Von Platzhirschen und Underdogs

Battle Royale Spiele sind seit einigen Monaten in aller Munde. Die populärsten Platzhirsche Playerunknown’s Battlegrounds) der PUBG Corporation und Epic GamesFortnite sind spätestens seit diesem Jahr in der Gaming-Szene jedem ein Begriff und regieren die Twitch- und Verkaufscharts. Zwar versuchten zahlreiche ähnlich gelagerte Spiele wie Realm Royale (Heroic Leap Games), H1Z1 Battle Royale (Daybreak Game Company) oder Islands of Nyne: Battle Royale (Define Human Studios) mit mal mehr, mal weniger eigenen Einflüssen, ihnen den Rang abzulaufen, der Erfolg blieb jedoch meist aus oder war nur von kurzer Dauer. Daneben gibt es noch Spiele, die sich nur grob an dem BR-Genre orientieren, dabei allerdings ganz eigene Ansätze definieren. Leider fristen die meisten von ihnen unberechtigterweise ein Schattendasein. Zu nennen wären da beispielsweise der Piratenableger Maelstrom (Gunpowder Games, LLC) oder eben Darwin Project (Scavengers Studio). Mit letztgenanntem möchte ich mich heute einmal etwas näher beschäftigen, da es mich, mehr noch als Fortnite, immer wieder in seinen Bann zieht und stets auf’s Neue zu begeistern weiß. 

 

Ist das noch Battle Royale?

Bei diesem Titel muss man sich allerdings fragen, ob dieser überhaupt noch zum BR-Genre gehört. Im Kern lässt sich dies mit ja beantworten…und doch ist hier Vieles ganz anders. Die Unterschiede beginnen schon bei der Anzahl der Spieler. Wo sonst wenigstens 100 Teilnehmer versuchen, der letzte Überlebende zu sein, streiten sich hier nur zehn um die Krone des “Last man standing”. Dies ändert sich auch nicht, wenn man in Zweierteams unterwegs ist…dann gilt es, bestenfalls mit einem Freund, gemeinsam die vier anderen Duos auszuschalten. Dabei kämpft man nicht nur gegen die menschlichen Widersacher, sondern auch, und mitunter vor allem, gegen die frostigen Witterungsverhältnisse. Das Spiel findet nämlich ausschließlich auf einer eingeschneiten Karte statt und neben einer Lebensanzeige gibt es noch einen Balken für die Temperatur. Leert sich dieser, beginnt man langsam zu sterben. Um dem zu entgehen, kann man sich ein Lagerfeuer bauen oder Kleidung basteln. Ersteres wärmt auf, letzteres hält einen zumindest länger warm. Um sich aber solche Hilfsmittel bauen zu können, muss man Holz und Leder sammeln. Dafür fällt man Bäume und plündert Sessel, die auf der Map verteilt sind. Aber Vorsicht: Nahezu jede Aktion verrät Gegnern in der Nähe durch eine rot pulsierende Anzeige eure aktuelle Position. Außerdem können die Widersacher “abgeerntete” Bereiche nach Hinweisen untersuchen. Danach wird ihnen die genaue Position desjenigen angezeigt, der sich die Rohstoffe geschnappt hat. Zu guter letzt hinterlassen alle Kämpfer Spuren im Schnee, die für einige Zeit sichtbar bleiben und es Verfolgern leicht machen, sich an die Fersen ihrer vermeintlichen Beute zu heften.

