Baskin | Poster

Alle Jahre wieder gibt es den einen oder anderen Film, der sich anschickt, die Hirnwindungen des Zuschauers dermaßen zu verdrehen, dass selbiger danach nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Einer der Meister dieser Kunst ist Kultregisseur und Drehbuchautor David Lynch, der einst in einem Interview sogar andeutete, dass er seine Werke oft selbst nicht verstehe (!). Kein Wunder, sind Filme wie Mulholland Drive oder Lost Highway doch ein Mekka für Interpretationen und laden dazu ein, Theorien drüber zu entwickeln, was der Schöpfer uns eigentlich sagen möchte. Ein weiteres Beispiel ist Triangle von Christopher Smith, ein Film, der in sich selbst übergeht und durch seine einzigartige Machart absolut zu beeindrucken weiß. Mit seinem Spielfilmdebüt Baskin möchte sich der türkische Regisseurs Can Evrenol in den Reigen solch besonderer Filmkunstwerke einreihen und dabei mit Terror sowie ausufernder Brutalität auch die Gorehounds unter uns abholen. Dies verspricht zumindest der Trailer…aber kann der finale Streifen diesem Eindruck gerecht werden?

Die Story ist schnell zusammengefasst: Eine fünfköpfige Polizeieinheit wird des nachts von einer anderen Einheit zur Verstärkung gerufen. Man macht sich umgehend auf den Weg. Kurz bevor sie ankommen läuft ihnen jedoch eine Gestalt vor den Wagen. Durch den Zusammenprall geraten sie von der Fahrbahn und rasen schnurstracks in einen Fluss. Die Karre ist Schrott und die angefahrene Person wie vom Erdboden verschluckt. Also müssen die Fünf zu Fuß weiter, am besten zum nächstgelegenen Ort. Der Weg führt sie durch einen Wald, in dem sie bereits nach kurzer Zeit ein verlassenes Anwesen finden. Davor steht ein ebenso verlassener Polizeiwagen. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Also machen sie sich in dem Gebäude auf die Suche nach ihren Kollegen. Zu spät merken sie, dass sie sich mitten in einen vor Wahnsinn und Blut triefenden Abgrund begeben haben…

Wenn Can Evrenol mit seinem Film eines beherrscht, dann ist es, eine düstere und bedrohliche Atmosphäre aufzubauen. Dies gelingt ihm von der ersten Sekunde an und hält bis zum bitteren Ende. Das Zusammenspiel von Kamera (Alp Korfali), Score (Ulas Pakkan), den sehr gut gewählten Drehorten sowie den überzeugenden Schauspielern ließ mich bereits zu Beginn erahnen und erhoffen, dass hier ein echter Höllentrip auf mich zukommt. Besonders aufmerksam wurde ich, als es erste Anzeichen dafür gab, dass hier wohl nicht alles so ist, wie es den Anschein hat. Ich liebe es, wenn ein Film viele Schlussfolgerungen aus dem Gezeigten zulässt und so zum interpretieren einlädt. 

Auch in diesem Punkt macht Evrenol alles richtig und fordert den Zuschauer, ohne ihm in Lnych’ er Manier gleich vollends den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Unterstützt wird die großartige Bildsprache dabei nicht nur von der fantastischen Musikuntermalung, sondern auch von einigen treffend eingebauten Zeitlupenaufnahmen, die meine Kinnlade ein ums andere Mal nach unten klappen ließen. 

Gerade aufgrund des äußerst gekonnten Einsatzes aller zur Verfügung stehenden Mittel ist es bedauerlich, dass die einzelnen Aspekte nicht genügend Luft bekommen, um sich voll und ganz zu entfalten. Baskin, im Übrigen das türkische Worte für “Razzia”, ist einer der wenigen Filme, bei denen ich mir wünschen würde, dass sie noch ein gutes Stück länger sind. Dies kommt insbesondere im letzten Drittel zum Tragen, wo die brutalen Ereignisse in besagtem Anwesen den verstörenden Part des Films einläuten, für dessen volle Durchschlagskraft aber einfach zu harmlos und vor allem zu kurz sind. Es gibt zwar reichlich Blut und auch ein paar richtig gut gemachte Effekte zu sehen, jedoch gehe ich (auch wegen des Werbeslogans “Willkommen in der Hölle”) davon aus, dass Can Evrenol den Zuschauer mit seinem Werk auf einen cineastischen Trip schicken möchte, den man so schnell nicht vergisst. Das Filme zu so etwas imstande sind, hat vor allem die Terrorwelle aus Frankreich mit Streifen wie Martyrs oder High Tension bewiesen. Wenn ich nun einmal die Wucht solcher Werke mit der eines Baskin vergleiche, steht dieser einfach hinten an. Dafür geht er schlichtweg nicht weit und vor allem nicht lang genug. Hätte man dem Film kurz vor Ende einfach nochmal zwanzig Minuten mehr Zeit gegeben, um seine Wirkung zu entfalten und die Protagonisten etwas mehr…nun ja, leiden lassen, dann wäre daraus sicher ein echter Höllentrip entstanden.

Dies macht aus Baskin selbstverständlich keinen schlechten Film und das das Ende schließlich noch mit einem tollen Twist aufwartet, zeigt auch, dass es Evrenol und seiner Crew um mehr als nur cineastischen Terror geht. Außerdem möchte ich nochmal darauf zurückkommen, dass es sich hier um ein Spielfilmdebüt handelt und für ein solches habe ich nur zwei abschließende Worte: Hut ab!

 

 

Zusatzinfos | Herkunftsland: Türkei| Originaltitel: Baskin | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 97 Min. | Verleih: capelight pictures | Kinostart: 01.01.2016 | DVD/BD VÖ: 29.04.2016
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https://www.youtube.com/watch?v=1ydEI0xOcBg
Baskin (2015)
Prädikat: Nicht ganz der erwartete Höllentrip, aber dennoch ein bemerkenswertes Debüt, über das man auch danach noch grübeln darf.
Story80%
Schauspieler80%
Spannung85%
Inszenierung90%
84%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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