Take Shelter CoverStellt euch einmal vor, ihr führt ein ganz normales Leben, seid glücklich verheiratet und habt eine süße Tochter. Der Job ist gut bezahlt und das gemütliche Haus auf dem Lande kann ich sich ebenfalls sehen lassen. Jene Idylle bekommt jedoch feine Risse, als eines Tages diese Alpträume anfangen, in denen ihr einen gewaltigen Sturm seht, der am Horizont aufzieht und einen Regen mit sich bringt, der die Menschen wahnsinnig werden lässt. Diese Visionen suchen euch nicht nur bei Nacht, sondern auch am Tag heim und wirken so real, dass ihr in diesen Momenten nicht mehr unterscheiden könnt, was Wirklichkeit und was reine Vorstellung ist. Was tut ihr nun? Sinnvollerweise sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Was aber, wenn die Alpträume einen nicht loslassen, man an nichts anderes mehr denken kann und zunehmend davon überzeugt ist, dass sie zur Realität werden? Man bereitet sich auf den Ernstfall vor…

Diese Geschichte ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern fasst grob zusammen, was Familienvater Curtis (Michael Shannon) in Jeff Nichols‘ Film Take Shelter durchmacht. Dessen zweites Regiewerk schildert jene Ereignisse sehr, sehr ruhig und zeichnet sich ganz besonders dadurch aus, dass es die Situation eines Menschen, der zunehmend unter einer psychischen Störung zu leiden scheint, extrem gut und nachvollziehbar inszeniert.

Ich habe wirklich noch keinen Film gesehen, der so authentisch zeigt, wie es ist, wenn man das Gefühl bekommt, den seelischen Halt zu verlieren, sich selbst nicht mehr trauen zu können. 

Dem Titel unterstelle ich dabei sogar eine gewisse Doppeldeutigkeit. Übersetzt heißt Take Shelter soviel wie “Schutz suchen”. Dies ist natürlich erst einmal auf den offensichtlichen Aspekt zu beziehen, nämlich, dass Curtis aufgrund seiner Alpträume anfängt, den heimischen Sturmschutzbunker auszubauen, um dort sich und seine Familie unterbringen zu können, sollte das befürchtete Unwetter tatsächlich aufziehen. Schaut man etwas genauer hin, dann erlauben Story und Inszenierung auch die Interpretation, dass der Titel als Hinweis auf den geistigen Zustand der Hauptfigur zu verstehen ist. Curtis zieht sich zunehmend in sich selbst zurück, distanziert sich von ihm nahestehenden Menschen und begibt sich so in

 

einen gefährlichen Teufelskreis, der immer weiter in das seelische Exil zu führen scheint. 

Wo viele andere Filme ihre Charaktere nun zugunsten der Dramatik mehr oder weniger blind ins Verderben laufen lassen würden, dürfen die Figuren in Take Shelter die Möglichkeiten nutzen, welche man ihnen auch als Zuschauer wünscht. Konkret ist damit gemeint, dass der betroffene Curtis sich nicht einfach nur in seine Albträume hineinsteigert und anfängt den Bunker zu bauen, er sucht sich außerdem professionelle Hilfe und öffnet sich, auch, wenn es ihm sichtlich schwer fällt, nach und nach den Menschen gegenüber, die ihm zur Seite stehen wollen! Dies ist in erster Linie seine Frau Samantha (sehr gut gespielt von Jessica Chastain), die ebenfalls unter der immer schlimmer werdenden Situation leidet und dabei doch versucht, die Familie zusammen zu halten. Abgesehen von ihr, der Tochter (Tova Stewart) und Curtis’ bestem Freund (Shea Wigham) gibt es sonst auch kaum Charaktere, die eine größere Rolle spielen. Dies ist aber überhaupt nicht negativ. Der Film konzentriert sich voll und ganz auf seinen Hauptprotagonisten und hält den Zuschauer so stets sehr nah an den zentralen Geschehnissen. 

Zu der äußerst atmosphärischen Erzählweise kommt schließlich noch eine beeindruckende Bildsprache. Insbesondere die Träume werden großartig inszeniert und ließen mich zunehmend selbst überlegen, was jetzt gerade Vorstellung und was Realität ist (im Film versteht sich;). Der größte Gewinn für den Streifen ist jedoch Michael Shannon. Der Schauspieler aus dem Serienhit Boardwalk Empire oder Werner Herzog‘s kleinem Meisterwerk My Son, My Son, What Have Ye Done beweist hier erneut, dass er ein höchst talentierter Charakterdarsteller ist (nicht, dass das noch notwendig wäre). Dies zeigt sich insbesondere gegen Ende, wo seine Figur erstmals emotional ausbricht. Dies ist ein sehr starker Moment – für den Film und für Shannon, der sonst größtenteils mit eingefrorener Miene spielt, was aber keineswegs langweilig wirkt, weil es einfach zu der emotionalen Verfassung des Curtis passt.

Take Shelter ist ein besonderes Werk, auf das ein Sprichwort sehr gut passt: Stille Wasser sind tief. Es kommt auf leisen Sohlen angeschlichen, vermag einen schließlich tief zu berühren und die Hoffnung zu verleihen, dass es sich lohnt, eigene Zweifel zu überwinden und sei es nur des inneren Friedens wegen. Wenn der Film dann fünf Minuten vor dem eigentlichen Finale endet, darf man sich zurücklehnen, um vor dem Abspann zum zweiten mal eine heftige Gänsehaut zu bekommen.

 
Zusatzinfos | Originaltitel:  Take Shelter | Freigabe: FSK 12 | Uncut: ja | Spieldauer: 121 Min. | Studio (Verleih): Ascot Elite Home Entertainment | BR/DVD VÖ: 21.12.2012

 

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=f5i6vd5VS3Q
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf (2011)
Prädikat: Ein echter Geheimtipp!
Story88%
Schauspieler90%
Inszenierung92%
Atmosphäre89%
90%Wertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.