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All das kann man freilich verhindern, indem man Mäntel oder Schuhe craftet, welche das Tracking erschweren. So werden Fußabdrücke oder die eigene Position nur noch kurz angezeigt, was einem durchaus einen enormen Vorteil verschaffen kann. Gleichwohl muss man bedenken, dass natürlich jedem diese Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Selbiges gilt für die Boni bei Pfeilen und der Axt. In Darwin Project hat man nämlich nur zwei Waffen und kann auch keine anderen einsammeln. Beide lassen sich allerdings anpassen, sodass man beispielsweise Feuerpfeile verschießt oder die Axt schärft und so mehr Schaden austeilt. Aber auch hier muss man wieder abwägen, denn wer stärkere Pfeile haben möchte, bekommt dafür zu Beginn keine in seinen Köcher gelegt und wäre bei einer frühen Auseinandersetzung auf den Nahkampf, das Werfen von Schneebällen (was jedoch “nur” Kälteschaden verursacht) oder das Aufsammeln gegnerischer Munition angewiesen. Entscheidet man sich für stinknormale Pfeile, startet man mit fünf Schuss, was etwas den Zeitdruck herausnimmt. Bei der Axt entstehen zu Beginn keine Vor- oder Nachteile, da man Verbesserungen auch erst im Laufe der Runde freischalten kann. Tja, und dann gibt es da noch die Electronics. Hierbei handelt es sich neben Holz und Leder um eine zusätzliche Ressource, die allerdings nur zufallsgeneriert erscheint. Schafft man es, sich ein solches Teil zu schnappen (was deutlich länger dauert, als es bei den anderen Rohstoffen der Fall ist), kann man damit eines von drei Gadgets craften. Zu nennen wäre hier u.a. das automatische Geschütz, das Schutzschild, die kurzzeitige Unsichtbarkeit oder der Powersprung. Bis zu drei dieser  und weiterer Vorteile lassen sich innerhalb einer Session freischalten, wobei man sich zuvor im Hauptmenü dafür entscheiden muss, welche man in sein “Crafting-Rad” aufnimmt. Richtig eingesetzt, können sie im Kampf den entscheidenden Unterschied machen, allerdings sollte man sich nicht zu sehr auf sie verlassen. Gleiches gilt für die Fallen, welche man mit Holz/Leder bauen und für alle anderen nahezu unsichtbar platzieren kann. Sei es ein Stolperdraht, ein Käfig oder eine Bärenfalle: Gerade gegen Ende einer Partie ist es außerordentlich ärgerlich, in eines dieser Hindernisse zu treten, zumal der Gegner zu diesem Zeitpunkt gewiss ganz nah ist. Und damit komme ich zum nächsten Punkt: 

 

Die zufallsgenerierte Karte

Ein weiterer Unterschied zu klassischen Battle Royale Spielen findet sich nämlich in der Karte. Denn obwohl es grundsätzlich nur eine davon gibt, ist diese doch immer anders. Wie das gehen soll? Ganz einfach: Die Map besteht aus sieben Hexagonen, welche alle mit anderen Gegebenheiten aufwarten. In einem gibt es Baumhäuser, die vertikale Kampfhandlungen ermöglichen, in einer anderen befindet sich ein zugefrorener See und in einer dritten eine große Schlucht mit einem Lavafluss, der einen zwar ein wenig wärmt, in den man aber besser nicht hineinfallen sollte. Soweit, so gut. Aber was ist nun das Besondere daran? Die Parzellen der Karte werden  in jeder Partie stets neu angeordnet. Das heißt, dass sich der Lavafluss nicht immer in der Mitte befinden muss, sondern auch oben rechts oder unten links vor sich hinblubbern könnte. 

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Diese “Rotation” wurde mit einem der letzten Patches eingeführt und macht es stets auf’s Neue notwendig, sich zu orientieren. Klasse! Es sind auch diese Bereiche, die es ermöglichen, die Schließung der Zonen taktisch zu nutzen. Bei Battle Royale Games ist es ja üblich, dass sich die Grenzen, innerhalb derer man sich noch aufhalten darf, immer enger werden, um die Spieler irgendwann dazu zu zwingen, sich zu bekämpfen. Normalerweise zieht sich diese “Safe Zone” bis zu einem vorher nicht definierten Punkt zusammen. Bei Darwin Project sind es die oben genannten Parzellen, die nach und nach dicht gemacht werden. Das ist insofern von Vorteil, als das man schon von Anfang an die Grenzen der Zonen sieht, welche es in ähnlich gelagerten Games so nicht gibt. Dementsprechend kann man sich beispielsweise stets am Übergang zwischen zwei Hexagonen aufhalten, um für den Fall, dass eines von ihnen geschlossen wird, schnell in das andere zu laufen. Sobald nur noch ein Bereich übrig ist, wird dieser ebenfalls von außen nach innen verengt, sodass letzten Endes nur noch ein kleiner, sicherer Kreis übrig bleibt. 

