2002 war der Höhepunkt meiner “dunklen Zeit”. Komplett im Gothic Fieber kleidete ich mich fast ausschließlich schwarz, hörte melancholisch-düstere Musik und rannte freitags regelmäßig zur Sinister Zone, einer Szeneveranstaltung in Frankfurt. Es war auch das Jahr in dem ich mich zum ersten mal zum M’Era Luna-Festival in Hildesheim begab. 2 Tage Regen, Schlamm, in jeder Hinsicht überfüllte Dixie-Klos und natürlich Mucke an allen Ecken und Enden. Neben In Extremo, den Sisters of Mercy oder VNV Nation war es vor allem eine Band, auf die ich mich ganz besonders freute: Within Temptation. Das damals schon 2 Jahre alte Album Mother Earth hatte es mir extrem angetan und so war ein Besuch der Bühne ganz weit vorne natürlich Pflichtprogramm. Der Auftritt war klasse, die Band sympathisch und die Musik hätte wohl nicht besser sein können. Das Wochenende verging, die Jahre zogen ins Land, ich legte die schwarze Kleidung ab und doch…ja, irgendwas bleibt immer. So auch der Bezug zu manchen Bands, die irgendwann einmal etwas tief in einem berührt haben. Nachdem ich den Longplayer The Silent Force noch mitgenommen habe, verlor ich die Band mehr oder weniger aus den Augen und das auch, weil der dann folgende Output nicht mehr so recht an mich ging. Mir fehlte das Zerbrechliche, das melancholisch Verträumte, was Mother Earth noch so einzigartig gemacht hatte. Es mag sein, dass ich durch meine mehr oder weniger starke Musikabstinenz der letzten Jahre nicht richtig zugehört habe, daher erlaube ich mir an dieser Stelle auch kein Urteil über die letzten 3 Alben. Und hier soll es schließlich auch um das aktuellste Werk Hydra gehen, auf das ich kürzlich gestoßen bin und bei dem ich dann auch mal wieder die Muße hatte genauer hinzuhören.

Eines ist klar: Within Temptation haben immer wieder überrascht und auch, wenn mir nicht jede Änderung gefallen hat, fand ich es doch schön, dass man nicht auf der Stelle trat. Auf Dauer sollte man bei aller Liebe zum Experimentieren natürlich auch wieder Boden unter die Füße bekommen. Mit Hydra hat die niederländische Band um Frontfrau Sharon Janny den Adel genau das endlich wieder geschafft und präsentiert ihr gesamtes, über die Jahre angehäuftes Repertoire. Das Album beginnt noch ruhig, fast unauffällig mit Let us Burn, aber spätestens mit dem Gesang von den Adel setzt das wichtigste Kapital der Band ein. Die Stimme polarisiert sicher, ich finde sie einfach nur schön. Dennoch wirkt der Opener noch etwas zu gebremst, kratzt nur an der Oberfläche des Potentials. Kein schlechter Song, aber sein größtes Manko ist, dass die Vielfältigkeit der Sängerin noch nicht voll ausgeschöpft wird. Es fehlen die leisen, die hohen Töne…

Habe ich das erste Lied noch mehr oder weniger an mir vorbeiziehen lassen, hat Dangerous es mir erstmal richtig derbe besorgt. Angefangen mit einem Gitarrenriff, das den Titel von Anfang bis Ende nach vorne treibt und begleitet von einem richtig fetten Schlagzeug ist der zweite Song bereits der erste Volltreffer. Den Adels’ Stimme schwingt sich nach oben während Gastsänger Howard Jones (ehem. Killswitch Engage) genau das richtige Gegengewicht bildet. Das Album nimmt also langsam an Fahrt auf…

And we Run wird ganz ruhig eingeleitet, lässt sich etwas Zeit und findet seinen Höhepunkt in einem vom Synthie-Orchester begleiteten Refrain. Was dann kommt ist in dem Genre eher unüblich, denn vollkommen gegen den Strich setzt Xzibit ein und haut ein paar Lines auf die Bretter. Alter, und das passt auch noch! Wäre der Song ohne den Hip Hop-Star schon gut, gewinnt er mit ihm eine besondere Note mit einem klasse Überraschungsmoment. Wie war das noch mit der Wandlungsfähigkeit der Band?

