Preacher Staffel 1 | Cover ©Sony Pictures Home EntertainmentIn den letzten Jahren hat sich neben Remakes, Reboots, Sequals und Prequals vor allem ein Format als äußerst erfolgreich erwiesen: Comicverfilmungen. Sei es der schwarze Ritter, der Eisenmann, ein Kerl von der Größe einer Ameise oder der schnellste Jungspund der Welt – Superhelden stehen ganz hoch im Kurs und das sowohl im Kino- als auch im Serienformat. Das es dabei nicht immer aalglatt, freundlich und für Gerechtigkeit kämpfend zugehen muss, aber trotzdem funktionieren kann, zeigte schon 1997 Mark A.Z. Dippé mit seinem Streifen Spawn. In jüngster Zeit waren es vor allem Ryan Reynolds und Regisseur Tim Miller, die mit Deadpool gehörig Arschtritte verteilten und damit nicht nur so manch historischen Kassenerfolg verbuchen konnten, sondern auch das Interesse für Superheldenfilme jenseits der FSK 12 weckten. Spätestens jetzt dürfte also klar sein, dass das Publikum auch in diesem Subgenre mal Blut sehen und die Figuren nicht jugendfrei fluchen hören möchte. Kürzlich erschien nun mit Preacher die Serienadaption des von Garth Ennis und Steve Dillon kreierten Comics, welche ebenfalls in diese Kerbe schlägt. Produziert und ins Leben gerufen wurde sie unter anderem von Seth Rogen, der ja schon mit Das ist das Ende oder aktuell Sausage Party seinen Sinn für äußerst kreative Ideen und abgefahrenen Erwachsenenhumor bewiesen hat. Eine Serie folgt jedoch anderen und in mancherlei Hinsicht sogar härteren Regeln, als ein abendfüllender Streifen. Was das angeht, hat Preacher auch mit einem Problem zu kämpfen, das mich immer wieder an die durchwachsene zweite Staffel von Fear the Walking Dead erinnerte. Doch es gibt auch ein paar signifikante Unterschiede, die dem Prediger nochmal den Arsch retten…aber der Reihe nach…

Jesse Custer (Dominic CooperWarcraft: The Beginning) ist Priester in einem staubtrockenen Wüstenkaff mitten im US-amerikanischen Nirgendwo. Bis auf seinen Titel hat er allerdings nicht viel mit einem Mann Gottes gemein: Er säuft, qualmt wie ein Schlot und in seiner noch nicht allzu fernen Vergangenheit hat er sich auch nicht eben mit christlichem Rum bekleckert. Nun aber soll alles anders werden und er tritt in die Fußstapfen seines Vaters, um die Dorfgemeinschaft wieder zum rechten Glauben zurückzuführen. Dieses Vorhaben gestaltet sich jedoch ganz und gar nicht einfach. Nicht nur, dass die meisten seiner Schäfchen das Interesse an Jesus und der Kirche verloren haben, auch seine alten Freunde wollen sich nicht so recht mit seinem Lebenswandel anfreunden. Eines Tages rappelt es dann aber richtig im Karton: Ein so übermächtiges wie unsichtbares Wesen fährt in den Körper von Jesse und macht es sich dort schön gemütlich. Fortan hat das von ihm gesprochene Wort eine…ich sage mal, ganz neue Gewichtung. Allerdings funktioniert besagte Kraft in zwei Richtungen, also zum Guten und zum Bösen, was den Prediger mit seiner wechselhaften Gemütslage vor einige Probleme stellt. Zusätzlich bekommt er es bald mit zwei zwielichtigen Agenten (Tom BrookeAnatol Yusef) zu tun, die ein besonderes Interesse an seinem inneren Begleiter haben. Dann wäre da noch Cassidy (gespielt vom großartigen Joseph Gilgun, den man u.a. aus Lockout kennt), ein zu gleichen Teilen durchgeknallter und liebenswürdiger Vampir, der neben der Hauptschlagader auch gerne mal zur Flasche oder ‘nem Joint greift. Und zu guter Letzt haben wir Jesse’s extrovertierte Freundin Tulip (Ruth NeggaWorld War Z), deren zartes Äußeres keineswegs darüber hinwegtäuschen sollte, dass sie nicht davor zurückschreckt, auch dem stärksten Kerl gehörig in die Eier zu treten. Wer soll denn da bitte noch in Ruhe predigen?