 

Die Stimme aus dem Off

Doch das war es noch nicht mit den Aspekten, durch die Darwin Project sich von anderen BR-Spielen abgrenzt. Einer der größten Unterschiede ist der Game Director. Hierbei handelt es sich um einen elften Spieler, der in Form einer Drohne über die Karte fliegt und alles und jeden sehen kann. Ähnlich wie die Kämpfenden hat auch er Gadgets, mit denen er aktiv in das Spielgeschehen eingreifen kann. So ist es möglich, einen Spieler zu heilen oder aufzuwärmen, Bereiche gezielt zu schließen oder eine Bombe darauf abzuwerfen. Wenn letztere gefallen ist, breitet sich die Explosionen von der Mitte der betroffenen Zone bis an die Ränder aus und wer in die Flammen gerät, ist Geschichte. Danach kann das Hexagon allerdings wieder betreten werden! Dies sind aber nur ein paar der zur Verfügung stehenden Optionen. Darüber hinaus darf der Game Director auch direkt Kontakt zu einzelnen Spielern aufnehmen und mit ihnen quatschen…beispielsweise, um ihnen Tipps zu geben, was unfair klingt, in manchen Situationen aber genau das Gegenteil ist.

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Er hat aber genauso gut die Möglichkeit zu allen gleichzeitig zu sprechen oder es ihnen zu ermöglichen, sich untereinander zu unterhalten, egal, wo sie sich gerade befinden. Und wenn einer oder mehrere Rundenteilnehmer über Twitch streamen, lässt sich die Entscheidung über den Einsatz der Gadgets von ihm auch ganz einfach an das Publikum abtreten. Die Zuschauer des Streams sehen dann ein Auswahlfeld, über das sie abstimmen können…vorausgesetzt, der Streamer hat das entsprechende kostenlose Plugin auf seinem Kanal installiert. Schon alleine durch die Position des Game Directors habe ich einige nette Bekanntschaften gemacht, indem ich mit ihm oder ihr ins Gespräch gekommen bin. Oft beginnt das auch schon in der Lobby, während man darauf wartet, dass sich genügend Spieler einfinden. Hier können alle miteinander quatschen, während man Zielen übt oder Schneebälle hin und her schlägt (mein Rekord liegt bei ca. 20 Ballwechseln;). Übrigens trifft man in aller Regel auf eine außerordentlich freundliche Community, bei der es nicht selten ist, dass man nach einem Duell auch nochmal ein verbales “Good Game” von seinem Kontrahenten bekommt. So etwas würde man in einem Fortnite nicht erleben!

 

