Morgen ist leider auch noch ein Tag | Cover ©rororoDepression ist ein Arschloch…ich weiß das aus leidvoller Erfahrung, bei der ich mich schon seit einigen Jahren in der “ersten Reihe” befinde. Und als würde es nicht schon genügen, den Mist am Bein bzw. in der Birne zu haben, muss man sich dabei nicht nur mit den Symptomen, sondern auch mit zahlreichen Missverständnissen in Bezug auf diese Problematik herumschlagen. Das liegt allerdings in der Natur der Sache: Während man beispielsweise eine körperliche Erkrankung relativ einfach beschreiben kann oder dies gar nicht erst muss, weil es eben offensichtlich ist, lässt sich meist schwer erklären, was es eigentlich ist, diese Depression. Kürzlich habe ich erst die Erfahrung gemacht, wie schnell man sich bei der Beantwortung jener Frage auf einer sehr abstrakten und daher (für das Gegenüber, sollte der- oder diejenige nicht schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben) schwer greifbaren Ebene wiederfindet. Aber glücklicherweise sind wir heute zumindest schon mal so weit, dass in unserer Gesellschaft ein gewisses Grundverständnis für das Thema vorhanden ist, welches sich irgendwo zwischen “das sind doch alles Übertreiber!” und “das wünscht man keinem” einordnen lässt. Diesen Wandel haben wir, neben der zunehmenden Anzahl an Betroffenen, zahlreiche Stimmen zu verdanken, die sich für eine Enttabuisierung der Krankheit aussprechen. So zum Beispiel in Form von Unterhaltungsliteratur. Zu nennen wären hier Sarah Kuttner‘s Roman Mängelexemplar aus dem Jahre 2009, oder das 2015 erschienene und auf eigenen Erfahrungen basierende Buch Morgen ist leider auch noch ein Tag von Tobi Katze. Ich muss zugeben, dass ich von letzterem bis vergangene Woche noch nichts gehört hatte. Dies änderte sich jedoch, als meine Freundin auf eine Lesung des Schriftstellers in unserem Heimatort aufmerksam wurde und meinte, dass sie sich diese gerne einmal anschauen würde. Gesagt, getan, und so fanden wir uns letzten Donnerstag im nahe gelegenen Landratsamt ein und wussten nicht so recht, was uns da erwartet. Doch bereits nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich dieser Veranstaltung einen Artikel widmen werde. Nicht nur, um meiner Begeisterung ob dieses unterhaltsamen und nachdenklich machenden Auftritts Ausdruck zu verleihen, sondern auch, weil ich gerne meinen Teil dazu beitragen möchte, dass über dieses Thema endlich nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Hier sind sie also, meine Eindrücke eines wirklich besonderen abends…

Der Georg-Büchner-Saal ist voll…so voll, dass wir gerade noch die letzten beiden Karten abgreifen konnten. Man muss auch mal Glück haben! Und jetzt sitzen wir auf unseren Stühlen und warten darauf, dass der Autor, wegen dem wir heute hier sind, die Bühne betritt. Bevor dies geschieht, richten die Veranstalter dieses Events noch ein paar Worte an das Publikum. Sowohl der Landrat Thomas Will, als auch Vertreter der Stadtbücherei Groß Gerau und des Bündnisses gegen Depression sind äußerst erfreut darüber, dass sich so viele Teilnehmer eingefunden haben. Das hätte es schon eine Weile nicht mehr gegeben. Na, wenn das mal nicht für das Interesse an dem Thema spricht. Darüber hinaus kann die hohe Besucherzahl auch darin begründet sein, dass es sich Tobi Katze mit seinem Buch zur Aufgabe gemacht hat, nicht nur Aufklärungsarbeit zu leisten, sondern die Leser auch zum Lachen zu bringen. Fragt sich nur: Kann beides Hand in Hand gehen? Diese Frage ist ziemlich schnell geklärt, denn kaum, dass der sympathische Zottelkopf ein Mikrofon in die Hand genommen und ein weiteres

