Kidnapped CoverVor einigen Jahren bin ich im Zuge eines Fantasy Filmfest Marathons mit einem Kumpel und einer recht naiven Erwartungshaltung in den Film Kidnapped von Miguel Ángel Vivas gegangen – und ich wusste bei weitem nicht, worauf ich mich da einlasse. Knappe 90 Minuten später sind wir beide dann ziemlich paralysiert aus dem Kinosaal geschlichen und mussten uns erst einmal wieder fangen. Fuck, was war das für ein Brett! Seit SAW (dem ersten Teil versteht sich) hatte mich kein Thriller mehr so umgebügelt! Obwohl ich nicht wusste, ob ich mir das Teil je wieder ansehen möchte, musste er natürlich in meinem Regal landen (der ganz normale Sammlerwahnsinn halt). Gestern war es dann mal wieder soweit und ich ging mit Kidnapped in Runde zwei. Zwar hat er mir dieses mal nicht mehr komplett den Boden unter den Füßen weggezogen, aber geflasht war ich nach wie vor. Warum? Das erfahrt ihr in den nächsten Zeilen;)

Die Story ist schnell erzählt: Ein Ehepaar zieht mit der Tochter in ein neues Haus. Der Zuschauer begleitet jeden  wird Zeuge des ganz normalen Umzugs- und Alltagswahnsinns: Die achtzehnjährige Isa (grandios gespielt von Manuela Vellés) möchte unbedingt auf eine Party, die Mutter (Ana Wagener) möchte es verbieten, also wird geflucht, getobt und schließlich der liebe Papa (Fernando Cayo) gefragt. Man kennt das ja aus eigener Kindheit. Wenige Stunden später bricht jedoch nicht nur der Abend herein, sondern auch drei vermummte Gestalten, die sich rigoros Zutritt in das traute Heim verschaffen. Schnell wird klar, dass sie eigentlich nur die Wertgegenstände der Familie haben möchten, aber dies ist nur der Anfang einer langen, blutigen und traumatisierenden Nacht…

Kidnapped ist in vielerlei Hinsicht ein absoluter Ausnahmestreifen. Bereits zu Beginn fällt dem aufmerksamen Zuschauer auf, dass die Szenen alle bedeutend länger sind, als man das gewohnt ist. Bei der zweiten Sichtung habe ich einmal bewusst darauf geachtet und tatsächlich dauert nahezu jede Szene fünf Minuten oder länger, bis ein Schnitt folgt. Das intensiviert das Seherlebnis insofern, als das sich die Geschehnisse größtenteils in Echtzeit abspielen und man noch mehr in die Handlung hineingezogen wird. Der Film wirkt alleine deshalb schon sehr viel realistischer als die meisten genreverwandten Werke. Aber Miguel Ángel Vivas und sein Kameramann Pedro J. Márquez gehen noch einen Schritt weiter und bauen im späteren Verlauf ein paar zusätzliche visuelle Kniffe ein.

Um die Überraschung noch aufrecht zu erhalten, werde ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen, aber ihr dürft euch auf ein paar innovative Ideen einstellen;)

Positiv fällt außerdem auf, dass der Film fast komplett ohne Musik auskommt. Dieser Verzicht auf die sonst nicht wegzudenkende akustische Untermalung verstärkt die audiovisuelle Wucht immens, denn umso schwerer ist es, sich der physischen und seelischen Gewalt zu entziehen, die da über die Mattscheibe flimmert. Fast schon unerträglich wird dies beispielsweise, wenn die Tochter, welche zu besagtem Zeitpunkt schon vollkommen verstört ist, sich in eine Ecke verkriecht und minutenlang vor sich hin wimmert, während im Hintergrund einer der Einbrecher immer und immer wieder gegen die verschlossene Tür hämmert.

Ich bleibe mal beim Thema Gewalt. Wer sich ob der SPIO/JK-Freigabe (keine schwere Jugendgefährdung) ein Splatterfest erhofft, der wird enttäuscht – und dennoch ist diese Einstufung berechtigt, denn der gesamte Cast schafft es mit Bravour, den Einbruch und die dadurch ausgelösten Ereignisse in voller Konsequenz und Härte zu inszenieren. Dabei ist es gar nicht nötig, ständig voll drauf zu halten, zumal alleine die Vorstellung dessen, was sich in manchen Szenen Off Screen abspielt, ausreicht, um dem Zuschauer äußerstes Unbehagen zu bereiten. Wer nun jedoch glaubt, der Film wäre nicht brutal, der wird spätestens in der zweiten Filmhälfte eines Besseren belehrt. Allerdings ist dies eine Art der Gewaltdarstellung, die wirklich weh tut und keineswegs der Unterhaltung dient. Wenn man zum Ende hin schließlich meint, das Schlimmste sei überstanden, packt der Streifen nochmal die ganz dicke Keule aus. Das ist nur konsequent und erinnert in seiner Dramatik fast schon an Martyrs. Wo letzterer jedoch in Sachen Realismus über die Stränge schlägt und “nur” krank ist, bleibt Kidnapped auf dem Boden und ist dabei auf seine Art mindestens genauso unangenehm.

Miguel Ángel Vivas ist hier ein Monster von einem Film gelungen, der vielleicht auch so manch hartgesottenem Genrefan noch ein mulmiges Gefühl bereiten kann. Alleine deswegen hat er schon ein top Prädikat verdient!



Zusatzinfos | Freigabe: FSK SPIO/JK | Uncut: Ja (eine FSK-Fassung gibt es nicht) | Spieldauer: 85 Min. | BR/DVD VÖ: 03.06.2011

 

Kidnapped (2010)
Prädikat: Ein unangenehmes Meisterwerk.
Story82%
Schauspieler90%
Spannung92%
Inszenierung94%
90%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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