Slender Man…wer war das noch gleich? Handelte es sich da nicht um den schlacksigen, hochgewachsenen Typen im schicken Anzug, der es sich zum Hobby gemacht hat, Fotos zu crashen, indem er einfach so im Hintergrund herumsteht und mit seinen nicht vorhandenen Gesichtszügen schelmisch in die Kamera grinst? Ein gar ungeselliger Herr soll das ja sein, treibt er doch die Menschen, denen er erscheint, entweder in den Wahnsinn und bringt sie dann um, oder er macht kurzen Prozess, entführt sie und…naja, das Ergebnis ist das gleiche. Es ist schon erstaunlich, wie aus dem einstigen Beitrag von Eric Knudsen alias Victor Surge zu einem Fotowettbewerb ein moderner Mythos wurde. 2009 ist das Geburtsjahr des “Schlanken Mannes”. Seitdem ist das manipulierte Bild viral gegangen und hat viele weitere nach sich gezogen. Doch so faszinierend das Ganze für manch einen (mich eingeschlossen) auch sein mag: Der Slender Man ist nicht mehr als ein Hirngespinst, was aber nichts an dem Interesse ändert, welches er seit nunmehr fast 10 Jahren auf sich zieht. So war es auch nur eine Frage der Zeit, bis die unheimliche Gestalt ihren Weg ins Kino findet.

Als Regisseur zeichnete hierfür Sylvain White (The Losers) verantwortlich, das Drehbuch stammt von David Birke (Elle, 13 Sins). Die Story dreht sich um die vier Teenager Wren (Joey King), Hallie (Julia Goldani Telles), Chloe (Jaz Sinclair) und Katie (Annalise Basso), welche von einem Ritual erfahren, mit dem man das titelgebende Wesen herbeirufen kann. Und da sie in ihrer Freizeit scheinbar nicht viel anderes zu tun haben, schauen sie sich des abends das zur “Beschwörung” notwendige sowie leicht verstörende Video im Internet an und…nun, warten eben, was passiert. Bereits wenig später nehmen sie eine fremde, nicht greifbare Präsenz war, die sich schon bald in einer äußerst handfesten Gefahr manifestiert.

Eines muss man dem Streifen ja lassen: Er hat einige wirklich gute Szenen, die mich in ihren besten Momenten an The Ring erinnert haben. Außerdem empfand ich die Inszenierung des Slender Man, gerade im Finale, als durchaus gelungen. Des Weiteren muss ich meinen Hut vor dem Sounddesign ziehen: Es klappert unheimlich befremdlich, es raschelt und tönt genau in den richtigen Momenten dramatisch aus den Boxen. Top! Zu guter Letzt hätten wir noch den lobenswerten Versuch, dunkle Szenen auch wirklich finster darzustellen. Leider wurde ebendieser Aspekt, auf den in vielen Horrorstreifen meines Erachtens ohnehin nicht genug Wert gelegt wird, äußerst

ungeschickt umgesetzt. Und damit wären wir auch schon bei dem ersten negativen Punkt: Viele Szenen sind schlichtweg zu dunkel und selbst, nachdem wir die hellsten Lampen im Raum ausgeschaltet hatten, musste ich mich noch anstrengen, um den Geschehnissen auf der Mattscheibe folgen zu können. Wer meine Artikel liest, weiß, dass ich es mag, wenn beispielsweise ein geschlossener Raum ohne Lichtquelle auch einfach stockdunkel dargestellt wird (ausführlich erläutert habe ich das in der Kolumne Licht und Schatten). Hier war es aber oft so, dass der Hintergrund beispielsweise von Mondlicht erhellt wurde, während die Protagonisten im Vordergrund kaum zu erkennen waren. Bei aller Liebe zur authentischen Inszenierung: So ein bisschen anschaubar sollte es dann schon sein, oder, man konzentriert sich gänzlich auf die Akustik. Leider traf im vorliegenden Fall beides nicht so richtig zu.

Aber das war noch nicht einmal der größte Kritikpunkt. Dieser liegt in der lückenhaften Storyline und manch offen gelassenem Erzählstrang. Besonders fällt dies bei zwei Charakteren auf, deren Schicksal komplett ungeklärt bleibt. Von einem der beiden sieht man sogar im Trailer noch ansatzweise, was schlussendlich geschieht. Diese Szene fehlt im finalen Streifen aber gänzlich! Wer bitte hat da mit der Schere herumhantiert? Ich meine, dass es vereinzelte Trailersequenzen nicht zwingend in das Endprodukt schaffen müssen, ist weder neu noch verwerflich. Aber hier geht es um den Verbleib einer Hauptfigur!

Es ist schade, dass man sich durch solch eine Schludrigkeit den Weg zu einem wenigstens guten Film verbaut. Das Potential dazu hätte Slender Man aufgrund der offenen Vorlage allemal gehabt: Man weiß ja kaum etwas über den Mythos und hätte selbigen mit etwas Kreativität mit mehr Leben (oder sollte ich lieber sagen: Horror?) füllen können. Warum hat man beispielsweise nicht die Herkunft des Wesens beleuchtet? Hier hätte man die Chance gehabt, die tatsächlichen Hintergründe  (zumindest für die Dauer des Films) zu verwischen und dem stackseligen Anzugträger noch etwas mehr Schrecken zu verleihen.

So, wie das Werk nun erschienen ist, werde ich den Eindruck nicht los, dass zu viele Köche am Werk waren und schlussendlich kein homogenes Produkt entstanden ist, das weiß, wo es hingehört. Slender Man ist nicht schlecht und schon alleine aufgrund der erwähnten positiven Aspekte kann ich eine Sichtung empfehlen. Man sollte sich nur Kaugummis für den faden Beigeschmack bereitlegen (oder einfach haufenweise Popcorn in sich reinschaufeln – das geht immer!)

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Bildershow der Marke “schlank”

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Zusatzinfos | Herkunftsland: USA | Originaltitel: Slender Man | Regie: Sylvain White | Drehbuch: David Burke, Victor Surge (auf dem von ihm geschaffenen Charakter basierend) | Darsteller: Joey King, Julia Goldani Telles, Jaz Sinclair, Annalise Basso | Produktion: Ryan H. Cunningham, Bradley J. Fischer, Glenn S. Gainor, Adam Kolbrenner, Robyn Meisinger, Tracey Nyberg, Louis Sallerson, Andrea Ajemian, William Sherak, Sarah Snow, James Vanderbilt | Freigabe: FSK 16 | Uncut: ja | Spieldauer: 89 Min. | Verleih: Sony Pictures | Produktionsjahr: 2018 | VÖ Deutschland: 27.12.2018

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https://www.youtube.com/watch?v=uiWf1f5AHko&t=77s
Slender Man (2018)
Prädikat: Das großartige Sounddesign, die bodenständigen Schauspieler und ein paar wirklich gelungene Szenen können nicht über die losen Enden, fehlende, jedoch signifikante Szenen und das teils schlechte Bild hinwegtäuschen.
Story30%
Schauspieler70%
Unterhaltung60%
Inszenierung55%
54%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
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