Steve Jobs: The Man in the Machine | CoverIm Laufe der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Personen, die sich ganz besonders hervorgetan haben, die andere mit ihrer Kunst und ihrem Wesen beeindrucken und inspirieren konnten. Zu ihnen gehörten Musiker wie John Lennon oder Elvis Presley, Maler wie Vincent Van Gogh oder Salvador Dalí und Schauspieler wie Steve McQueen oder James Dean. Sie alle haben nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch ihre Zeit und die Zukunft ihrer Kunst geprägt. In diesen Reigen hat sich zweifelsohne auch Steve Jobs eingereiht. Zusammen mit Ron Wayne und Steve Wozniak gründete er am 1. April 1976 ein Unternehmen, welches die Computertechnologie, wie wir sie heute kennen, nicht nur mit begründet hat, sondern für viele auch eine Philosophie verkörpert, die noch lange in die Zukunft hallen dürfte. Der Grund dafür, dass eine milliardenschwere Firma nicht nur einen anhaltenden Erfolg nachweisen kann, sondern regelrecht verehrt wird und das in einer Zeit, wo Großunternehmen so kritisch beäugt werden, wie nie zuvor, ist Steve Jobs selbst. Als er am 5. Oktober 2011 seinem Krebsleiden erlag, ging eine kollektive Trauer um die Welt. Vor vielen Apple Geschäften wurden Blumen niedergelegt, Menschen brachen in Tränen aus und an zahlreichen Orten wurden iPhones in die Höhe gehalten, auf denen eine brennende Trauerkerze zu sehen war. Wer aber war dieser Mann, der eine so große Anhängerschaft in allen Ländern dieser Erde um sich und sein Unternehmen versammeln konnte? Dieser Frage geht die Dokumentation Steve Jobs: The Man in the Machine nach. Doch kann auch jemand, der nicht soviel mit den iGeräten am Hut hat (wie ich zum Beispiel), durch den Film zumindest ein Gefühl dafür bekommen, was hinter der Faszination Apple/Jobs steckt?

Es sind vor allem zwei Sachen, die ich bei einer Dokumentation, die seriös sein will, immer für wichtig erachte: Der Informationsgehalt (natürlich) und wie dieser vermittelt wird, also die Inszenierung. Ich als Zuschauer möchte mir meine eigene Meinung zu einem Thema bilden. Dafür benötigt es nicht nur eine gute Recherche des Regisseurs, sondern auch ein Gefühl dafür, wie er die Fakten darstellt, sodass sie das Thema nicht zu einseitig vermitteln. Die Meinungsbildung wird schließlich nicht nur dadurch beeinflusst, wie fundiert der Informationsgehalt ist, sondern auch, wie der Absender, in diesem Falle der Regisseur, sie transportiert. 

Alex Gibney (We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte) beweist mit seinem Film ein sehr gutes Gespür für beides und bringt die richtige Sensibilität für das Thema mit. Im Laufe von gut zwei Stunden erzählt er die Geschichte des Apple CEO größtenteils chronologisch und macht nur hier und da einen Zeitsprung. Es mag für manch einen verwirrend wirken, wenn der Film gerade Ereignisse aus den 80er Jahren behandelt und plötzlich ein Interview von 2008 eingeblendet wird, allerdings stehen diese Szenen immer in einem thematischen Zusammenhang. Wer des englischen nicht mächtig ist, muss sich übrigens an die deutschen Untertitel halten, da eine deutsche Sprachausgabe nicht angeboten wird.

Neben Jobs selbst lässt Gibney zahlreiche weitere Personen zu Wort kommen, die ihm auf seinem Weg begegnet sind oder ihn begleitet haben. Er spricht mit früheren Arbeitskollegen, Zeitungsreportern, Freunden, der Mutter seiner ersten Tochter und Schriftstellern, die sich ebenfalls mit dem Thema befasst haben.

Gibney’s Auswahl an Gesprächspartnern setzt sich also aus Menschen zusammen, die alle eine andere Sichtweise auf Jobs vermitteln, was nicht nur spannend, sondern auch abwechslungsreich ist. 

Viele dieser Stimmen sind kritisch und doch ist keiner dabei, in dessen Worten und Gestik nicht wenigstens ein kleiner Funke Begeisterung, ja, Bewunderung mitschwingt. So ist es meist das Nichtgesagte, das Leuchten in den Augen der Interviewten, welches durch den Kontrast zu der geäußerten Kritik an Steve Jobs die volle Wucht der Faszination um ihn vermittelt. Um diese Augenblicke einzufangen bedarf es schon eines besonderen Gespürs für die Thematik. So kristallisiert sich nach und nach das differenzierte Bild eines Mannes heraus, der nicht nur ein Genie, ein Visionär und einer der kreativsten Köpfe unserer Zeit war, sondern auch jemand, der wie Gift für diejenigen sein konnte, die ihn umgaben. Oft ist die Sprache davon, dass Jobs erleuchtet war und so abgehoben das auch klingen mag, macht es durchaus Sinn…nur, dass er etwas Dunkles auf diesen Pfad mitgenommen hat.

Alex Gibney schafft es gekonnt, diese vielen Facetten einzufangen und knallt uns das Thema dabei nicht einfach trocken vor den Latz, sondern baut eine Spannung auf, die mich trotz der Überlänge sehr gut bei der Stange gehalten hat. Natürlich bietet der extreme Charakter eines Steve Jobs quasi eine Steilvorlage, um daraus eine interessante Doku zu basteln, allerdings hätte Gibney es sich auch deutlich leichter machen und ihn einfach nur glorifizieren oder nur kritisieren können. Er entschied sich jedoch dafür, mehr Beobachter zu sein, als eine einseitige Meinung zu vertreten. So darf und muss ich mir als Zuschauer nach dem Film die essenziellen Fragen selbst beantworten: Wer war dieser Steve Jobs? Warum haben ihn so viele verehrt? Wie kann es dazu kommen, dass eine Firma, die, machen wir uns mal nichts vor, doch nur Profit machen möchte, als religiöse Instanz, als Lebensphilosophie betrachtet wird? Es steht für eine gute Dokumentation, wenn sie nur Denkanstöße gibt, uns dazu bringt, gedanklich noch etwas länger bei dem Thema zu verweilen. Und um uns noch einen letzten kleinen Schubser in diese Richtung zu geben, stellt Gibney am Ende seines Film selbst die wohl wichtigste von allen Fragen. Wie diese lautet, erfahrt ihr aber am besten, indem ihr euch diese großartige Doku selbst anschaut;)

 



Zusatzinfos | Freigabe: FSK 6 | Uncut: Ja | Spieldauer: 128 Min. | Verleih: Universal Pictures Germany GmbH | BR/DVD VÖ: 12.11.2015
Steve Jobs: The Man in the Machine (2015)
Prädikat: Job well done.
Informationsgehalt93%
Unterhaltunsfaktor85%
Inszenierung der Fakten95%
91%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
91%

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