Tuomas Holopainen: The Life and Times of Scrooge

Ihr kennt das doch sicherlich, wenn ihr euch etwas fest vorgenommen habt, dann aber was ganz Dringendes dazwischen kommt. Meistens passiert einem das bei der Arbeit und ist mit Stress verbunden, manches mal sind es aber auch private Angelegenheiten, die sich gegenseitig in die Quere kommen. Betrifft dies nun das eigene Hobby, kollidieren nicht selten die nächsten Projekte miteinander. Um es einmal weniger kryptisch zu formulieren: Eigentlich sollte dieser Artikel der zweite Teil meines Serienguides zu der Gabriel Burns Hörspielreihe werden. Nun stand ich jedoch kürzlich vor dem Regal einer einigermaßen gut sortierten CD Abteilung und ließ meinen Blick über die Cover schweifen, bis plötzlich ein besonders interessantes Artwork meine Aufmerksam auf sich zog. Es handelte sich um eine wunderschöne Zeichnung auf einer rechteckigen CD-Hülle in buchähnlichem Format. Darauf war eine Figur zu sehen, die nachts mit schwerem Gepäck sowie einem Sack Gold auf einer Anhöhe steht und auf einen Mond blickt, der sein Licht auf einen dichten Wald mit einigen schneebedeckten Bergen im Hintergrund wirft. Die Gestalt war nur von hinten abgebildet, es bestand aber kein Zweifel, um wen es sich dabei handelt. Mein Interesse war geweckt und zusätzlich von den stimmungsvollen Farben des Artworks angezogen, nahm ich es in die Hand. Wer sollte über diese Figur ganze elf musikalische Stücke schreiben? Als ich schließlich den Namen des Künstlers las, brauchte es nur eine kurze Hörprobe von wenigen Sekunden und das Ding war gekauft. Bei dem Artisten handelte es sich um niemand geringeren als Tuomas Holopainen, seines Zeichen Keyboarder und gleichzeitig der aktivste Songschreiber von Nightwish. Dieser hat vor einer Weile ein Soloalbum unter seinem Namen herausgebracht und dies The Life and Times of Scrooge genannt. Na, klickt es bei dem Titel? Falls nicht, dann wird euch besagter Scrooge “McDuck” vielleicht etwas sagen, wenn ich euch eröffne, wie er hierzulande genannt wird: Dagobert Duck. 

Aber ob und vor allem wie in drei Teufels Namen passt denn bitte das bisherige musikalische Schaffen von Holopainen zu einer grantigen Comicente, deren liebste Beschäftigung es ist, ein Geldbad zu nehmen? Zu meiner großen Überraschung passt das verdammt gut zusammen. Was Holopainen hier auf Basis der Comicreihe Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden von Don Rosa (welcher übrigens auch das Cover zu diesem Werk beisteuerte) geschafft hat, ist nicht weniger, als die Figur von Scrooge um einige ernsthafte, träumerische, nachdenkliche, epische und wunderschöne musikalische Aspekte zu bereichern. Wer wie ich früher sowohl die Micky Maus Hefte als auch die lustigen Taschenbücher verschlungen hat, der darf nun sein Gedächtnis nach ein paar Erinnerungsstücken zu der Geschichte von Dagobert Duck durchsieben. Der reiche Onkel hat ja irgendwann mal in der Zeit des Goldrausches seinen ersten Taler verdient (das Teil, nachdem ihm die Hexe Gundel Gaukeley immer mal wieder trachtet). Das war im 19. Jahrhundert in der Nähe des Duck’chen Familienwohnsitzes in Glasgow. Tja, und mehr habe ich dann auch nicht aus dem Hinterstübchen graben können. Glücklicherweise reicht das schon voll und ganz aus, um ein Gefühl dafür zu bekommen, auf welche Reise Tuomas Holopainen mich als Hörer mitnehmen möchte. So schafft er Klangwelten, die in meinem Kopf sofort Bilder einer Zeit entstehen lassen, in der eine unglaubliche Aufbruchstimmung herrschte und vieles in Bewegung geriet. Eine Zeit der weiten Landschaften, der nächtlichen Lagerfeuer und mitunter auch der Einsamkeit. All dies ist natürlich arg idealisiert und verträumt, aber genau das ist es ja, was Holopainen seit jeher unglaublich gut beherrscht: Er nimmt den Hörer bei der Hand und entführt ihn in einen fantastischen Kosmos voller Emotionen. 

