The Girl with All the Gifts | Cover ©SquareOne Entertainment / Universum FilmMelanie (Sennia Nannua) ist ein junges, scheinbar lebensfrohes Mädchen. Sie ist höflich, lächelt viel und besitzt ein Talent dafür, sich märchenhafte Geschichten auszudenken. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie die Lieblingsschülerin von Helen (Gemma *arrrrrr* Arterton, Hänsel & Gretel Hexenjäger) ist. Doch die Lehrerin mit dem stets etwas traurigen Blick spürt noch eine tiefere Verbindung zu dem Kind. Man sieht es, wenn sie Melanie mit einer Mischung aus mütterlicher Zuneigung und tief sitzendem Schmerz ins Gesicht schaut. Liegt das möglicherweise daran, wie alle anderen Angestellten der Einrichtung die Heranwachsende behandeln? Die Soldaten beispielsweise trauen sich nur mit gezückter Waffe in ihre Nähe und das selbst dann, wenn sie an Kopf, Händen und Füßen an ihren Rollstuhl fixiert ist. Oder Dr. Caldwell (die großartige Glenn Close, Damages), welche sie und die anderen Schüler nur mit der nüchternen, emotionalen Kälte einer Wissenschaftlerin beäugt, als hätte sie da nicht mehr als ein lebloses Versuchsobjekt vor sich. Aber wovor zum Teufel haben sie alle eine solche Angst und was macht gerade das eifrige Mädchen so besonders? Es sind doch nur Kinder! Diese Aussage wird schon sehr bald relativiert, als das Gebäude urplötzlich überrannt wird und sich neben einer Hand voll Soldaten nur die drei erwähnten Personen gerade so retten können. Hier draußen, hinter dem Stacheldrahtzaun und den Betonmauern sind sie nämlich alle auf die Jüngste unter ihnen angewiesen…

Der Anfang von Colm McCarthy‘s Streifen The Girl with All the Gifts gibt sich ähnlich geheimnisvoll, wie der kaum greifbare Titel, den man wohl in etwa mit “das begabte” oder “das reich beschenkte Mädchen” übersetzen kann. Die ersten 10-20 Minuten spielen sich tatsächlich nur in besagtem Gebäude ab, welches eher einem Bunker als einer Schule gleicht. Und auch, wenn man sich schon den Trailer angesehen hat und ziemlich genau erahnen kann, warum sich die Damen und Herren dort regelrecht einkerkern, bleibt zunächst doch die Frage, was mit den Kids los ist. Die Aufklärung all dieser vermeintlichen Geheimnisse erschließt sich dem findigen Zuschauer allerdings schneller, als sie im Laufe des Films stückchenweise preisgegeben wird. Dass ist schade, zumal sich sowohl das Marketing in Sachen Trailer, als auch der Regisseur selbst gerne etwas länger hätten bedeckt halten können. So ist einem vieles schon klar, bevor man überhaupt die erste Szene gesehen hat und maximal eine halbe Stunde später dürfte auch der Rest geknackt sein. Dadurch entsteht im Anschluss ein storytechnisches Vakuum, im Laufe dessen ich mich fragte, in welche Richtung das Ganze jetzt weitergehen soll. Diesen “luftleeren Raum” hätte man nutzen sollen, um etwas mehr über die Charaktere oder die dieser postapokalyptischen Welt zugrunde liegenden Ursachen zu erzählen. Hier wird leider Potential verschenkt.

Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht so, dass der Cast ab Minute 31 in der Ecke sitzt, Tee trinkt und auf den Abspann wartet. Die Entwicklungen spielen sich nun eben mehr innerhalb der Gruppe ab und können durchaus noch für Spannung sorgen. Denn bei allem Vorwissen bleibt eine Sache bis zum Ende ungeklärt: Wer genau ist Melanie eigentlich? Diese Frage kann letztlich nur die Figur selbst beantworten und in diesem Punkt lässt man sich angenehm viel Zeit, um einem im konsequenten Finale die Wahrheit vor den Latz zu knallen.

Nach diesem etwas durchwachsenen Eindruck in Sachen Plot kann ich, was das Schauspiel angeht wieder Entwarnung geben. Alle Darsteller zeigen eine überzeugende Performance, wobei mich unter den Erwachsenen vor allem die Frauenpower von Glenn Close begeistern konnte. Es ist einfach immer wieder eine Freude, ihr zuzuschauen. Gemma Arterton ist ebenfalls klasse, hätte aber gerade deshalb ruhig noch etwas mehr im Vordergrund stehen können.

Zentraler Punkt und damit der Star der Show ist aber Sennia Nannua, die hier zum ersten Mal in einem abendfüllenden Werk zu sehen ist und direkt abzuliefern weiß.

Für diesen Film ist es unabdingbar, dass man mit ihrer Figur fühlt und sie ins Herz schließt. Genau das ist der jungen Dame gelungen, woran auch die (allerdings sehr wenigen) Momente des Overactings zum Schluss hin nichts mehr rütteln können.

Was die sonstige Produktion anbelangt, habe ich ebenfalls nur Lob übrig. Das Production Design vermittelt glaubhaft die auf dem Roman Die Berufene (M.R. Carey) basierende Dystopie und kann damit zumindest ein wenig die Defizite im Erzählstil wettmachen. Auch die (sogar recht zahlreichen) Gewaltszenen haben mich positiv überrascht, zumal ich vor der Sichtung noch die Befürchtung hatte, dass man sich mit dem Streifen vielleicht etwas zu sehr in Richtung familientaugliches Unterhaltungskino drücken möchte. Dem ist jedoch definitiv nicht so! Klasse fand ich außerdem den Score von Cristobal Tapia de Veer, welcher mich stark an Nine Inch Nail‘s Konzeptalbum Ghosts I-IV erinnerte. Die häufig verwendeten, langgezogenen elektronischen Klangmuster geben dieser fast menschenleeren Welt eine melancholische, ja fast schon poetische Note.

The Girl with All the Gifts hätte mehr sein können, aber eben auch weniger. Mich hat er über die knapp 2 Stunden Laufzeit gut unterhalten. Vor allem bin ich nun mal gespannt, was man in Zukunft noch von der kleinen Nachwuchsschauspielerin sehen wird. Denn mir scheint es so, als hätte da ein durchaus begabtes Mädchen seinen Weg ins Filmgeschäft gefunden;)

 

Das Bilderbuffet ist eröffnet

Da soll sich unsere Jugend nochmal über die Schule beschweren!

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Wie weit würde sie für ihre Forschungen gehen? (Glenn Close)

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Auf der Durchreise,...

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...geradewegs der nächsten Katastrophe entgegen.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Großbritannien | Originaltitel: The Girl with All the Gifts | Regie: Colm McCarthy | Drehbuch: Mike Carey | Darsteller: Sennia Nanua, Gemma Arterton, Glenn Close | Produktion: Will Clarke, Camille Gatin, Richard Holmes, Angus Lamont | Freigabe: FSK 16 | Uncut: Ja | Spieldauer: 111 Min. | Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Films | Kinostart Deutschland: 09.02.2017

The Girl with All the Gifts (2016)
Prädikat: Beware the kids! Anständig inszenierte Postapokalypse mit leichten Defiziten in der Erzählung, dafür aber klasse Schauspielern und einer guten Inszenierung.
Story65%
Schauspieler85%
Spannung75%
Inszenierung85%
78%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
65%

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