St. Pauli Zoo | Cover ©Film FatalWenn man jemanden fragt, was ihm zu Hamburg einfällt, dann gibt es einige Begriffe, die man mit Sicherheit als Antwort bekommen dürfte , beispielsweise Hansestadt, Hafen, Fischmarkt, Alster oder Elbe. Mit ganz vorne dabei ist jedoch bestimmt auch St. Pauli, der gleichnamige Fußballverein und natürlich die Reeperbahn samt Rotlichtmilieu. Doch warum ist dieser Stadtteil von Hamburg eigentlich weltweit so bekannt? An der Partymeile und dem Sexgeschäft alleine kann es nicht liegen, denn beides gibt es schließlich auch zuhauf in anderen Metropolen. Inwiefern hebt sich also St. Pauli davon ab? Dies ist eine der Fragen, denen sich Julian Schöneich in seiner nach eben jenem Bezirk benannten Dokumentation widmet. Dabei wirft aber alleine der Titel schon die nächste Frage auf: Was hat es mit dem Zusatz “Zoo” auf sich? Einen solchen gibt es dort doch gar nicht? Will Schöneich sich etwa über den bunt gemischten und teils recht speziellen Menschenschlag lustig machen, der auf St. Pauli lebt? Ganz im Gegenteil…

Um die Intention dieser Doku und damit auch deren Titel erläutern zu können, muss ich etwas ausholen. Die ursprüngliche Idee zu dem Werk stammt von Johannes Neinens, einem Freund von Julian Schöneich. Beide wohnen in Hamburg, was sicherlich auch ein Grund dafür war, das nicht viel Zeit ins Land zog, bis man sich des Projekts annahm. Der sympathische und zugleich melancholische Gedanke dahinter: Die beiden wollten einen Eindruck davon vermitteln, wie der Stadtteil einmal war, warum viele ihn noch heute als eine Insel innerhalb Hamburgs wahrnehmen und weshalb seit einigen Jahren ein Wandel im Gange ist, der die alteingesessenen St. Paulianer nach und nach zu einer vom Aussterben bedrohten Art macht. Von dieser Idee ausgehend ist es dann auch schon kein weiter Weg mehr bis hin zu dem Begriff “Zoo”, denn wie in einem solchen haben viele Einwohner heute das Gefühl, Teil einer seltenen Tierrasse zu sein, für die alleine viele Touristen in die Hafenstadt, quasi ihren “natürlichen Lebensraum”, kommen. Damit diese Besucher und die neu Hinzugezogenen sich auch wohl fühlen, soll St. Pauli nach und nach modernisiert werden. Tja, und für das, was so ein Prozess für die Betroffenen bedeuten kann, gibt es in der Geschichte ja mehr als genug Beispiele. Dabei haben diejenigen, die schon viele Jahre oder gar ihr ganzes Leben dort gewohnt haben überhaupt nichts gegen neue Gesellschaft, sind sie doch selbst ein aus vielen unterschiedlichen Nationalitäten bestehender Mikrokosmos. Es ist schon arg ironisch, dass gerade einer Subgesellschaft, in der ein heutzutage so schweres Thema wie Integration sehr gut zu funktionieren scheint, ein System aufgedrückt werden soll, dass genau daran viel zu oft scheitert. Julian Schöneich und Johannes Neinens haben sich hier also mit einer Problematik beschäftigt, die sich in diesem speziellen Fall zwar nur in einem kleinen Rahmen abspielt, deren Tragweite und Bedeutung aber alles andere als belanglos ist. Dass es sich bei St. Pauli Zoo mehr um ein Herzens- als um ein bloßes Arbeitsprojekt

handelt, zeigt sich schon darin, dass Neinens persönlich die Führung durch die Stadt und die Interviews mit zahlreichen Bewohnern übernahm.

Dadurch hat man es als Zuschauer nicht mit irgendeinem Sprecher aus dem Off zu tun, der da eben mal seinen Job macht, sondern mit jemandem, der uns durch seine Heimat geleitet. Da passt es auch sehr gut, dass er Erfahrungen und Gefühle, welche er mit der Stadt verbindet, mit einem teilt.