Gestern, heute, morgen

Der Early Access Status verrät, dass sich Darwin Project noch in der Entwicklung befindet, doch seit der Veröffentlichung ist schon Einiges passiert. Zu Beginn kostete das Game beispielsweise rund 15 Euro. Wenig später wurde das Modell in Free-to-Play umgewandelt, was zunächst einmal ärgerlich für diejenigen war, die ein paar Wochen zuvor Geld dafür ausgegeben hatten (darunter auch ich). Als Entschädigung erhielten die Käufer ein Starterpaket, bestehend aus Skins für Waffen und Kleidung. Ausschließlich diese rein optischen Veränderungen sind es auch, die man bis heute mit Echtgeld erwerben kann. In diesem Aspekt geht man den gleichen Weg wie Fortnite, was ich sehr begrüße, da sich kein spielerischer Vorteil erkaufen lässt. Bei den Skins gibt es regelmäßig Nachschub, der mal mehr, mal weniger zu gefallen weiß – aber das ist vor allem Geschmackssache. Abgesehen davon werden aber auch immer wieder Inhalte nachgeliefert, die das Game erweitern und verbessern. Die Rotation der Bereiche hatte ich diesbezüglich ja schon erwähnt. Zonen kommen ebenfalls neue hinzu, wie kürzlich erst eine mit aufeinandergestapelten Frachtcontainern. Darüber hinaus wird die Auswahl der Gadgets sowohl für die Kämpfer als auch für Game Directors zunehmend erweitert. So kann man mittlerweile einen Gleiter bauen, der es einem ermöglicht, sich schnell aus einem Duell zurückzuziehen. Zudem gibt es noch ganz grundsätzliche Veränderungen, wie die Anpassung der Schlaganimation bei der Axt. Klingt profan, kann im Falle von Darwin Project aber einen großen Unterschied machen. Immerhin will ein anständig platzierter Hieb gut ausgelöst werden, andernfalls kann es passieren, dass der Widersacher einen zuerst trifft oder sogar beide Axtklingen zeitgleich aufeinandertreffen. So oder so: Jeder gelandete Treffer wirft das Gegenüber ein gutes Stück zurück, sodass man schnell den Bogen herausholen und zum finalen Schlag ansetzen kann. Diese Spielmechanik ist außerordentlich befriedigend, wenn man sie denn beherrscht, und es freut mich immer wieder, dass Scavengers Studio weiter an der Perfektion ihres Titels feilen. 

Dazu trägt auch die von Anfang an tolle, ein wenig im Comic-Look gehaltene, Grafik und die in aller Regel stabile Lobbyverbindung bei. Zwar gibt es hier ebenfalls ab und an kleine Anpassungen, aber im Großen und Ganzen können die Entwickler sich auf die inhaltliche Erweiterung konzentrieren, da der Rest eben schon passt. Zu guter letzt kann das Game noch soundtechnisch überzeugen und ergibt so im audiovisuellen Bereich eine Runde Sache. Wenn die Damen und Herren so weitermachen, bleibt nur zu hoffen, dass ihr Titel mehr Zulauf findet, denn zwischendurch scheint es immer wieder mal, als ob ihnen die Spieler davonlaufen, was angesichts der Qualität und der Anstrengungen des Studios sehr bedauerlich ist. Ich hatte bisher aber keine Probleme, eine volle Lobby zu finden. Manchmal sind die Wartezeiten etwas länger, aber das hält sich in Grenzen. 

 

Fazit

Darwin Project ist zweifelsohne ein außergewöhnlicher Vertreter des Battle Royale Genres. Durch die lebensfeindlichen Witterungen geht der Survival-Aspekt weit über das Bekämpfen der Widersacher hinaus und der Posten des Game Directors bringt eine ganz neue Dynamik in das Spiel – auch unter sozialen und kommunikativen Gesichtspunkten. Technisch ist der Early Access Titel ebenfalls schon sehr ausgereift, sodass das Game eigentlich nur etwas zusätzliche Werbung bräuchte, um mehr Leute zu erreichen. Mittlerweile habe ich schon ca. 60 Spielstunden auf der winterlichen Uhr und freue mich stets auf’s Neue darauf, die eine oder andere Runde durch die eisige Wildnis zu ziehen, wobei es nie bei nur einem Match bleibt. Denn wenn es einen einmal gepackt hat, ist es schwer, die Reißleine zu ziehen. 

In folgender Episode aus einer meiner Live-Sessions könnt ihr euch gerne nochmal in Form von bewegten Bildern einen Eindruck von Darwin Project machen: 

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https://www.youtube.com/watch?v=IZTQtuMkxsI&t=187s

Early Access Review: Darwin Project
Grafik80%
Gameplay90%
Early Access Entwicklungsstand85%
Spaßfaktor95%
Free-to-Play Bezahlmodell95%
Pro
  • Außergewöhnliches Gamesplay
  • Der Game Director
  • Eine angenehme Community
Contra
  • Mitunter längere Wartezeiten vor einem Match
89%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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