Paradise, erneut treibende Riffs, fette Rythmen und eine opernhafte Stimme die bereits zu Beginn mitschwingt und mir verdammt bekannt vorkommt. Sollte das etwa? Ist das vielleicht? Ja, Tarja Turunen, ehemals Frontstimme von Nightwish gibt sich die Ehre. Hat sie nach der Abspaltung von der Band nicht mehr so richtig was gebracht, zeigt sie hier, was sie bringen kann, wenn nur eine gute Band dahintersteht. Und Leute, welcher Symphonic Metal Fan hat sich nicht schon einmal ein Duett dieser beiden großen Stimmen gewünscht? Hier habt ihr es und der Rest ist Geschichte…

Gut, und jetzt erstmal wieder setzen. Edge of the World ist eine ruhige, zunächst vom Synthie-Orchester getragene Ballade und würde auch problemlos zu Mother Earth passen. Allerdings nur in den ersten 3 Minuten, denn danach wird es wieder laut, was etwas schade ist. In der Ruhe liegt die Kraft sagt man so schön und diesem Lied hätte besagte Ruhe gut getan. Schön ist allerdings, dass den Adel sich gesanglich wieder etwas abwechslungsreicher zeigt. Das setzt sich auch in Silver Moonlight fort, ein großartiges Stück mit einem extrem eingängigen und schönen Refrain. Die Shouts und ein kurzes Gitarrensolo runden die Sache ab. Gute 5 Minuten, die richtig Spaß machen!

Covered by Roses ist ebenfalls ein toller Song, dessen Wucht sich aber sicher erst in den Konzerthallen vollends entfalten dürfte. Der rockige Ansatz gefällt mir und auch hier bekommt man wieder einen wunderschönen Refrain in die Gehörmuschel gepresst. Es scheint fast so, als habe die Frontdame erst einmal in das Album reinkommen müssen, denn mittlerweile ist sie voll drin, schmückt jeden Song mit dem vollen Potential ihres Gesangs. Die Kinderstimme gegen Ende zeigt dann nochmal, dass es manchmal nur wenige Sekunden braucht um einen Track besonders zu machen und im Gedächtnis zu bleiben. 

Dog Days, der 8. Titel ist für mich mittlerweile der schwächste Song auf dem Album. Das ist wohlgemerkt Kritik auf hohem Niveau, aber nachdem ich dieses Lied beim ersten Reinhören noch richtig groß fand, wirkt es mittlerweile nur noch profillos. Ich frage mich außerdem, was man sich bei der Textpassage “one, two, three, four what are you waiting for” gedacht hat. So eine ausgelutschte Phrase hat Within Temptation nicht nötig und spätestens gegen Ende denkt man sich: Jo, ick wees nu, dass et die Dog Days sind…

Ohoh, wir nähern uns dem Ende. Auf der Zielgeraden bekommt man noch einmal einen richtig typischen Song der Band präsentiert und das ist in jeder Hinsicht positiv gemeint. Tell me why knallt zwar auch wieder ganz gewaltig (wo bleibt eigentlich mal eine Ballade?), aber das Feeling passt einfach. Ich kann das schwer greifen, aber es ist ein Titel, bei dem ich sofort merke: Check, dass sind Within Temptation! Großartig. 

Whole World is watching, der letzte Song und ein letztes Duett. Moment mal, ist das Bon Jovi?! Nö, denn diese tolle Stimme gehört Dave Pirner (Soul Asylum), der klasse mit den Adels Gesang harmoniert. Das Lied hat fast etwas von Axel Rudi Pell und bietet ein schönes Finale, dass es dann auch mal etwas langsamer angehen lässt.

Soviel zum Basisprogramm. Wer sich jedoch die Deluxe Edition gekauft hat, der darf dem CD-Player nun nochmal einen Nachschlag verpassen. Disc numero due bringt 4 Cover Songs mit: Radioactive, Summertime Sadness, Let her go und Dirty Dancer. Da wird einem nochmal die volle Pop-Breitseite gegeben. Die Versionen sind allesamt bodenständig und lediglich Let her go und Dirty Dancer haben mir besser gefallen, als das Original. Besonders Ersteres zeigt, wie sehr Within Temptation bei ruhigen Songs auftrumpfen können. Die restlichen Lieder sind mit “Evolution Track” gekennzeichnet, was zunächst etwas verwirren mag. Dabei handelt es sich um Ausschnitte der einzelnen Songs, die entweder die Entwicklung der Lieder (bspw. vom reinen Gesang zum fertigen Arrangement) oder alternative Fassungen derselbigen bieten. Man könnte auch sagen, dass es sich um Demos handelt. Reinzuhören lohnt sich aber, denn wieder einmal merkt man, dass die Band ihre musikalischen Fühler in alle Genres ausstreckt und bei der Entwicklung des Albums auch mal in ganz andere Richtungen geschaut hat. 

Junge, Junge, der Text sollte doch eigentlich recht kurz werden;) Ein Fazit haue ich aber noch raus. Ich habe es ja eingangs schonmal erwähnt: Auf der einen Seite vermisse ich einfach die ruhigen, die zerbrechlichen Momente. Das ist aber auch so ziemlich das Einzige, was ich bemängeln könnte. Mit Hydra hat die Band wieder zu alter Stärke gefunden. Die LP ist abwechslungsreich, hat Power, tolle Melodien und macht einfach Spaß. Ich bin gespannt, wo sich die Band noch so hin entwickelt. So, und jetzt höre ich erstmal eine Runde Our Farewell😉

Prädikat: Richtig gut!

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