Theater ist so eine Sache. Ich suche die Schauspielhäuser einfach viel zu selten auf, wenn ich bedenke, was man hier für außergewöhnliche, schöne und ergreifende Momente erleben kann. Für viele sicherlich zu einer Randerscheinung der zeitgenössischen Kultur verkommen, ist Theater im Vergleich zu Film und Fernsehen eine fast schon schmerzhaft direkte Art der Unterhaltung (ja, Theater kann unterhalten, ist nicht nur trockenes, schweres Kulturgut!). Dort auf der Bühne sind die Schauspieler und sie betreiben ihre Kunst direkt und live vor den Augen des Zuschauers, ohne die „schützende“ Mattscheibe dazwischen.

Heute Abend war es nach vielen Jahren mal wieder soweit und ich habe mir mit einigen Freunden Shakespeares´ „Romeo & Julia“ in einer modernen Variante angesehen. Inszeniert wurde das Stück von Thorleifur Örn Arnarsson im Staatstheater Mainz. Das Ganze begann zunächst sehr wirr und verstörend mit disharmonischer Musik in die immer wieder Gesang, Geschrei und Schüsse eingemischt wurden, die sich jedoch großartig in die nicht vorhandene Melodie einreihten während sämtliche Darsteller wild und scheinbar unkoordiniert über die Bühne fielen, schlichen und torkelten. Währenddessen drehte sich im Hintergrund das einzige Bühnenbild, eine Art Baugerüst, behangen mit weißen Tüchern. Die Szenerie sollte den Krieg zweier Großfamilien darstellen, der stets wie ein Damoklesschwert unheilschwanger über dem Stück schwebt. Ein toller und fesselnder Einstieg nachdem ich mich nur fragte: Was kommt jetzt?!

Relativ überraschend ging es dann bis zur Pause sehr locker und lustig zu. Die beiden Hauptprotagonisten (Romeo sehr gut dargestellt von Mathias Spaan und Julia zumindest gut gespielt von Pascale Pfeuti) zeigten das Liebespaar ganz kindisch und verträumt wie zwei Teenager, die vor lauter Verliebtsein vollkommen die Welt um sich herum vergessen. Stark überzogen wirkte das dann jedoch ziemlich realitätsnah. Von dem Unheil, was sich durch die Zusammenkunft der beiden aus verfeindeten Familien stammenden Sprösslinge zusammenbraut, war in der ersten Hälfte nichts zu spüren. Im Gegenteil, Szenen wie die folgende sorgten für einige Lacher:

Romeo betet seine Geliebte an, die hoch oben auf dem Gerüst steht. Sie erwidert seine Gefühle und sie wollen sich ganz nahe sein…aber wie kommt der Gute dort hoch? „Liebe kennt keine Hindernisse“ – gesagt getan. Romeo verschwindet kurz und fährt auf einer Hebebühne vor das Gerüst, mit der er sich sogleich (einige Probleme beim Betätigen der Knöpfe eingeschlossen) nach oben in Richtung Julia begibt. Modernes Theater, moderne Technik – sehr schön! Entsprechende leichtfüßig wirkte das Ganze und in der Pause kam zu Recht die Frage auf: Bekommen die jetzt noch die Kurve zum Drama?

Und ja, tatsächlich war die zweite Hälfte dann alles Andere als frohlockend. Hier wurde eine Tube Kunstblut nach der anderen verspritzt, viel geschrien, geweint, gekämpft und gestorben. Sehr intensiv und spätestens ab jetzt hat man die volle Wucht des Theaters zu spüren bekommen. Im großen Finale dann hatte ich sogar ein wenig Pipi in den Augen…

Insgesamt war ich immer wieder überrascht von den sehr unvermittelt eingestreuten abstrakten Szenen die zum Interpretieren eingeladen haben. Abstrakt ist im Übrigen ein Begriff, der sich gut auf große Teile des Schauspiels, des Bühnenbilds (Jósef Halldórsson) und der Kostüme (Filippia Elísdóttir) übertragen lässt: Die ersten beiden habe ich oben schon erwähnt, die Kostüme waren eine Mischung aus klassischer und moderner Mode. Neben damals (also zur Entstehungszeit des Stücks) wohl üblicher Kleidung waren viele Darsteller in Anzügen oder T-Shirts (bspw. mit Superman-Aufdruck) auf der Bühne. Von edel bis trashig war jeder Stil vertreten.

Schlussendlich ein äußerst gelungener Abend, der mir das Theater wieder schmackhaft gemacht und gezeigt hat, dass dieses durchaus auch wild, schmutzig und…ja, eben unterhaltsam sein kann.

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