(scheinbar überflüssiges) an den Rand der Bühne gelegt hat (“da kann ich dann ja nachher drüber stolpern”), gehört ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die zu Beginn eingebaute Stand-Up Comedy Nummer zeigt bereits, wie bravourös der Schriftsteller es versteht, die Zuschauer mit (teils tiefschwarzer) Selbstironie zum Lachen zu bringen. Das gelingt ihm so gut, dass ich mir einen Moment lang wünsche, er würde das ganze Programm auf diese Weise füllen. Als er dann jedoch zur Lesung, dem eigentlichen Kern der Veranstaltung, übergeht, ist dieser Gedanke in sekundenschnelle wieder passé, denn so locker flockig, wie der Einstieg, so erfrischend lebhaft trägt er die Worte aus seinem Spiegel-Bestseller vor. Man merkt ihm einfach an, dass er hier einen wichtigen, wenn vielleicht auch nicht den schönsten, Teil seines Lebens zum Besten gibt. Und hier liegt wohl auch der Grund, weshalb ihm ein grandioser Kniff ein ums andere Mal hervorragend gelingt: Der Autor beginnt ein Kapitel vorzulesen und haut dem Publikum in nahezu jedem Satz eine weitere, urkomisch verpackte Anekdote um die Ohren. So weit, so gut. Einige Minuten später merke ich, dass es ziemlich ruhig im Saal geworden ist und ich auch nicht mehr in freudiger Erwartung auf den nächsten Lacher mein Grinsen nachlade. Dann fällt mir auf, dass die Geschichte, welche Tobi Katze da vorne vorträgt, quasi übergangslos eine neue, ernstere Wendung genommen hat. Man merkt es auch an seiner Stimme. Statt von einem schelmischen Unterton, wird diese nun von Melancholie bis hin zum seelischen Schmerz dominiert.

Dies sind die Momente, in denen mir seine Ausführungen ganz besonders nahe gehen, mich sogar bis in die Pause und, etwas später, in den Abend begleiten.

Denn da sind sie plötzlich wieder, die eigenen, depressiven Erfahrungen, welche ich während meiner mittlerweile 34 Jahre anhaltenden Reise auf diesem Erdball machen “durfte” und noch immer mache. Es fühlt sich beinahe so an, als hätte Katze sowohl mit seinem Charme als auch mit seinem Witz eine Tür in mir geöffnet und in den Raum dahinter Worte geflüstert, die direkt ins Herz gehen. Nicht auf eine unangenehme Weise, nein…vielmehr auf eine Art, die mich wie in einen Spiegel blicken lässt, um dort jemanden zu sehen, der zwar diesen “Sack voller Steine” mit sich herum trägt, daran aber auch immer, Stück für Stück, gewachsen ist. So war es letzten Endes nicht nur ein sehr lustiger Abend, sondern auch ein Event, dessen Bedeutung für mich über reine Unterhaltung hinaus geht. Was will man mehr?

Übrigens: Den vielleicht wichtigsten Satz hob sich der Schriftsteller bis ganz zum Schluss auf und wurde danach, zu Recht, mit tosendem Beifall verabschiedet. Es war eine kurze Aussage, auf welche er mit einer kleinen Geschichte hinarbeitete, um sie schließlich, wie mit einem lauten Knall, in den Saal zu rufen. Ich möchte aber eben diese Worte nicht vorwegnehmen, da sie ohne die vorangegangenen zwei Stunden und ohne, dass man selbst dabei gewesen ist, kaum die nötige “Wucht” entfalten. Solltest du also nach diesem Artikel Interesse an seinem Programm haben, möchte ich dir wärmsten empfehlen, einmal den Terminplan von Tobi Katze (hier geht es zur Webseite) im Blick zu behalten oder dir das Buch zuzulegen (bspw. über Amazon).

Zusatzinfos | Tobi Katze: Webseite | Das Buch kaufen: Amazon | Bündnis gegen Depression: Webseite | Stadtbücherei Groß Gerau: Webseite

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