Ein Mann wacht morgens auf. Voller Freude kommen seine zwei Kinder zu ihm ins Bett gesprungen und überreichen ihm Geschenke. Es ist sein Geburtstag. Ein ganz normaler Tag im Leben einer normalen Familie. Steve, der Vater, der Ehemann, regt sich beim Frühsport über den Nachbarn auf, der schon wieder seine Pflanzen gießt. Dann sitzen alle gemeinsam am Frühstückstisch. Ganz nebenbei gibt Alexandra, seine Frau, Steve diverse Rechnungen und fragt, warum sie diese nicht zahlen darf. Er erwidert nur “ich mach das” ohne sie dabei überhaupt anzusehen. Moment mal, Alexandra wirkt die ganze Zeit schon so zurückhalten, nahezu unglücklich…na gut, vielleicht läuft es gerade nicht so zwischen den beiden. Gleichwohl verspricht sie Steve, kurz bevor dieser zur Arbeit geht, ein ganz besonderes Geschenk für die Nacht. Seltsam…

Nichts ahnend geht Steve also ins Büro, parallel sieht man wie seine Frau mit den Kids die Geburtstagsüberraschung vorbereitet. Dann schickt sie die beiden aber mit dem Taxi weg und reist kurz danach selbst ab…langsam aber sicher wird klar: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.

Als Steve des abends dann voller Vorfreude auf das versprochene Geschenk nach Hause kommt findet er nur ein leeres Haus vor. Alle Glühbirnen wurden entfernt und die einzigen Geräte, die zu funktionieren scheinen sind der Kühlschrank und der Fernseher samt Videorecorder. Ah, und da liegt auch ein Päckchen auf dem Fernseher. Eine VHS-Kassette. Steve legt sie ein. Nachdem er das Video zuende gesehen hat wird er nicht mehr derselbe sein…

Mehr soll an dieser Stelle nicht über Alexandra´s Project verraten werden. Und das war wirklich bei Weitem noch nicht alles. Tatsächlich entfaltet der Streifen nämlich erst ab diesem Zeitpunkt seine volle Wirkung. Ab diesem Moment hat man nämlich noch 2/3 des Streifens vor sich. Und das ist nicht negativ gemeint. Hierbei handelt es sich einfach nur um schwere Kost. Kammerspielartig sieht man einen Großteil der Zeit nur jemanden vor dem Fernseher sitzen. Klingt langweilig, ist es aber ganz und gar nicht. Was Rolf de Heer, welcher hier das Drehbuch geschrieben und auch Regie geführt hat, mit diesem Film abliefert ist erstklassiges Thriller-Kino und zwar eines, dass ganz ohne Effekthascherei, mit sehr kleinem Budget und 3 Schauspielern auskommt. Ganz besonders sollten die beiden Hauptdarsteller, Helen Buday und Gary Sweet erwähnt werden. Beide sind wie gemacht für die Rollen (der Charakter des Steve wurde im Übrigen tatsächlich auf Gary Sweet zugeschnitten). Insbesondere emotional wird hier eine so überwältigende Schauspielleistung abgeliefert, dass alleine das schon reicht um den ganzen Film über gefesselt vor dem Fernseher zu sitzen. Das Helen Buday einen Großteil ihrer Performance nackt abliefert verdient ebenfalls besonderen Respekt, beweist sie hiermit doch Mut zur Normalität. Sie ist nämlich einfach nur eine ganz normale Frau in den 40ern mit den üblichen Problemzonen. Gary Sweet, der im Grund kaum Dialog hat, muss alleine durch Mimik überzeugen und bewältigt diese Aufgabe ebenfalls mit Bravour. Dazu sei noch gesagt, dass er das Video tatsächlich noch nicht kannte. Er sieht dieses also während der Dreharbeiten zum ersten Mal und muss dann mehr oder minder intuitiv schauspielern. Das ihn dies teilweise arg mitnimmt kann man im umfangreichen Making of sehen. Aber auch der dritte Schauspieler, Bogdan Koca, der nervige Nachbar, überzeugt voll und ganz. Schade nur, dass er so wenig Screentime hat.

Sehr positiv ist mir auch die Ausstattung des Films aufgefallen. Alles sieht so wunderbar normal aus. Wie auch bei den Darstellern wird hier nicht versucht irgendetwas aufzupolieren und interessanter zu gestalten. Das Haus, das Interieur sollen nur die Plattform darstellen auf der sich dieses Familiendrama abspielt.

Moment, habe ich oben nicht geschrieben, es handelt sich um einen Thriller? Naja, so recht eindeutig lässt der Film sich nicht einordnen. Das liegt ganz im Auge des Betrachters. Was für den Einen wie ein Thriller daher kommt, ist für den Anderen ein Drama, für manch einen sogar Psycho-Horror. Nicht zuletzt bleibt der Film, auch, wenn es um die Handlungen seiner Figuren geht, vollkommen wertneutral. Es ist ganz einem selbst überlassen, was man davon hält, was bei dieser Thematik alles Andere als einfach ist. Umso schöner, dass ich keinerlei Logikfehler im Verhalten der Charaktere feststellen konnte. Ich persönlich bin jetzt noch am Hadern mit mir, wer jetzt in meinen Augen Opfer, wer Täter ist. Diese Rollen klar zuzuordnen dürfte hier schwer fallen.

Wer große Schauspielleistungen zu schätzen weiß und auf hollywoodreife Effekte verzichten kann ist bei diesem Fall goldrichtig. An dieser Stelle sei auch nochmal das Label Störkanal lobend erwähnt, welches hier wieder einmal Mut bewiesen hat indem es einen absolut nicht massentauglichen Film neu veröffentlich (der Streifen ist von 2003). Für den Freund außergewöhnlicher Filmkost sei die gesamte Störkanalreihe ans Herz gelegt (gibt´s im Media-Laden oder bei Amazon).

Alexandra´s Project – ein fieser kleiner Film der zum Nachdenken anregt.

Bis demnächst,

Euer .Anawak

[kkstarratings]

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.