XX | Cover ©Koch FilmsEine Frau sitzt mit ihren Kindern in der U-Bahn. Neben ihnen hat ein mysteriöser Mann Platz genommen. Auf seinem Schoß hält er eine nicht minder geheimnisvolle, rote Box. Der Sohn fragt, was denn darin sei, woraufhin der Unbekannte ihn einen Blick in das Innere der Kiste werfen lässt. Es folgt keine Reaktion des Jungen und auch sonst ist er fortan sehr ruhig und verhält sich seltsam…

Als Mary (Melanie LynskeyTwo and a Half Men) an diesem Morgen aufwacht, möchte sie sich an die letzten Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier ihrer Tochter machen. Doch als sie das Büro ihres Mannes betritt, macht sie eine schreckliche Entdeckung. Viel Zeit bleibt ihr nicht, um das über die Familie hereingebrochene Unheil zumindest noch für diesen Tag geheim zu halten und der kleinen Lucy (Sanai Victoria) ein Trauma zu ersparen…

Eines späten Abends finden sich vier Freunde mit ihrem Camper inmitten einer menschenleeren Wüste ein, um zu saufen, zu quatschen und es sich einfach gut gehen zu lassen. Dann finden sie seltsame Malereien an einem Felsen. Sie denken sich nichts weiter dabei, doch als die Nacht hereinbricht, zeigt sich, dass es sich bei dem Gekritzel um mehr handelt, als nur um ein Zeugnis vergangener Zeiten…

Cora (Christina KirkTaking Woodstock) ist eine alleinerziehende Frau, die alles dafür tut, um ihrem Sohn Andy (Kyle AllenOne Night) ein unbeschwertes Leben zu bereiten. Dieser jedoch scheint das überhaupt nicht zu schätzen. Stattdessen geht er äußerst respektlos mit seiner Mutter um und scheint auch sonst eine Menge Unfug zu treiben. Doch obwohl dies bereits negativ in der Schule aufgefallen ist, stellen sich nicht nur seine Lehrer, sondern auch die Direktorin hinter den Burschen. Warum das so ist, kann Cora sich selbst nicht erklären, allerdings soll sie es schon bald herausfinden…

Dies ist eine Zusammenfassung der vier Hauptgeschichten, welche in XX erzählt werden. Das Besondere daran ist, dass sie alle ausschließlich von Regisseurinnen inszeniert wurden. Hierin besteht auch der Grundgedanke und das Konzept der Anthologie, da die federführenden Filmemacherinnen ein Horrorwerk kreieren wollten, welches in erster Linie der Kreativität von Frauen entsprungen ist. Warum? Ganz einfach, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass das weibliche Geschlecht in diesem Filmgenre viel zu unterrepräsentiert ist. Eigentlich, so eine Äußerung in den Interviews, die auf der DVD/BluRay enthalten sind, fänden sie es sogar schade, dass es überhaupt eine solche Aktion bräuchte, um zu zeigen, dass auch Frauen anständige Gruselkost auf die Beine stellen können. All dies dürfte (nach meiner Interpretation) auch die Idee hinter dem Titel gewesen sein: Frauen

unterscheiden sich auf genetischer Ebene vor allem dadurch, dass sie zwei X-Chromosomen haben, während Männer ein X und ein Y-Chromosom mit sich herumtragen;) Ok, soviel zu der Intention des Streifens…aber handelt es sich denn eigentlich um ein empfehlenswertes Werk?

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich auf zwei weitere Aspekte eingehen, welche die vier Shorts wie ein roter Faden durchziehen: Jeder von ihnen bringt ein Rätsel mit sich, das am Ende bewusst ungelöst bleibt und den Zuschauer so zum Spekulieren und Interpretieren einlädt. Alleine dieser Punkt sorgt für eine Menge „Thrill“. Hinzu kommt, dass sich alle Kurzfilme in irgendeiner Form um das Thema Familie drehen und gleichzeitig beweisen, dass die Damen der Schöpfung sehr wohl derbe Genrekost inszenieren können. Gerade der Eröffnungsstreifen The Box von Jovanka Vuckovic hat mich mit einer echt widerlichen Szene, dem bravourösen Make-up, das insbesondere bei dem kleinen Peter DaCFunha extrem gut gelungen ist, und seinem abrupten, aber eben auch konsequenten Ende so sehr umgebügelt, dass ich eigentlich gar nicht für St. Vincent’s The Birthday Cake bereit war. Glücklicherweise hat man, nach dem vorangegangenen Brett, mit dieser Episode eine schwarzhumorige Geschichte platziert, die es mir erlaubte, erstmal wieder runter zu kommen. Auch der darauffolgende Don’t Fall von Roxanne Benjamin geht es recht locker an und zeigt mit seinem handwerklich gut gemachten Creature Horror nochmal eine weitere Facette des Gesamtwerks. Das Schlusslicht bildet Her Only Living Son von Karyn Kusama, welcher dank Christina Kirk vor allem schauspielerisch grandios, aber aus dem gleichen Grund stellenweise auch unerträglich ist.

Die vier Segmente werden wiederum von Sofia Carrillo’s „Wanderung eines lebendig gewordenen Puppenhauses“ in bester Stop Motion Manier mit großartigen, abstrakten und düsteren Bildern miteinander verknüpft.

XX ist also abwechslungsreich und in Sachen Schauspiel sowie Inszenierung ein hervorragender Episodenfilm, der mich definitiv positiv überrascht hat und von dem ich gerne eine Fortsetzung sehen würde. Denn wer auch immer die (gelinde gesagt weltfremde) Ansicht vertritt, Frauen hätten an vorderster Front einer Genreproduktion nichts zu suchen, der dürfte spätestens hier eines Besseren belehrt werden, nicht zuletzt, weil der Streifen gerade aufgrund der spürbaren, weiblichen Kreativität ein Alleinstellungsmerkmal hat. Aus all diesen Gründen spreche ich ihm auch eine klare Kaufempfehlung aus.

Vier Geschichten, vier Bilder

Ein Geburtstag der besonderen Art.

©Koch Films

Was stimmt mit Jenny und ihrem Bruder Danny nicht?

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Leidet unter ihrem Sohn: Cora (Christina Kirk)

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Haben sich den Campingabend anders vorgestellt: Jay (Morgan Krantz) und Jess (Angela Trimbur)

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Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: XX | Regie: Roxanne Benjamin, Karyn Kusama, St. Vincent, Jovanka Vuckovic | Drehbuch: Jovanka Vuckovic, Roxanne Benjamin, St. Vincent, Roxanne Benjamin, Karyn Kusama | Darsteller: Natalie Brown, Jonathan Watton, Peter DaCunha, Peyton Kennedy, Michael Dyson | Produktion: Daniel Bekerman, Roxanne Benjamin, Nate Bolotin, Todd Brown, David A. Smith, Aram Tertzakian, John Von Thaden | Freigabe: FSK 16 | Uncut: ja | Spieldauer: 78 Min. | Verleih: Koch Films | Produktionsjahr: 2017 | Deutschland VÖ: 26.05.2017
XX (2017)
Prädikat: Vier Geschichten und ein Puppenhaus - ein wahrer Augenschmaus!
Story80%
Schauspieler85%
Spannung90%
Inszenierung85%
85%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
52%

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