Southbound | MB Cover ©Tiberius FilmSpätestens seit den Geschichten aus der Gruft sind Episodenwerke aus dem Horrorgenre nicht mehr wegzudenken und erfreuen sich in der Regel sowohl bei Fans als auch bei Filmschaffenden großer Beliebtheit. Kein Wunder, sind sie doch beispielsweise für Regisseure eine gute Plattform, um sich, ohne den großen Aufwand eines abendfüllenden Werks, einen Namen zu machen. Doch nicht jeder kann mit solchen Streifen etwas anfangen. Ich für meinen Teil konnte mich auch lange Zeit nicht so recht damit anfreunden, weil ich mich dann doch lieber auf nur eine einzige Story konzentrieren wollte, anstatt auf mehrere Kurzfilme, die bestenfalls grob von einer Rahmenhandlung miteinander verknüpft sind. Klar kannte ich schon früh die vom “Cryptkeeper” erzählten Grusler und mochte sie auch unheimlich, aber das war es dann schon. Dies hat sich jedoch abrupt geändert, als die Anthologie V/H/S – Eine mörderische Sammlung erschien. Als großer Freund des Found Footage Genres ließ ich mir das Teil selbstverständlich nicht entgehen und auch die beiden Nachfolger S-VHS aka V/H/S 2 sowie V/H/S Viral machten mir endgültig klar: Das Konzept gefällt mir auch abseits der Gruft ziemlich gut. Besonders klasse fand ich bei dieser Trilogie, dass die Macher gleich zwei Konzepte auffrischen konnten: So gelang es ihnen, sowohl dem damals bereits etwas eingestaubten Found Footage Genre als auch dem Episodenfilm frischen Wind zu verleihen. Und dass sie mit dem grundsätzlichen Konzept von Horror Anthologien noch lange nicht fertig sind, zeigt sich an ihrem neuen Streifen Southbound – Highway to Hell, für den sich erneut zahlreiche Regisseure und Produzenten (darunter u.a. Roxanne BenjaminDavid BrucknerPatrick Horvarth sowie Radio Silence) zusammengetan haben, um viele kleine Geschichten zu einer großen zu vereinen. Dieses mal sind die einzelnen Segmente allerdings deutlich enger miteinander verwoben und gehen sogar direkt ineinander über. Eine weitere Änderung ist, dass man nun gänzlich auf die Wackelkamera verzichtet hat. Jetzt stellte sich mir vor der Sichtung allerdings die Frage, ob sie mit dieser eher klassischen Herangehensweise dennoch einen spannenden und außergewöhnlichen Film zustande bringen konnten. Eine Antwort darauf gebe ich dir in den folgenden Zeilen…

Zwei mit Blut beschmierte Kerle fahren in den anbrechenden Morgen hinein. Links und rechts von ihnen sieht man nur Staub, Sand und Dreck, vereint zu einer schier endlosen, unbekannten Wüste. Der Beifahrer Mitch (Chad Villella) holt das Foto eines blonden Mädchens hervor, wirft einen traurigen Blick darauf und schaut dann nervös aus dem Seitenfenster. Dort draußen ist etwas, das ihm Panik in die Knochen treibt: Einige hundert Meter entfernt schwebt eine finstere, pechschwarze Erscheinung über dem trockenen Boden. Sie wirkt fast wie eine verbrannte Pflanze, deren verdorrtes Wurzelwerk leblos herabhängt. Mitch ist heilfroh, als er und sein Kumpel Jack (Matt Bettinelli-Olpin) eine Tankstelle erreichen. Was die beiden aber noch nicht wissen: Genau hier im Nirgendwo, unter der heißen Sonne, wird ihr Weg enden…auf die eine oder andere Weise. Doch dieser Abschluss markiert auch den Anfang einer Reise, bei der wir einer Reihe von Menschen begegnen, die es alle in diese gottverlassene Wüste verschlagen hat. Jeder von ihnen versucht, seiner ganz persönlichen Hölle zu entfliehen. Doch wer einmal an diesem Ort gelandet ist, wird ihn so schnell nicht mehr verlassen…denn hier führen alle Straßen nach Süden.

Auf den Inhalt der einzelnen Geschichten, die in Southbound erzählt werden, möchte ich an dieser Stelle gar nicht weiter eingehen. Nur soviel: Du darfst dich auf eine Menge Abwechslung gefasst machen! Und gerade, weil während der 1 1/2 Stunden ein so umfangreiches Portfolio an Genrekost abgeliefert wird, ist es er-

staunlich, wie gut es dem Filmteam gelungen ist, die einzelnen Segmente ohne Unterbrechung direkt ineinander übergehen zu lassen. So schaffen sie im Vergleich zu der V/H/S-Trilogie eine deutlich flüssigere Inszenierung mit zahlreichen “Aha-Momenten”, die gerade dann am stärksten wirken, wenn in einem einzelnen Take eine Kurzgeschichte endet und eine andere beginnt. Hinzu kommt die Wüste, welche als übergeordnetes, verbindendes Element das Erbe der Video Home Systems Kassetten antritt und darüber hinaus als ein weiterer, wenn nicht sogar DER Hauptcharakter gesehen werden kann.

