TAG Mediabook | Cover A ©Schock EntertainmentSo hat sich Mitsuko (Reina Triendl) ihren Schultag sicher nicht vorgestellt: Eben noch sitzt sie mit ihren freudig juchzenden und Kissen werfenden Mitschülerinnen im Bus, im nächsten Moment wird es ganz still. Als die zurückhaltende Teenagerin verwundert aufschaut, muss sie feststellen, das all ihre Freundinnen von einer unbekannten Kraft in der Mitte zerteilt wurden. Das Fahrzeug hat das gleiche Schicksal ereilt, sodass es fortan bestenfalls als ramponiertes Cabrio durchgehen dürfte. Überall ist Blut, Körperteile liegen auf der Straße verteilt und entsprechend verstört blickt sich die einzige Überlebende um. Viel Zeit, um das Geschehene zu begreifen, bleibt ihr jedoch nicht, denn bereits nach wenigen Minuten muss sie feststellen, dass die mysteriöse, unsichtbare Macht noch immer ganz in der Nähe ist. Mitsuko nimmt die Beine in die Hand und flüchtet zur nahe gelegenen Schule, wo sie mit einer so normalen, wie verwirrenden Situation konfrontiert wird. Doch gerade, als die junge Frau sich wieder in ihren Alltag eingefühlt hat, beginnt das Chaos erneut über sie hereinzubrechen…und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Bereits in den ersten Minuten von Sion Sono’s Film TAG konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass ich mir hier ein ganz spezielles Werk in den Player geschmissen habe. Der fast schon surreal schöne Moment der Kissenschlacht in einem Schulbus wird, ebenso wie das Gefährt und seine Insassen, abrupt und äußerst brutal zerschnitten. Was folgt ist ein von bedrohlicher Musik untermalter Alptraum, welcher eine Fülle an Fragen aufwirft, deren Beantwortung stets auf’s Neue von dem scheinbar unkontrolliert Haken schlagenden Plot unterbrochen wird. Für die Hauptfigur(en) spielt sich ein nicht enden wollender Teufelskreis aus höchster Freude, tiefster Trauer und bodenloser Angst ab. Hier und da äußern Mitsuko’s Begleiterinnen (Yuki Sakurai, Aki Hiraoka, Ami Tomite) abstraktes Gedankengut, sodass man meint, zumindest einen Fingerzeig auf die Lösung des Rätsels erhalten zu haben. Mit der Zeit wird jedoch klar, dass sich die Geschichte aus der Feder von Regisseur Sion Sono und Yûsuke Yamada gar nicht auf eine finale, alles erklärende Erkenntnis festlegen lassen möchte. Denn selbst, als gegen Ende eine mögliche Antwort inszeniert wird, bleibt es noch vage genug, um Zweifel an ihrer (im Rahmen des Werks) universellen Wahrheit aufkommen zu lassen. Und das ist auch gut so!

TAG ist nämlich ein Film, der wie kaum ein anderer dazu einlädt, sich einfach treiben und den Gedanken, Ideen, der inneren, kindlichen Kreativität freien Lauf zu lassen. Ohne Frage haben wir es hier mit einem modernen Märchen zu tun, dessen bluttriefende, abgefahrene Brutalität (wie schon bei klassischen Werken der Literatur) nur den Bezug zur nicht minder gnadenlosen Realität herstellt. Und

wo Geschichten der Gebrüder GrimmHans Christian Andersen und Kollegen u.a. ihre pädagogische Wirkung auf Kinder haben soll(t)en, da darf man sich im vorliegenden Streifen auch als Erwachsener einmal hinterfragen. Diese Verbindung zwischen unserer Welt und der hier dargestellten erschließt sich jedoch nur dann, wenn man sich darauf einlässt, was nicht schwer fallen dürfte, solange man auch nur einen Funken Faszination für das Fantastische in sich trägt. Für alles Weitere sorgen der mal Furcht einflößende, mal wunderschöne, allerdings immer großartige Soundtrack von Susumu Akizuki und Hiroaiki Kanai (es ist sehr schade, dass dieser nicht der Mediabook Edition beiliegt), die liebevoll gezeichneten und grandios gespielten Figuren, als auch Sono’s Gespür für Bilder sowie den richtigen Moment.

All diese Aspekte laden in ihrer herausragenden Komposition zum Interpretieren ein und haben mich bereits bei der ersten Sichtung Ende Oktober zu Tränen gerührt. Seitdem hat mich der Film nicht losgelassen.

Eigentlich wollte ich bereits damals diesen Artikel schreiben und hatte bis auf den Text auch schon alles vorbereitet. Dann lag die Review aufgrund anderer Projekte brach und ich wusste zwischenzeitlich nicht einmal mehr, ob ich mich nochmal dazu aufraffen kann, zumal ja seitdem ein paar Monate vergangen waren. Und doch war der Wunsch, diesem Werk in Form einer Besprechung meine Hochachtung zu erweisen, so groß, dass ich nicht umhin kam, ihn heute wieder anzugehen. Um mich erneut in die Atmosphäre einzufühlen, habe ich „zwischen den Zeilen“ immer wieder einmal Ausschnitte von TAG laufen lassen. Überraschenderweise konnte er mich nun auf emotionaler Ebene erneut und sogar noch etwas intensiver erreichen, was man dieser Review vielleicht auch anmerkt.

Ich hoffe, dass mein Bericht ein wenig dein Interesse für den Streifen wecken konnte. Falls ja, erstehst du ihn am Besten über das Internet (beispielsweise hier), da er im deutschen Einzelhandel leider nicht erschienen ist. Es gäbe noch so viel mehr zu dem Film zu sagen und gleichzeitig birgt jedes weitere Wort die Gefahr von Spoilern. Daher beende ich den Artikel mit meiner uneingeschränkten Empfehlung an dich, dir diesen Streifen anzuschauen und mit einem Zitat von Mitsuko’s Freundin Sur, welches so auch sehr gut auf TAG zutrifft:

„Die Realität ist ein Rätsel.“

Klassenfotos

Ein fast normaler Schultag...

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...nur mit etwas mehr Blut als sonst.

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Ein Lauf gegen...ja, gegen was eigentlich? (Erina Mano)

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Freundinnen auf Leben und Tod.

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Eine Hochzeitsparty ohne Happy End. (Mariko Shinoda)

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Ein in Blut getränkter TAG. (Reina Triendl)

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Japan | Originaltitel: Riaru onigokko | Regie: Sion Sono | Drehbuch: Yusuke Yamada, Sion Sono | Darsteller: Reina Triendl, Mariko Shinoda, Erina Mano | Freigabe: Ungeprüft | Uncut: Ja | Spieldauer: 86 Min. | Verleih: Schock Entertainment | DVD/BD VÖ: 31.08.2016
TAG (2015)
Prädikat: Ein so rätselhaftes wie wahres Meisterwerk.
Story92%
Schauspieler86%
Spannung92%
Inszenierung92%
91%Wertung
Leserwertung: (2 Votes)
98%

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