Hierdurch wird das Gesehene nicht nur zum bloßen Bildungsfernsehen, sondern auch zum emotionalen Erleben, welches mitunter auch tief unter die Haut geht. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass fast nur die positiven Aspekte von St. Pauli beleuchtet werden, obwohl man insbesondere aufgrund des florierenden Rotlichtmilieus fest davon ausgehen darf, dass es auch einige Schattenseiten gibt, über die man hätte berichten können. Hierauf wird allerdings lediglich im letzten Drittel eingegangen. Dennoch hatte ich nach den 80 Minuten Laufzeit nicht das Gefühl, eine reine Lobeshymne gesehen zu haben, bei deren Dreh man zu sehr durch die rosarote Brille geblickt hat. Es handelt sich bei St. Pauli Zoo eben um einen Erfahrungsbericht aus dem Innern einer Gesellschaft, die sich zwar dem Fortschritt gegenüber nicht verschränkt, gleichwohl jedoch die Befürchtung hat, dass ihnen dieser mit dem Schlaghammer aufoktroyiert wird und nichts als Fassaden zurücklässt, die, und da wären wir wieder beim Zoobildnis, nicht mehr als den Trugschluss einer exotischen Region bilden. Alleine die Art und Weise, wie Schöneich und Neinens diesen Gedanken ausgearbeitet haben, hat mich sehr berührt und ich hoffe, dass die ersten Ansätze, gemäß derer die Bewohner von St. Pauli ein Mitspracherecht bei den anstehenden Veränderungen haben sollen, noch weitere Früchte tragen. 

Abschließend möchte ich noch ein paar lobende Worte über die Qualität der Dokumentation loswerden. Obwohl sie nämlich von einem sehr überschaubaren Team und im Übrigen via Crowdfunding größtenteils von Bewohnern St. Pauli’s finanziert und produziert wurde, haben weder Bild, noch Akustik darunter gelitten. Bis hin zu dem sehr stark designten DVD-Artwork von Julian Rentzsch wirkt alles sehr hochwertig und stimmig. Wenn ihr also gerne mal eine Doku schaut, dann kann ich euch diese hier ganz klar ans Herz legen. Ihr könnt das Werk über die Webseite Hanseplatte.de kaufen, oder über Vimeo on Demand streamen. Wer an weiteren Infos aus erster Hand interessiert ist, der ist herzlich eingeladen, sich auch das Interview mit dem Regisseur im 11. Zelluloid & Co. Podcast reinzupfeiffen;)

 


Bilder aus dem Zoo

St. Pauli früher...

©Film Fatal

...und heute.

©Film Fatal

Johannes Neinens führt uns durch den St. Pauli Zoo.

©Film Fatal

Diesen netten Mann nennt man einfach nur Wolle.

©Film Fatal

Ehemaliger Besitzer des historischen Hamburger Hafenbasars: Dr. Gereon Boos.

©Film Fatal

Original St. Paulianer und Schauspieler: Thomas Born.

©Film Fatal

St. Pauli und sein Rotlichtmilieu sind fest miteinander verbunden.

©Film Fatal

Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: St. Pauli Zoo | Regie: Julian Schöneich | Drehbuch: Johannes Neinens, Julian Schöneich | Darsteller: Thomas Born, Nate57, Johannes Neinens, Stefan Orth, Martin Paulekun, Wolle, Dr. Gereon Boos | Produktion: Johannes Neinens, Julian Schöneich | Freigabe: Ungeprüft | Uncut: Ja | Spieldauer: 80 Min. | Verleih: Film Fatal | VoD VÖ: 06.06.2016 | Webseiten: St. Pauli Zoo, Webseite Film Fatal, Facebookseite Film Fatal, Künstlerseite Julian Rentzsch| Kauflink: Hanseplatte | Streaminglink: Vimeo
St. Pauli Zoo (2015)
Prädikat: Großartiges und emotionales Bildungsfernsehen aus dem Innern der Gesellschaft.
Informationsgehalt87%
Unterhaltung93%
Inszenierung93%
91%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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