ASP: Weltunter

Nach :Duett dauerte es 2 Jahre, bis der dritte Teil der Saga um den Schwarzen Schmetterling erschien. Weltunter hieß das neue Werk von Alexander Spreng und für mich ist dies bis heute das ambivalenteste Album der Band. Seit der Veröffentlichung habe ich es wirklich oft gehört und doch werde ich nicht so richtig warm damit. Dabei ist es nicht einmal eine schlechte CD, aber angesichts dessen, was ASP mit den beiden Vorgängern abgeliefert haben und vor allem, wenn man um die Folgewerke weiß (dazu weiter unten mehr), wirkt diese Veröffentlichung ziemlich unrund. Fast scheint es allerdings so, als sei dies beabsichtigt gewesen, denn Weltunter bietet musikalisch und textlich einige Änderungen, die die nächsten Alben maßgeblich beeinflussen sollten. Denn zusätzlich zum Schwarzen Schmetterling, der ja bis heute das Maskottchen von ASP ist, beginnt hier die Geschichte um den dunklen Turm.

Nach dem gemächlichen und stimmungsvollen Intro heißt man den Hörer im zweiten Song in eben jenem Gemäuer willkommen. Welcome ist ein Lied, das als Beispiel dafür dienen kann, warum ich das Album mal gut und mal…naja, nicht so gut finde. Während die Strophen ganz schön lahm dahinplätschern und so ziemlich alles vermissen lassen, was Hast du mich vermisst? und :Duett ausgemacht hat, haut der Refrain (zumindest in Sachen Härte) richtig rein. Was hier jedoch an Tempo fehlt, versucht der Titelsong wieder aufzuholen. Weltunter geht gut voran und kann textlich auch einige gute Textpassagen aufweisen (im übrigen enthält auch dieses Lied Verweise auf den dunklen Turm). Leider gipfelt das Ganze dann aber in einem recht holprigen Refrain und irgendwie bekomme ich an diesem Punkt immer das Gefühl, dass die Band 2003 nicht gerade das kreativste Jahr hatte. Dann aber kommt Stille der Nacht und alles ist wieder gut. Ein wunderschöner, trauriger und sehr atmosphärischer Song. Wer das Lied noch nicht kennt und die Chance hat, dieses zum ersten mal bei Schneefall zu hören, der kann sich auf eine ergreifende, akustische Erstbegegnung freuen.

Geisterjagd…ja, Leute, nach dem extrem starken vierten Song, erlebe ich hier immer wieder einen kleinen Begeisterungsabfall. Kein miserabler Song, aber auch wieder so ein vor sich hin Geplätschere. Nope Sir, das Lied hätte nicht sein müssen. Bei She wore Shadows überbekommt mich gerne mal ein Dèjá Vu, denn ähnlich wie vorher bei Weltunter, scheint auch dieses Lied das mäßige Tempo des Vorgängers wieder aufholen zu wollen. Allerdings kann ich Song Nr. 6 doch etwas mehr abgewinnen als dem Titellied. Demon Love verspricht auch wieder ein relativ unspektakulärer Song zu werden, allerdings lohnt es sich, dran zu bleiben, denn er steigert sich mit stimmungsvollem Gitarrenspiel und sanften Streichern in einen sehr gut gelungen Refrain, der anständig reinhaut, ohne die bis dahin aufgebaute Atmosphäre zu zerstören. Ein tolles Lied, wenngleich ich mir auch hier etwas mehr Abwechslung gewünscht hätte.

So, und jetzt vergessen wir einmal kurz alles, was ich bisher zu diesem Album geschrieben habe und konzentrieren uns voll und ganz auf den nächsten Song: Ich will brennen hat so ziemlich alles, was diese Band so besonders macht und weshalb sie nicht nur als bloße Randerscheinung, sondern als ernstzunehmende Künstlergruppe gesehen werden sollte. Von der ersten Sekunde an nimmt der Song den Hörer mit auf eine Reise, die textlich von dem Gefühl handelt, lebendig zu sein und für etwas…ja, zu brennen (dies ist selbstverständlich eine Frage der Interpretation). Fette, treibende Gitarrenriffs peitschen das Lied nach vorn und zu alldem stand bei Veröffentlichung noch eine Message im Vordergrund: Damals gab es (mal wieder) die Diskussion, ob Medien wie bspw. CDs dupliziert werden dürfen. ASP wollten mit dieser Auskopplung das Recht auf Privatkopien verteidigen und legten der Single ganz provokant einen Rohling bei. Ich will brennen ist aber auch abgesehen davon für mich einer der Songs, die mir nahegehen, mich berühren und zum Nachdenken anregen. Denn wer kennt nicht das Gefühl, sich leer, von außen getrieben zu fühlen und sich dabei einen Halt zu wünschen, etwas, bei dem die Emotionen vor Begeisterung regelrecht in Flammen aufgehen?

