchautoren reicht es nicht, die Hauptfiguren mit einem Motorboot einen Tsunami hinaufreiten zu lassen. Fast oben angekommen, muss dort natürlich noch eine Überraschung aufwarten, die ihnen das Leben nicht gerade leichter macht. Da habe ich auch ganz schnell vergessen, wie vollkommen fern der Realität das eigentlich ist….

Letztlich funktioniert solch ein Spannungsaufbau aber nur dann so gut, wenn die Darsteller passen und man sich trotz flacher Charakterzeichnung einigermaßen in sie hineinversetzen kann und möchte. Neben Dwayne Johnson, der für mich ohnehin einer der aktuell sympathischsten Schauspieler ist, liefern aber glücklicherweise auch Carla Gugino (Sin City) als seine “fast nicht mehr, aber eventuell doch wieder”-Frau und Alexandra Daddario (Texas Chainsaw 3D) als die Tochter der beiden, eine gute Leistung ab. Oscar-Niveau wird hier zwar wahrlich nicht erreicht, aber wer braucht den goldenen Staubfänger schon bei einem Katastrophenfilm;) Ach ja, einen Schauspieler möchte ich keinesfalls unerwähnt lassen: Paul Giamatti, die alte Grinsebacke. Ich finde den Typen einfach klasse! In San Andreas gibt er einen Wissenschaftler (Geologie…Seismologie?), der die nahende Katastrophe vorhersieht und alles in seiner Macht stehende tut, um zu retten, was noch zu retten ist.

Der einzige Kritikpunkt: Die 3D-Effekte konnten mich nicht wirklich überzeugen. Sie machen den Film nicht schlechter, sind aber auch keine wirkliche Bereicherung. Etwa 20 Minuten nach der Vorstellung saß ich erneut im Kinosaal, um mir Jurassic World anzuschauen und hier wurde die Technik deutlich besser eingesetzt. Ich denke aber, dass die Wahrnehmung von 3D im Film sehr subjektiv ist. Am besten macht ihr euch selbst ein Bild. Das Teil lohnt sich auf jeden Fall und wer mal wieder Bock auf anspruchslose aber spannende Action mit tollen Effekten hat, der muss sich entweder beeilen, oder bis Mitte Oktober warten. Dann soll San Andreas in den Läden stehen.




Zusatzinfos | Freigabe: FSK 12 | Uncut: ja | Spieldauer: 114 Min. | Studio (Verleih): Warner Bros. GmbH | Kinostart: 28.05.2015 | BR/3D BR/DVD VÖ: 15.10.2015

San Andreas (2015)
Prädikat: Rockt!
Story70%
Schauspieler83%
Inszenierung86%
Spannung90%
82%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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