Das Filmschaffende, allen voran Regisseure, oft in ganz anderen Sphären zu schweben scheinen ist ja kein Geheimnis. Es gibt aber kreative Köpfe, die selbst hier nochmal hervorstechen. Beispiele sind Visionäre wie Darren Aronofsky oder David Lynch. Ihre Filme sind wahre Meisterwerke, die allerdings alles andere als leicht zu verstehen sind. Während ihre Bilder verwirren und verstören, mutieren Dialoge zu einem Gewirr aus Rätseln und mystischen Botschaften. Dabei polarisieren sie wie kaum ein anderer Beitrag zum neuzeitlichen Kino. Für die Einen ist dies einfach nur ein zusammengeworfener Haufen Schwachsinn, dem keinerlei Bedeutung beigemessen werden sollte, für die anderen ist es filmgewordene Kunst, Geschenke für jeden Cineasten. Ohne arrogant wirken zu wohlen, zähle ich mich zu letzterer Gruppe. Zwar kann ich mir solche Filme nur ab und an zu Gemüte führen, dann koste ich sie aber auch voll aus. So bin ich vor einigen Jahren durch das Fantasy Filmfest auf die Tetsuo-Reihe des japanischen Regisseurs Shin’ya Tsukamoto gestoßen. Zwar habe ich mir den dritten Teil damals nicht im Kino angesehen, aber ein aufmerksamer Kumpel überreichte mir zu meinem 30. Geburtstag die Limited Collector’s Edition mit dem Original und dem aktuellsten Nachfolger. Gestern habe ich mir einmal den Erstling, Tetsuo: The Iron Man angeschaut und kann nur sagen: Was für ein mindfucking Mindfuck!

Die Story zusammen zu fassen ist, wie bei den meisten Filmen dieser Gattung, ziemlich schwierig. Ich versuche es einfach mal: Zu Beginn schiebt ein Mann sich ein Metallrohr in den Oberschenkel um dadurch zu einer Art Menschmaschine zu werden und schneller rennen zu können. Kurze Zeit später wird er vom Auto angefahren. Die Szenerie wechselt: Ein Mann sitzt in einer U-Bahn-Station. Neben ihm berührt eine Frau eine Art metallisches Herz und mutiert innerhalb von Sekunden zu einem cyborgähnlichen Wesen, das Jagd auf den namenlosen Mann macht. Sie fängt ihn und überträgt ihre Mutation. Wieder zuhause angekommen wachsen auch ihm nach und nach Drähte, Schläuche, Rohre und unförmiges Metall aus dem Körper und sogar sein Penis wird zu einem Metallbohrer – sehr zum Missfallen seiner Freundin. Bald schon ist nahezu sein ganzer Organismus von dem metallischen Gewächs überwuchert…

Was in der Kurzbeschreibung schon ziemlich abgedreht klingt ist in Wirklichkeit noch viel krasser. Tetsuo: The Iron Man schaut sich wie ein auf Filmrolle gebannter Fiebertraum. Komplett in schwarz-weiß gedreht werden immer wieder scheinbar zusammenhanglose Szenen im Stakkato durch die Mattscheibe geschossen. Dialoge gibt es fast keine und bis auf wenige Nebendarsteller tragen ausschließlich Kei Fujiwara, Tomorowo Taguchi und Shin’ya Tsukamoto selbst den Film. Da ich gerade bei asiatischen Streifen gerne einmal die Namen vergesse, habe ich extra nochmal bei imdb nachgeschaut und tatsächlich: Mann, Frau, Metall Fetischist – das sind die Angaben zu den Charakteren. Kaum Text, keine Farben, fehlende Namen: Man konzentriert sich also voll und ganz auf Bild und Ton. Das ist schonmal sehr groß und man erlebt es nicht oft, dass die Aufmerksamkeit so subtil auf das Wesentliche gezogen wird.

Aber was will Tsukamoto eigentlich von uns? Bei dieser Art Film darf man nicht erwarten, dass einem die Antwort hierauf vorgebetet wird. Viel interessanter ist es zu schauen, was man selbst daraus macht. So kann das Gesehene einfach als abgefahrene Story mit schrägen Bildern abgelegt werden oder man geht in die Tiefe, beschäftigt sich bspw. mit den immer wiederkehrenden Aufnahmen eines Gesichtes und dem Lachen eines Babys als Sounduntermalung. Tetsuo: The Iron Man ist dabei sicherlich nicht der schlechteste Einstieg für diese Filmgattung, lässt sich der Plot, im Gegensatz zu dem eines Mullholand Drive oder eines Pi, doch noch relativ gut verfolgen. Deswegen ist er aber noch lange nicht leicht verständlich und wenn man sich die Zeit nimmt um einem Interview mit Tsukamoto zu lauschen, dann wird auch schnell klar, dass hinter seinem Film mehr steckt, als man zunächst erahnen mag. Eines ist aber ganz klar: Der Film ist vom Popcornkino so weit entfernt, wie es nur geht. Jenen, die Kino als reines Unterhaltungsinstrument sehen, sei der Streifen daher auch nicht empfohlen. Wer sich aber einmal etwas näher mit den Möglichkeiten dieses Mediums beschäftigen möchte oder generell Interesse an Filmen dieser Art hat, der sollte sich diesen nicht entgehen lassen.

Mit Tetsuo: The Iron Man wurde mir einmal mehr Einblick in eine Kinowelt gewährt, die ich zwar nicht häufig, aber immer wieder gerne betrete. Ich empfinde es als eine absolute Bereicherung, dass solche Filme existieren, weil sie meine volle Aufmerksamkeit fordern und mich auch Tage später noch darüber nachdenken lassen. Da sitze ich dann über eine Laufzeit von 74 Minuten und staune am laufenden Band über die Ideen und die Kreativität, die Shin’ya Tsukamoto solch ein Meisterwerk haben schaffen lassen. Da der zweite Teil der Trilogie, Tetsuo II: Body Hammer, in Deutschland beschlagnahmt wurde, freue ich mich jetzt zumindest schonmal auf den bislang letzten Teil, Tetsuo: The Bullet Man.

Prädikat: Ganz große Kunst!

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