Die Augen des Engels

Mit Die Augen des Engels startet am 21.05.2015 ein Drama in den deutschen Kinos, dem der Fall der 2007 im italienischen Perugia ermordeten Meredith Kercher zugrunde liegt. Im Mittelpunkt steht dabei der Jungregisseur Thomas (Daniel Brühl, Rush – Alles für den Sieg), dessen Karriere viele Tiefschläge erlebt hat. Zu allem Übel hat sich auch noch seine Frau von ihm getrennt und die gemeinsame Tochter mitgenommen. In dem Mordfall, der weltweit durch die Medien geht, glaubt Thomas nun den Stoff für einen neuen Film gefunden zu haben, der zumindest seiner Karriere wieder neuen Auftrieb geben soll. Zu Recherchezwecken begibt er sich nach Italien und trifft dort auf die attraktive Journalistin Simone (Kate Beckinsale, Total Recall), die den Prozess schon eine Weile begleitet und darüber ein Buch geschrieben hat. Je mehr der Regisseur sich jedoch in den Fall vertieft, umso mehr droht er sich selbst darin zu verlieren. Zu viele Meinungen, die verworrenen Indizien und seine persönliche Situation lassen ihn zunehmend aus der Spur geraten. Dann trifft er jedoch auf die junge Studentin Melanie (gespielt von Model Cara Delevingne), deren unbekümmerter Charakter Thomas fasziniert und während ihn die Selbstzweifel zu überrollen drohen, scheint sie sein letzter Weg zurück ins Leben zu sein…

Zugegeben, das klingt jetzt etwas nach dem lauen Aufguss einer Liebesgeschichte, was glücklicherweise nicht zutrifft. Man sollte aber auch keinen Film erwarten, der sich auf den Mord an Meredith Kercher und die darauffolgenden Gerichtsprozesse konzentriert. Regisseur Michael Winterbottom, welcher mit seinen Werken schon zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat (u.a. den Silbernen Bären für seinen Film Road to Guantanamo oder den British Academy Film Award für In This World), richtet mithilfe seiner Hauptfigur den Spiegel auf eine Gruppe von Menschen, die sich über einen außergewöhnlich langen Zeitraum mit einer schrecklichen Gewalttat beschäftigt. Sein besonderes Interesse gilt dabei den Journalisten, die über mehrere Jahre vor Ort sind, um regelmäßig möglichst umsatzstarke Schlagzeilen zu veröffentlichen, egal ob diese nun von der Aufklärung des Falls handeln, oder private Details aus dem Leben der Betroffenen beinhalten. Dann gibt es da noch diejenigen, die auf Basis von gefährlichem Halbwissen glauben, die Wahrheit zu kennen. Diese Rolle vertritt der Blogger Edoardo (Valerio Mastandrea). Und mittendrin steht Thomas, der schon nach kurzer Zeit nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist, zumal auch die Fakten keine klare Sprache sprechen.

Die Augen des Engels machte es mir leider recht schwer zu erfassen, wo die Reise hingehen soll und hat mich stellenweise sogar etwas verwirrt. Das ging schon damit los, dass jene Charaktere, die auf real existierenden Personen basieren, alle andere Namen haben. Die des Mordes Angeklagte Amanda Knox heißt hier beispielsweise Jessica Fuller und das Opfer hat man in Elizabeth Pryce umbenannt. Dagegen spricht ja grundsätzlich nichts, zumal dadurch eine Distanz zu den tatsächlichen Ereignissen geschaffen wird, die es ermöglicht, den Fokus auf andere Aspekte zu legen. Während der Mord und die darauffolgenden

Prozesse nämlich mehr als Basis dienen, um die Ereignisse zu behandeln, die sich im direkten Umfeld abspielen, tut man sich schwer, einen Erzählstrang aufzubauen, der anstelle dessen als roter Faden fungieren kann. Der Jungregisseur als zentrale Figur funktioniert da nur bedingt, zumal man einfach nicht konsequent genug am Ball bleibt, wenn es um seine innere Zerrissenheit geht. Zwischendurch richtet sich das Hauptaugenmerk dann nämlich wieder auf die Journalisten und wie sie mit dem Fall umgehen. Hinzu kommt die Figur des Bloggers Edoardo, die Studentin Melanie und schließlich noch das Buch „Die göttliche Komödie“ von Dante Aligheri, welches als literarische Metapher für Thomas‘ Leidensweg verstanden werden darf. Gerade letzteres ist an und für sich eine großartige Idee, die jedoch in der Fülle an Geschichten etwas untergeht. Ebenso empfand ich es bei den anderen Erzählebenen, die leider nur oberflächlich behandelt werden.

Diese etwas verworrene Struktur hat aber auch etwas für sich, denn paradoxerweise konnte ich mich gerade deshalb besonders gut in Thomas hineinversetzen.

Durch all die verschiedenen Ebenen fühlte ich mich irgendwann etwas verloren und eben dieses Gefühl ist es, durch das die Hauptfigur den Boden unter den Füßen verliert. Stellt sich nur die Frage, inwiefern dies ein beabsichtigtes Mittel war, auf die Gefahr hin, den Zuschauer auf halber Strecke zu verlieren.

Bevor ich nun langsam zum Ende komme, lasst mich noch ein paar Worte über das Setting und die Schauspieler verlieren. Gedreht wurde im italienischen Siena, was dem Film sehr zugute kommt und insbesondere im Zusammenspiel mit dem Element der „göttlichen Komödie“ eine äußerst authentische Atmosphäre schafft. Die Darsteller machen insgesamt einen guten Job, allen voran Daniel Brühl, der bei mir aber seit Die fetten Jahre sind vorbei ohnehin einen Stein im Brett hat, Kate Beckinsale sowie Genevieve Gaunt als Jessica Fuller, die aber leider etwas zu kurz kommt, und Cara Delevingne, wobei letztere aufgrund ihres erfrischenden Schauspiels für mich der heimliche Star des Films ist.

Ob man den Streifen nun gut oder schlecht findet hängt stark davon ab, wie man an ihn herangeht und auch, wenn man sich bei den vielen verschiedenen Sichtweisen zu dieser Tragödie etwas verloren fühlen kann, ist gerade das wieder seine große Stärke. Denn seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon einmal versucht, sich mithilfe der Medien oder im Gespräch mit Freunden eine Meinung zu einem Thema zu bilden und ist dabei fast verzweifelt, weil scheinbar jeder eine andere Sichtweise hat und diese für die einzig richtige hält?

 

Die Augen des Engels (2015)
Prädikat: Komplex und nicht ganz einfach, aber dennoch sehenswert.
Story83%
Schauspieler81%
Inszenierung72%
Atmosphäre79%
79%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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