Da bin ich wieder. Nach dem äußerst beeindruckenden Auftakt der iOS-Version von The Walking Dead, habe ich mir letzte Woche direkt noch die 2. Episode geladen und gestern zuende gebracht. Auch hierzu möchte ich ein paar Worte verlieren und da ich dies gerne auch mit ein paar Erläuterungen zur Story versehen möchte, hier der Hinweis auf die Spoilerwarnungen zu achten. Falls ihr das Game noch nicht kennt, es jedoch spielen möchtet, dann überspringt diese Teile im Artikel am besten. Alright, let’s go…

Straßenkinder

Die erste Episode endete an einem verlassenen Motel und genau hier setzt auch die Fortsetzung ein. Mittlerweile sind 3 Monate vergangen und unsere Gruppe leidet unter Hunger. Dies und die ohnehin schon prekäre Situation nagen an der Psyche und Lee sowie sein Begleiter stehen mächtig unter Druck. Doch Hilfe naht in Form von 2 Brüdern, die mit ihrer Mutter auf einer nahegelegenen Farm leben, wo zumindest der Hunger kein Problem zu sein scheint. Also wird beschlossen umzusiedeln. Ob das so eine gute Idee ist?

„Bekämpft die Toten, fürchtet die Lebenden“

Wer die Serie kennt, dem ist dieser Aspekt der Walking Dead-Reihe bereits bekannt: Irgendwann wird die latente Gefahr der Zombieapokalypse zu einer Art Hintergrundrauschen. Die wirklich gefährlichen Feinde sind schon bald die Überlebenden, von denen viele nichts Gutes im Schilde führen. Das Spiel greift diesen Aspekt auf und macht ihn in der 2. Episode zum zentralen Thema.

[spoiler]So wird der skeptische Gamer bereits hellhörig, als die beiden Brüder Lee auf dem Weg zur Farm über die Größe der Gruppe und ihren Anführer ausfragen. Zwar wird dann sehr effektiv gegen die aufgekommene Skepsis gearbeitet, sodass ich schon geneigt war, unseren vermeintlichen Rettern zu vertrauen. Just in diesem Moment stellt sich jedoch heraus, dass es sich bei der Familie um Kannibalen handelt, die uns nicht aus Nächstenliebe auf ihre Farm geholt haben.[/spoiler]

Es ist letztlich auch dieser Bestandteil des Games, der den ungemeinen Reiz und die teils schon fast unerträgliche Intensität ausmacht. Man trifft Entscheidungen und weiß genau, dass man mit den Konsequenzen für den Rest des Spiels leben muss. Die Situationen, in denen es gilt über Leben und Tod eines Charakters zu entscheiden, sind dabei noch nicht einmal die eindrucksvollsten. In den ganz großen Momenten der 2. Episode wird einem oft unmittelbar nach der gewählten Reaktion deren Kausalität mit erschreckender Wucht vor Augen geführt.

[spoiler]Besonders emotional empfand ich eine Szene, in der man einen der Kannibalen überwältigt und über dessen Schicksal entscheiden soll. Ich traf die Wahl, die ich mir in ähnlich gelagerten Filmsituationen so oft wünsche: Was erledigt ist, ist erledigt. Also habe ich ihm eine Mistgabel in die Brust gejagt. Direkt die nächste Szene zeigte Clementine, die den Raum betreten hatte ohne, dass ich darauf aufmerksam geworden war. Erschrocken sah sie mich an und wich zurück. Die in meinen Augen eigentlich sicherste Entscheidung hatte zur Folge, dass das Mädchen, für das ich verantwortlich bin, Angst vor mir bekam.[/spoiler]

Solche Situationen erschaffen einen Sog, der einen auch noch darüber nachdenken lässt, wenn man das Spiel schon verlassen hat.

Auf der Suche...

Auf der Suche nach einem sicheren Platz…

Gewalt(ige) Szenen

Auch die 2. Episode ist in Sachen grafischer Gewalt nichts für Leute, die kein Blut sehen können. Zombies werden in der Mitte auseinandergerissen, Köpfe zertrümmert und Beine in bester Metzgermanier entfernt. Während die Grafik diesen Aspekt etwas entschärft, bewirkt die aufgrund der Story entstehende Drastik, dass es eben nicht einfach nur gut inszenierte Splatterszenen sind. Es berührt insbesondere dann, wenn es jene besonders hart trifft, die man liebgewonnen hat oder die zumindest für den Zusammenhalt der Gruppe wichtig sind. So sieht Gewalt aus, die nicht zum Selbstzweck verkommt!

Soll ich oder soll ich nicht?

Zum Ende der 2. Episode hatte mich das Game dann auch so weit, dass ich vollkommen verunsichert war. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll war durch die vorangegangenen Situationen herangewachsen und hatte mich bei der letzten Entscheidung relativ hilflos dastehen lassen.

[spoiler]Nachdem die Gruppe die Farm verlassen hat, findet man im angrenzenden Wald ein verlassenes, aber noch beleuchtetes Fahrzeug voller Vorräte. Die Gruppe ist dafür, sich die Lebensmittel, Spielzeuge und Kleidungsstücke ungeachtet dessen, dass der Besitzer ganz in der Nähe sein könnte, zu nehmen. Was tun? Nachdem Clementine bereits mit ansehen musste, wie Lee einen Mann ermordert hat, wollte ich ihr als nächstes nicht gleich mit auf den Weg geben, dass es ok ist sich Sachen zu nehmen, die einem nicht gehören. Also nein, wir möchten nichts von den Vorräten. Danach standen das Mädchen und Lee da und haben zugeschaut, wie die anderen sich über den lebenswichtigen Proviant gefreut haben…auch nicht gerade schön.[/spoiler]

Auf dem Nachhauseweg habe ich die im Spiel erlebten Situationen noch einmal Revue passieren lassen. Die Frage, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe, kam dabei nicht einmal auf. Vielmehr ging mir durch den Kopf, wie ich die Lage, wie sie nun ist und wie ich sie ja auch mit herbeigeführt habe, in den Griff bekomme ohne, dass meine Begleiter sich gegenseitig an den Hals gehen. Und wie kann ich Clementine’s Vertrauen wiedergewinnen?

The Walking Dead wird immer mehr zu einer intensiven Spielerfahrung, wie ich sie bislang so noch nicht gemacht habe. Sicher, es bleibt ein Spiel. Dieses zeigt aber sehr beeindruckend, was mit dem Medium geschafft werden kann und wann ist man von einem Spiel schon einmal so sehr dazu gedrängt worden, sich über die eigenen Handlungen ernsthaft Gedanken zu machen? Genau an diesem Punkt beginnt die Grenze zwischen Gaming und Realität ganz leicht zu verschwimmen…im positivsten Sinne!

Prädikat: Beeindruckend!

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