Cheap Thrills | CoverEs muss so um die Jahrtausendwende gewesen sein, als ich das erste mal von einer japanischen Gameshow hörte, in der sich die Kandidaten zur Belustigung der Massen zum Affen machten. Takeshi’s Castle hieß das Teil und war so erfolgreich, dass es in zahlreichen weiteren Ländern entweder synchronisiert ausgestrahlt oder gleich adoptiert wurde. Einige Jahre später las ich zwei Bücher von Stephen King aka Richard Bachman, die sich eines ähnlichen Themas annahmen, nur deutlich derber: In Todesmarsch muss eine Gruppe Kinder unter unmenschlichen Bedingungen so lange gehen, bis nur noch einer übrig ist. Wer stehen bleibt, zu lange eine vorgegebene Geschwindigkeit unterschreitet oder schlichtweg nicht mehr kann, wird erschossen. Das Ganze findet unter den Augen der sensationslüsternen Öffentlichkeit statt. Das zweite Buch trägt den Titel Menschenjagd. Hier wird ein armer Schlucker zum wortwörtlichen Abschuss freigegeben. Für jede Stunde, die er überlebt, erhält er Geld, was er dringend für seine schwer kranke Tochter benötigt. Jeder, der ihn sieht, kann ihn anzeigen oder töten und erhält dafür eine Belohnung. Schafft er es 30 Tage durchzuhalten, ist er eine Billion Dollar schwer. Auch dabei handelt es sich um eine extrem erfolgreiche “Gameshow”. Und hier sind wir nun im Jahr 2015, wo sich Sendungen wie Mein bester Feind, das Dschungelcamp, Germany’s Next Topmodel, Crash Games oder (ganz aktuell) Wild Island großer Beliebtheit erfreuen. Einige dieser Shows schaue ich sogar selbst ganz gerne und beömmel mich insbesondere dann regelmäßig, wenn Joko und Klaas mit dabei sind. Ein bisschen stumpfe Unterhaltung muss dann doch irgendwie sein. Nichtsdestotrotz stelle ich mir in den letzten Jahren immer häufiger die Frage, wie weit wir noch von einem “Todesmarsch” oder einer “Menschenjagd” entfernt sind. Künstlerisch kann man sich diesem Thema nun auf unterschiedliche Art und Weise nähern: Stockernst, wie es besagter Autor von Horrorliteratur gemacht hat, oder aber, man hält dem Zuschauer das eigene, zur Karikatur verzerrte Spiegelbild vor die Augen. Regiedebütant E.L. Katz hat sich für den zweiten Weg entschieden und damit direkt einen Volltreffer gelandet…

Cheap Thrills, sein erster abendfüllender Spielfilm, handelt von Craig (Pat Healy, The Innkeepers) und Vince (Ethan Embry, Eagle Eye – außer Kontrolle). Ersterer hat gerade seinen Job verloren und steht kurz davor, mit Kind und Frau aus der Bude geschmissen zu werden. Über Vince erfährt man nur so viel, das er scheinbar noch nie etwas wirklich auf die Kette gebracht hat. Wir haben es hier also mit zwei Typen zu tun, denen jedes Mittel recht ist, um an ein bisschen Asche zu kommen. Da trifft es sich ganz gut, dass sie in einer Bar auf Colin (David Koechner, Paul – Ein Alien auf der Flucht) und seine deutlich jüngere Freundin Violet (Sara Paxton, Last House on the Left) treffen. Die beiden lassen es anlässlich von Vio-

lets’ Geburtstag ziemlich krachen und machen sich einen Spaß daraus, miteinander zu wetten. Kaum stoßen unsere beiden Jungs zu dem Pärchen, werden sie mit in das Spiel eingebunden. Anfangs geht es noch um ganz kleine Beträge und entsprechend unbedeutende Einsätze: Schaut der Typ am Tresen der Kellnerin auf das Hinterteil oder die Brüste? Wer schafft es zuerst, eine Frau dazu  zu bringen, ihm eine Ohrfeige zu verpassen? Solche Sachen eben. Es wird immer feuchtfröhlicher und da Violet und ihr Kerl Geld wie Heu zu scheinen haben, lassen sich Craig und Vince gerne mit treiben. Nach und nach sind es aber nur noch die zwei armen Würstchen, die etwas tun müssen, um an die Kohle zu gelangen. Irgendwann treibt es die Gruppe aus der Bar und in das noble Zuhause des Pärchens. Hier wird aus dem Spaß dann schnell bitterer Ernst…

Wenn ich meinen Hut jetzt auf hätte, ich würde ihn ziehen. Was Nachwuchsregisseur E.L. Katz hier innerhalb von nicht einmal zwei Wochen Drehzeit und mit einem quasi nicht vorhandenen Budget auf die Beine gestellt hat, ist mehr als beachtlich.

Während der knapp 1 1/2 Stunden Laufzeit seines Films habe ich mich geekelt, war entsetzt, wurde nachdenklich und vor allem habe ich mich kaputtgelacht – all dies nicht selten in ziemlich schnellem Wechsel.

Es gibt nicht viele Streifen, in denen brutales Genrekino so gekonnt mit bitterbösem Humor, fantastischen (und im Falle von Cheap Thrills sogar handgemachten) Effekten sowie großartigen Schauspielern zu einem absolut runden Seherlebnis verschmolzen wird. Apropos Schauspieler: Bis auf wenige und sehr kleine Nebenrollen, wird der Film ausschließlich von seinen vier Hauptdarstellern getragen. Besonders klasse fand ich, dass Pat Healy und Sara Paxton nach ihrer überzeugenden Vorstellung in Ti West‘s The Innnkeepers (den Bericht gibt es hier: Klick) erneut gemeinsam auftreten und einen Großteil zu dem besonderen Charme des Films beitragen. Aber auch Ethan Embry und David Koechner (der ja schon von Haus aus den Schalk im Nacken mitbringt) liefern voll ab. Hier passt einfach die Chemie und das Gesamtbild. Kurzum: Cheap Thrills ist ein gekonnt inszeniertes Kammerspiel, das in erster Linie saukomisch ist, aber gleichzeitig genau die richtige Prise Ernsthaftigkeit mitbringt, um das eigentliche Thema nicht ins Lächerliche zu ziehen: Das (leider) allzu menschliche Verlangen nach Sensationen, dem allzu häufig diejenigen zum Opfer fallen, die das untere Glied der gesellschaftlichen Nahrungskette bilden.  

 


Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: Cheap Thrills | Freigabe: FSK 18 | Uncut: Ja | Spieldauer: 88 Min. | Verleih: Koch Media GmbH – DVD | BR/DVD VÖ: 20.03.2014
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https://www.youtube.com/watch?v=gPMKb2ubuDQ
Cheap Thrills (2013)
Prädikat: Unbedingt anschauen - aber nicht verschlucken beim Lachen.
Schauspieler87%
Story87%
Spannung90%
Inszenierung90%
89%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
85%

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