All das klingt ziemlich abgefahren und nach einer Comicverfilmung der etwas anderen Art. Doch der Heiligenschein des Priesters wird von ein paar Wolken ge-

trübt, denn irgendwie schaffen es die Autoren und die Regie noch nicht so recht, einen roten Faden auf die Kette zu bekommen. Und gerade das ist doch bei einer Serie so wichtig, weil der Zuschauer über einen deutlich längeren Zeitraum bei Laune zu gehalten werden möchte, als es bei einem Spielfilm der Fall ist. Dabei sollte jede Folge für sich, als auch das Gesamtformat unterhaltsam sowie spannend gestalten werden. Während Preacher mit Ersterem kein Problem hat, hapert es leider bei der Spannung und der Charakterentwicklung. Beide Aspekte entfalten sich nur zögerlich und wenn man das Gefühl hat, dass es jetzt so richtig rund geht, verläuft sich die gerade erst eröffnete Thematik wieder im Sand. So entstand bei mir stellenweise gar der Eindruck, dass man besser damit gefahren wäre, die Geschehnisse etwas zu konzentrieren, indem man sie beispielsweise in 8 anstatt 10 Folgen verpackt. Abgesehen davon macht die Pilotstaffel jedoch alles richtig.

So sind zum Beispiel die Charaktere, wenngleich sie sich auch kaum entwickeln, “von Haus aus” so cool, witzig und abgedreht geschrieben, dass es ein Fest ist, ihrem mitunter bizarren Treiben beizuwohnen.

Im Vordergrund stehen dabei natürlich die Hauptfiguren Jesse, Cassidy und Tulip, doch auch die Nebenrollen werden immer wieder mal in den Fokus gerückt und stemmen diese Aufgabe mit Bravour. Zu nennen wäre hier Eugene “Arschgesicht” Root, welcher von Ian Colletti verkörpert wird. Ein Tipp meinerseits: Schaut euch von dieser Figur möglichst keine Bilder an, bevor ihr die Serie anfangt, denn andernfalls würdet ihr euch einen großartigen Moment der Marke “heilige Scheiße!” vorwegnehmen. Die Maske hat hier unfassbar gute Arbeit geleistet! Es spricht außerdem für Ian Colletti, dass man für Eugene trotz seines Äußeren noch Mitleid empfindet (anstatt sich nur zu ekeln und gleichzeitig kaputt zu lachen). Dann wären da noch die beiden Agenten, welche für einige der witzigsten Situationen der ganzen Staffel sorgen, sowie der verrückte Widerling Odin Quincannon. Letzterer wird von Jackie Earle Haley (Freddy Krüger aus dem Nightmare on Elm Street Reboot) dargestellt, welcher es durch seine Performance tatsächlich geschafft hat, das ich mich vor ihm mehr geekelt habe, als vom Erscheinungsbild Eugenes’. So eine Schmierwurst…der hat bestimmt Mundgeruch. Aber genug davon – die Aufzählung könnte jedenfalls bis in die kleinste Nebenrolle weitergehen und es würde nichts daran ändern, dass hier ganze Arbeit geleistet wird. Sehr gut! 

Gleiches gilt in Bezug auf die lustigen und herrlich “dreckigen” Dialoge sowie die zahlreichen Ideen für bizarre Situationen. Die Wortwechsel passen ganz famos zu den Figuren und entwickeln eine klasse Dynamik. Tja, und manches Mal braucht es überhaupt keine verbale Kommunikation um vollkommen abgedrehte Momente zu erschaffen. So zum Beispiel während des Kampfes mit einem Engel. Mehr Info gibt’s aus Spoilergründen nicht, aber wenn ihr es seht, werdet ihr wissen, was ich meine;) Weitere Pluspunkte gibt es für das Setting, den Mut zur thematisch passenden Brutalität, die großartigen Running Gags sowie das biblisch anmutende Finale. Dieses ist es letztlich auch, welches darauf hoffen lässt, dass in der bereits bestätigten zweiten Staffel noch etwas Drive und Spannung aufkommt. Doch auch in der jetzigen Form gebe ich dem Teil meinen Segen – also gehet auf Amazon Instant Video und schauet euch diese Serie an. Amen.

 

Himmlische Bildeindrücke

Nur einer von vielen Running Gags: Schräge Botschaften auf dem Schild vor der Kirche.

@Sony Pictures Home Entertainment

"Schatz, ich bin zuhause und habe HUNGER!" (Graham McTavish)

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Ein echt heißer Typ (Joseph Gilgun)...

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...und eine sehr coole Lady (Ruth Negga)!

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Das Setting weiß zu beeindrucken!

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Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: Preacher | Regie: Sam Catlin, Garth Ennis, Evan Goldberg | Drehbuch: Seth Rogen | Darsteller: Dominic Cooper, Tom Brooke, W. Earl Brown, Ian Colletti, Ruth Negga, Joseph Gilgun | Produktion: Evan Goldberg, Seth Rogen | Freigabe: FSK 16 | Uncut: Ja | Spieldauer: 468 Min. | Verleih: Sony Pictures Home Entertainment | DVD/BD VÖ: 06.10.2016 | Streaminglink: Amazon
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https://www.youtube.com/watch?v=3x7SIPjOdLY
Preacher - Staffel 1 (2016)
Prädikat: Etwas spannungsarme, dafür aber urkomische und abgedrehte Pilotstaffel - bitte mehr davon!
Story80%
Schauspieler90%
Spannung65%
Inszenierung90%
81%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
70%

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