Jerks | Dolorian

 

Wir schreiben das Jahr 1993, eine Zeit der kabelgebundenen Telefone, der Videokassetten und der Röhrenmonitore. Damals gab es noch kein Internet (zumindest nicht für das gemeine Volk), kein Video on Demand, kein Skype, kein Facetime und keine Handys. Wollte man also einen Kumpel treffen, blieb einem nichts anderes übrig, als raus vor die Tür zu gehen. Diesem (heute fast schon befremdlichen) Verhalten frönen die beiden Freunde Dave (Alex Lotz) und Roger (Jonathan Schäble), denn sie wollen einfach mal wieder miteinander abhängen. Und was macht man so, wenn man es gewohnt ist, in den Tag hineinzuleben? Man diskutiert darüber, ob Sega oder Nintendo die besseren Konsolen hat, wie man am besten seine Videosammlung sortiert und, ob Zeitreisen wie in Zurück in die Zukunft überhaupt möglich sind. Also im Grunde so nerdig, wie das seinerzeit möglich war, wenn man nicht gerade an einem Schachcomputer arbeiten wollte. Ach ja, zwischendurch treffen sie noch auf Funky Junkie (Alex Schäble), einen ziemlich schrägen Typen von einem anderen Planeten (oder so ähnlich). Während die Stunden vergehen, zeigt sich aber, dass Dave und Roger sich auseinandergelebt zu haben scheinen. Das wird spätestens dann klar, als Roger seinem Kumpel eröffnet, dass er etwas an seinem Leben ändern möchte. Dave ist darüber ganz und gar nicht begeistert. Es ist doch alles gut, so wie es ist. Warum sollte sich etwas ändern? Doch sein Freund hat eine Entscheidung getroffen, die die Freundschaft auf eine harte Probe stellt…

Wenn man sich die bisherigen Werke von Alex Lotz (Creepy Campfire Stories) anschaut, fällt auf, dass es der Drehbuchautor, Musiker und Regisseur (neben vielem Weiteren) gerne absurd und blutig mag. In seinem neuesten Film Jerks geht er es jedoch deutlich bodenständiger an. Das zeigt sich schon daran, dass der Streifen komplett in schwarz-weiß gedreht wurde und bis auf zwei Ausnahmen 

keinerlei Special Effects aufweist. Aber der scheinbare Minimalismus trügt, denn anstatt des Augenscheinlichen konzentriert sich Lotz dieses mal deutlich mehr auf die Details. Nicht nur bei den Dialogen, sondern auch bei den Schauplätzen und den Requisiten hat er penibel darauf geachtet, dass ein authentischer Eindruck vom Jahr 1993 entsteht. Das Zusammenspiel dieser Komponenten und ihre Inszenierung hatten aber noch einen weiteren Effekt auf mich: Ich fühlte mich plötzlich in die Zeit zurückversetzt, als ich neben der Schule nicht mehr zu tun hatte, als mich mit Leuten zu treffen und über irgendeinen Quatsch zu reden, eine VHS Kassette einzulegen oder einfach spazieren zu gehen. Keine Rede von Hausbau, von Versicherungen, Heiraten, Kinder kriegen und all diesem “Erwachsenenzeug”. Doch wie in Lotz’ Film kommt irgendwann ein Punkt, wo die Dinge in Bewegung und Freundschaften in Gefahr geraten, weil man eben anfängt, eigene Wege zu gehen. In gerade einmal 25 Minuten schafft Jerks es, genau dieses Gefühl der Veränderung, das sicher auch viele von euch kennen werden, zu vermitteln. Und dies ist für eine No Budget Produktion, an der nicht einmal eine Hand voll Leute gearbeitet hat, ein erstaunlich gutes Ergebnis. Veredelt wird dies schließlich noch mit der passenden Musik und einem melancholischen aber leider auch sehr realistischen Ende. 

Es gibt tatsächlich nur wenig, was ich an dem Film kritisieren kann. Lediglich in Sachen Schauspiel kann noch gefeilt werden, sodass beispielsweise die Dialoge noch flüssiger und die Emotionen authentischer rüberkommen. Ansonsten ist Jerks ein lustiger und zugleich nachdenklich stimmender Streifen geworden, den ich euch gerne ans Herz legen möchte. Aktuell könnt ihr ihn euch sogar kostenlos auf der Webseite von Alex Lotz ansehen. Folgt dazu einfach dem Link, den ich unter Zusatzinfos platziert habe. 

 
Zusatzinfos | Herkunftsland: Deutschland | Originaltitel: Jerks | Freigabe: – | Uncut: Ja | Spieldauer: 25 Min. | VÖ: 19.12.2015 | Webadresse: https://sandermania.de/jerks-2015/

 

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https://www.youtube.com/watch?v=sGADXVFfaKw
Jerks (2015)
Prädikat: Empfehlenswert!
Story80%
Schauspieler70%
Inszenierung85%
Musik85%
80%Wertung
Leserwertung: (2 Votes)
97%

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