“Mit zitternden Fingern wählt Faith die Nummer. Sie hat einen Kloß im Hals und fragt sich, wie sie es ihr erzählen soll. Wird sie ihr verzeihen? Sie nimmt das Handy ans Ohr. Der Wählton erklingt. Vielleicht ist sie ja gar nicht zuhause, nimmt nicht ab. Kurz wird Faith von Erleichterung durchströmt, die sogleich von dem Gefühl überdeckt wird etwas Schlimmes getan zu haben und gerade nochmal davon gekommen zu sein. Nein, sie muss mit jemandem sprechen, das schmutzige Gefühl von ihrer Seele waschen. Tränen füllen ihre Augen. Sie schaut nach draußen, wo im Sonnenuntergang die Landschaft träge, fast zeitlos, an ihr vorüber gleitet. Der Wählton wird unterbrochen. Am anderen Ende der Leitung wird der Hörer abgenommen…

Hi Mom, ich bin´s, Faith…(mit bebender Stimme) ja, mir geht es gut…ich bin in Dayton…nein, nicht alleine, Candy, Brit und Cotty waren mit…wir wollten zum Spring Break…ja, ich weiß…wir sind mit dem Bus gefahren…das Geld…Mom, ich muss dir etwas erzählen, bitte sei nicht böse…wir wollten schon so lange einmal hierher, endlich raus aus unserem Dorf, wo immer nur das Gleiche passiert und man immer ins College muss…ich…(schluchzend) entschuldige…ja, mir geht es wirklich gut…(weint)…also haben wir Geld gespart, aber es hat nicht gereicht…Candy, Brit und Cotty, sie…hast du von dem Überfall auf das Diner gehört?…nein, ich war nicht dabei und ich wusste erst gar nichts davon…sie hatten nur plötzlich das Geld, ich habe nicht weiter gefragt…wir haben dann den nächsten Bus nach Dayton genommen, es war erst so großartig, so viele nette Menschen und überall Party, hübsche Jungs und Alkohol…ja, es gab auch Drogen…ja, Mom…(mit zitternder Stimme) es tut mir so leid…ich weiß…alle waren so locker, ich habe nicht weiter nachgedacht…irgendwann nachts sind wir in einem Haus gelandet, wo gerade gefeiert wurde…es ging ziemlich ab, viele Sachen sind kaputt gegangen…plötzlich war da überall Polizei…ja, Mom…sie haben uns festgenommen und wir mussten die Nacht in einer Zelle verbringen…dann hat so ein Typ, den alle Alien nennen, die Kaution bezahlt…ich weiß nicht, irgend so ein Rapper vom Spring Break (beginnt wieder zu weinen)…der hat uns dann mitgenommen und ein paar Freunden vorgestellt…die waren aber alle so seltsam, haben mich ständig berührt…ich habe mich so unwohl gefühlt…Alien meinte er wäre verliebt in mich und möchte, dass ich bleibe…aber…irgendwie…ich weiß nicht…ich wollte einfach nur wieder nach hause…Mom, es tut mir so leid…ich sitze jetzt im Bus…ja, ich komme zurück…morgen bin ich wieder da…die anderen 3 sind in Dayton geblieben…ich wollte ja, aber ihnen hat´s gefallen und sie wollten noch nicht weg…ja, Mom, ich komme direkt nach hause…ich hab dich auch lieb…

So in etwa könnte sich die Szene zwischen Faith und ihrer Mutter abspielen, nachdem sie Dayton verlassen hat. Das schüchterne Mädchen verlässt den Ort und der Zuschauer folgt den 3 anderen Teenagern, die, von Geld, Drogen, Waffen und dem zügellosen Leben fasziniert, bei Alien bleiben und immer tiefer in dessen Welt hineingezogen werden. Dabei handelt es sich bei Candy, Brit und Cotty keineswegs nur um naive Jugendliche. Sie haben auch eine andere, gefährliche Seite…

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was “Spring Breakers” für ein Film ist. Es ist ein wenig wie mit einem Traum, an den man sich nur noch vage entsinnen kann. Dieser Vergleich trifft es eigentlich recht gut, denn bei dem neuen Film von Regisseur Harmony Korine (“Kids”) handelt es sich um ein hypnotisierendes Meisterwerk, das nur ganz schwer zu greifen ist. Das ist neben Korine vor Allem dem Kameramann Benoit Debie (der schon mit Gaspar Noé in “Irreversibel” und “Into the Void” zusammengearbeitet hat) und den Musikern Skrillex und Cliff Martinez zu verdanken (dazu später mehr).