Ob einem die nächsten beiden Lieder (Hässlich und Eleison) gefallen, ist sehr vom Geschmack des Hörers abhängig (mehr noch, als dies bei den anderen Titeln des Albums der Fall ist). Während Hässlich in den Strophen von sanften, aber doch vorangehenden Elektrorythmen untermalt wird, die im Refrain von E-Gitarren abgelöst werden, ist Lied Nr. 10 wohl eines der schrägsten dieser LP und erinnert ein wenig an das düstere Album A Deeper Kind of Slumber von Tiamat. Orientalisch anmutende Klänge dudeln während der umfangreichen Strophen und erleben im zugleich schnellen wie befremdlichen Refrain einen krassen Cut. Der Titel dieses Liedes ist im Übrigen wohl eine Anlehnung an die christliche Litanei (Kyrie Eleison, siehe Wikipedia)…so zumindest meine Interpretation und für diejenigen, die mit dem Titel nichts anfangen können, als kleine Hintergrundinfo.

Hat man sich bis zu diesem Punkt durch das stetige Auf und Ab dieses Werks gehört, erwarten den geduldigen Hörer zum Ende hin nochmal zwei richtig starke Titel. Lykanthropie (die aus dem Griechischen stammende Beschreibung für die Verwandlung eines Menschen in ein Tier, bspw. einen Werwolf) peitscht krasse Synthieklänge gemischt mit Rammstein-ähnlichen Gitarrenriffs durch die Kopfhörer. Was mich bei dem Song jedoch insbesondere immer wieder auf’s Neue begeistert, ist der Text. Selten habe ich die innere Zerrissenheit eines Wesens lyrisch so treffsicher umgesetzt erlebt. Das dies dann auch noch in Anlehnung an die von mir ohnehin geliebte Werwolfthematik erzählt wird, gibt dem Song den letzten Feinschliff. Ein großartiges Lied mit einem grandiosen finalen Twist…

Die Ruhe vor dem Sturm führt uns schließlich auf die Spitze des dunklen Turms und lässt uns an der akustischen Umsetzung eines Unwetters teilhaben. Das langsam beginnende Stück wird von einem sehr bildhaften Text begleitet, der, gelinde gesagt, als gelungen bezeichnet werden darf. Der wahre Star ist jedoch der instrumentale Part des Liedes: Langsam dahintreibende Gitarrenklänge und ein zurückhaltendes Schlagzeug gehen über in sanfte Bläser und Streicher bis ein kurzer Cut den aufkommenden Sturm einläutet. Dies wurde orchestral dermaßen gut umgesetzt, dass ich dabei schon mal eine Gänsehaut bekomme. Die Klänge prallen in einer musikalischen Urgewalt aufeinander, Spreng schreit und es fällt nicht schwer, sich dieses Naturschauspiel am dunklen Turm vorzustellen. Ein großer Song!

Es passt, dass danach das Album zuende ist, denn Die Ruhe vor dem Sturm kann sehr gut für das gesamte Werk stehen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, ein Für und Wider. Sicher werden viele das Album lieben, eben weil es von ASP stammt (was wahrlich Grund genug ist) oder, weil es einfach mal was anderes ist. Dies kann man der Band auch zugute halten: Sie beschreiten neue Wege. Das man sich dabei nicht nur Freunde macht, ist bekannt. Ich für meinen Teil heiße es ja in der Regel gut, wenn eine Gruppe mal was Neues versucht und das man mit Weltunter mehr in die rockige Ecke rückte, war und ist sehr wichtig für die weitere Entwicklung der Band. Auch deswegen passt das letzte Lied sehr gut zum Gesamteindruck der LP, denn es fühlt sich an, als ob ASP noch einmal tief Luft holen, bevor sie ein wahres Feuerwerk an fantastischen Veröffentlichungen raushauen. Alles, was nach dieser CD kam, war nicht weniger als eine Bereicherung für die deutsche Musikszene, die ich nicht mehr missen möchte. Für diesen Übergang hätte ich mir jedoch etwas mehr Geradlinigkeit und Einfallsreichtum gewünscht. Aber gut, wir sind ja hier schließlich nicht auf einem Wunschkonzert und jede gute Band sollte das Recht haben, auch mal ein Album zu bringen, das nicht jeden in komplett von den Socken haut.

So, ich hoffe, ich konnte euch ein umfassendes Bild dieses Albums geben. Bleibt nur noch die…

ASP: Weltunter
Prädikat: Ein Sturm zieht auf.
Texte83%
Gesang77%
Artwork80%
Umfang80%
Instrumental70%
78%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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