Neben Sounds aus der Synthiekiste hat er sich hierfür sowohl einige Gastmusiker und -sänger als auch ein ganzes Orchester, das London Philharmonic Orchestra, an Bord geholt. Dabei liegt die große Stärke von The Life and Times of Scrooge, trotz der großartigen Gesangsstimmen, bei den rein instrumentalen Parts. Für diejenigen, die sich ganz und gar diesem Teil hingeben möchten, sei besagte Buchedition empfohlen, die eine zweite CD komplett ohne Vocals mit sich bringt (so kennt man das ja auch schon seit einer Weile von den Nightwish Alben).

Ganz so ohne Kritik kann ich das Werk bei aller Begeisterung jedoch nicht davonkommen lassen. Nach den ersten vier extrem starken Songs, gerät die bis dahin aufgekommene Atmosphäre etwas ins Wanken. Das Stück Goodbye, Papa wirkt im ersten Moment gar etwas einfallslos und leitet zu dem zunächst sehr vielversprechend klingenden To be Rich über, welches sich aber leider in fast schon Enya`esken Anwandlungen verliert. Zwar war jene Musikerin eine der musikalischen Inspirationsquellen zu diesem Album, das will für mich aber nicht so ganz zusammenpassen, zumal eben nicht alle Lieder diesen Stil haben (zum Glück, weil das schlichtweg zu poppig wäre). Auch die letzten drei Songs (wobei es eigentlich nur zwei sind, weil A Lifetime of Adventure in unterschiedlichen Versionen auftaucht) kommen nicht mehr an den extrem starken Start des Werkes heran, weil sie etwas zu sehr nach Charts klingen. Das will mir nicht so recht ins Konzept passen.

Nun gibt es jedoch neben dem Erschaffen von wunderschönen Klang- und Fantasiewelten eine weitere Sache, die Tuomas Holopainen sehr gut beherrscht: So kann er wunderbar in einen zunächst recht durchwachsen klingenden Song Details einbauen, aufgrund derer alleine es sich lohnt, das Stück doch immer und immer wieder zu hören.

Ein Beispiel ist das bereits erwähnte Lied Goodbye, Papa. Nach zwei Minuten, in denen sich neben der immer gleichen Melodie nur Details ändern, steigert sich der Song in einen wundervollen Mittelpart und auch, wenn dieser nur recht kurz ist, sind es diese 1-2 Minuten, die das Lied dann doch zu etwas Besonderem machen. Genau diesen Effekt haben alle Stücke von The Life and Times of Scrooge auf mich gehabt: Irgendwo gibt es immer eine Stelle, die mich hat aufhorchen und genauer hinhören lassen.

Handelt es sich nun um eine gute CD? Von mir gibt es auf diese Frage ein klares Ja, denn auch, wenn nicht alle Songs eine homogene Einheit zu bilden scheinen, liegt doch etwas Magisches auf Tuomas Holopainen’s Werk, ein Zauber, der mich eingenommen hat und emotional tief zu mir durchgedrungen ist. Außerdem freue ich mich auf die vielen Kleinigkeiten, die dieses Album garantiert noch in seinen Details versteckt und welche sich erst nach zahlreichem Durchhören voll und ganz erschließen dürften. Am Ende sind es für mich schon immer eben solche Werke gewesen, die sich als besondere Schätze entpuppt haben, welche ich auch nach vielen, vielen Jahren immer noch gerne höre und Neues entdecke. 

 

 

Zusatzinfos | Laufzeit: 60:05 Min. | Label: Nuclear Blast (Warner) | VÖ: 11.04.2014
Tuomas Holopainen: The Life and Times of Scrooge (2014)
Prädikat: Eine beeindruckende und emotionale Reise durch die Geschichte von "Scrooge McDuck".
Texte85%
Instrumentals95%
Laufzeit85%
Artwork95%
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