Aber auch vor der Kamera wird ganze Arbeit geleistet. Dabei mag man sich zunächst zu Recht fragen, wie die Crew um Korine auf diesen Cast gekommen ist: Vanessa Hudgens, Selena Gomez, Ashley Benson und Rachel Korine spielen die 4 Teenager. Die Mädels waren bisher doch eher in familientauglichen Filmen bspw. aus der Disney-Welt unterwegs. Lediglich Vanessa Hudgens (u.a. “Machete” und “Sucker Punch”) und Rachel Korine (“Trash Humpers”) haben sich schon einmal in die Gefilde der Erwachsenenfilme hervorgewagt. Auch für James Franco (“Spider Man”, “127 Hours”) als Alien dürfte dieser Streifen eine komplett neue Schauspielerfahrung gewesen sein. Was er jedoch schon lange nicht mehr beweisen muss zeigen nun auch die 4 jungen Damen: Anstatt von Franco an die Wand gespielt zu werden stehen sie mit ihm voll auf Augenhöhe und verkörpern sowohl die zerbrechliche als auch die gefährliche Seite ihrer Charaktere so gut, dass es besonders ihnen zu verdanken ist, dass “Spring Breakers” mich von Anfang an sofort in seinen Bann gezogen hat. Die Leistung, die hier insbesondere vom Hauptcast abgeliefert wird dürfte einige der jüngeren und erfahreneren Kollegen vor Neid erblassen lassen.

Jeder noch so gute Schauspieler könnte alleine einen solchen Film jedoch nicht zu dem machen was er ist. Hierzu braucht es noch 2 weitere, unverzichtbare Aspekte: Zunächst einmal die Musik. Anstatt nichts sagend im Hintergrund zu dudeln wird der Akustik hier eine besondere Rolle zuteil. So werden schnelle Actionsequenzen entzerrt indem diese extrem verlangsamt ablaufen und ruhige, elektronische Musik in der Vordergrund tritt. Selbst die Songs von Skrillex, die ja meist ziemlich hektisch sind, werden während dieser häufigen Zeitlupensequenzen eingespielt und ich hätte vorher nicht gedacht, wie gut diese Kombination Hand in Hand geht. Eine der visuell beeindruckendsten Szenen wird im Übrigen von einem Britney Spears-Song begleitet. In meinen Augen vermag es nur ein richtig gutes Filmteam eine solche Szene zu schaffen. Cliff Martinez, der auch für den genialen Soundtrack von “Drive” verantwortlich zeichnete, hat erneut ganze Arbeit geleistet.

Seine künstlerische Vollendung findet der Film mit dem Bild. Meine. Fresse. Das Spiel mit den Farben ist unglaublich. Jede Szene bekommt durch die oftmals grellen, dabei jedoch stets atmosphärisch eingesetzten Farben ihren eigenen Charakter. So ist es neben den Schauspielern und der Musik insbesondere der visuellen Wucht des Films zu verdanken, dass ich jede Sekunde förmlich aufgesogen habe. Die außergewöhnlichen Kameraeinstellungen geben dem Ganzen dann noch den letzten Schliff.

Ich erwähnte eingangs, dass sich der Film im Nachhinein wie eine Traumsequenz anfühlt. Die Szenen, die nachts durch unser Unterbewusstsein schleichen sind oft davon geprägt, dass Vieles gleichzeitig geschieht. Ganz ähnlich macht es “Spring Breakers”, wenn beispielsweise eines der Mädels zuhause anruft und in einem nachdenklichen Monolog erzählt, wie gut es ihr in Dayton gefällt. Währenddessen wird eine ganz andere, in warme, fast schon übersteuerte Farben getauchte Szene gezeigt und der akustische Klangteppich von einem Skrillex Song im Klassik-Format (!) abgerundet. An anderer Stelle werden wie in einem Refrain Satzfetzen und Bilder wiederholt. Ein weiteres Beispiel dafür wie gut Musik, Bild und Film hier ineinander greifen.

“Spring Breakers” ist ein ruhiger Film und in meinen Augen ein Kunstwerk. Wer “Drive” gesehen hat kann sich in etwa ein Bild davon machen, was einen hier atmosphärisch erwartet. Er kann keineswegs mit MTV-gehypten Streifen verglichen werden.

Schlussendlich bleibt mir nur zu sagen, dass, solltet ihr an künstlerisch hochwertigen Filmen Gefallen finden, ich euch diesen hier ans Herz legen möchte. Für “Spring Breakers” sollte man sich Zeit nehmen…aber es lohnt sich.

Eure /Scarlett

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