Während der Sichtung bekam ich gar das Gefühl, dass es sich hier nicht einfach nur um einen Ort handelt, sondern um einen lebenden Organismus, welcher die Figuren und mich als Zuschauer verschlungen und auf eine dunkle Reise durch seine Blutbahnen geschickt hat.

Spinnt man die Metapher weiter, kreuzen sich die Wege der Opfer hier und da, sodass man einen Blick auf die Geschichte des jeweils Anderen werfen kann. Doch es ist nur ein kurzer Moment der Begegnung, nach dem sich jeder wieder auf seine Suche nach einem Ausweg begibt. Insofern passt es auch, dass man von den einzelnen Charakteren nur sehr wenig erfährt. Es sind lediglich kleine Schnipsel an Informationen, die aber gerade soviel preisgeben, dass man sich das weitere Drumherum ausmalen kann. Dieser Kniff gelingt so gut, wie ich es bislang nur sehr selten erlebt habe. Ständig überlegte ich mir, wo diese Menschen herkommen, warum sie an diesem Ort sind, was sie umtreibt und schlussendlich, wo sie hinwollen. So entstand nach und nach ein großes Ganzes, dass sich nach sehr viel mehr anfühlte, als bloß die Summe seiner Einzelteile.

All das funktioniert unter Anderem deshalb so gut, weil für den Film offensichtlich mehr Geld zur Verfügung stand, als bei der V/H/S-Trilogie. Dementsprechend ist auch der Look des Streifens deutlich glatter und weniger “dreckig”. Ob man das nun mag oder nicht ist natürlich Geschmackssache – ich mag beide Stile, finde es aber richtig und wichtig, dass man sich gerade optisch von den (geistigen) Vorgängern abgehoben hat. So ist es in Southbound auch mal möglich, andere Filmaspekte in den Fokus zu rücken, was vor allem bei dem fantastischen Soundtrack von The Gifted zu hören ist. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es bei einem Wechsel vom Found Footage hin zur klassischen Kameraführung deutlich schwerer ist, gewisse Defizite wie schlechtes Schauspiel oder mittelmäßige VFX/SFX zu verschleiern. Mit beidem hat der Film aber glücklicherweise kein Problem. Die Darsteller machen einen klasse Job und die Effekte können überzeugen, wenngleich man dem Werk hier noch am ehesten ansieht, dass das Budget am Ende eben doch nicht mit Hollywoodproduktionen vergleichbar war. Aber die Filmemacher stellen einmal mehr unter Beweis, dass sie sehr genau wissen, wie sie aus den Mitteln, die sie haben, das absolut Beste herausholen.

Aus all den genannten Gründen kann ich euch Southbound nur wärmstens ans Herz legen. Ach ja, wer aufgrund des mäßig gelungenen Covers der Amaray BluRay-Version noch zögert (wofür ich sogar Verständnis hätte), den kann ich beruhigen: Das Teil kommt mit einem Wendecover, auf dessen Rückseite das tolle Postermotiv mit dem umgedrehten Pentagramm in der Wüste zu sehen ist. Also noch ein Argument mehr, sich den Streifen ins Regal zu stellen.


Wüstenimpressionen

Das Ende einer blutigen Nacht... (vlnr.: Chad Villella, Matt Bettinelli-Olpin)

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In so einem Krankenhaus möchte man nicht behandelt werden.

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Partygirls on tour. (vlnr: Fabienne Therese, Hannah Marks, Nathalie Love)

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Trifft eine folgenschwere Entscheidung: Hassie Harrison.

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An Blut wird nicht gespart. (Hannah Marks, Gerald Downey)

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Alle Straßen führen nach Süden.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: Southbound | Regie: Roxanne Benjamin, David Bruckner, Patrick Horvath, Radio Silence | Drehbuch: Roxanne Benjamin, Matt Bettinelli-Olpin, David Bruckner, Susan Burke, Dallas Richard Hallam, Patrick Horvath | Darsteller: Chad Villella, Matt Bettinelli-Olpin, Kristina Pesic, Fabianne Therese, Nathalie Love | Produktion: Christopher Alender, Bedie Ali, Hamza Ali, Malik B. Ali, Roxanne Benjamin | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 85 Min. | Verleih: Tiberius Film | DVD/BD/BD MB VÖ: 13.10.2016
Southbound - Highway to Hell (2015)
Prädikat: Ein spannender, kreativer und großartig inszenierter Höllentrip durch die Wüste.
Story80%
Schauspieler80%
Spannung85%
Inszenierung90%
84%Wertung
Leserwertung: (2 Votes)
78%

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