Vielleicht kennt ihr ja diese Situation: Es ist Wochenende, es ist spät und man ist müde. Ins Bett gehen möchte man aber irgendwie auch nicht, dann doch lieber bei einem gemütlichen Film einschlafen. Also legt man eine Disc in den Player oder schaltet auf irgendeinen Sender. Dann aber macht einem ein Film einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, weil er so spannend ist, dass man einfach nicht mehr einschlafen kann…oder will.

Für mich als bekennender gerne-auf-der-Couch-Einschlafender ist das gerade dann eine ganz üble Nummer, wenn ich wirklich, also so richtig müde bin. Ja, könnte man jetzt sagen, dann schau den Film doch am nächsten Tag weiter. Neeee, ich spreche hier von einem Streifen, der einen einfach nicht gehen lässt. Kennt ihr Ghostbusters, also die Realverfilmung Teil 1? Da gibt es doch diese Szene mit Sigourney Weaver, in der Dämonenklauen aus ihrem Sessel fahren und sie festhalten. Dann wird sie durch eine Tür gezogen, aus der grelles Licht bricht. So in etwa könnt ihr euch das vorstellen, was dann bei mir passiert. Tauscht den Sessel gegen meine Couch und die Tür gegen die Mattscheibe. So in etwa…ja, ich denke das passt. Wer bitte sehr kann da pennen?

Ok, ich denke, der Ernst der Lage ist nun angekommen. Ich liege also am Samstagabend hundemüde auf der Couch und starte zum einschlummern The Disappeared. Ich könnte ja jetzt sagen, dass ich schon nach wenigen Minuten wusste, dass ein anderer Film vielleicht besser geeignet gewesen wäre…und wisst ihr was? So war es auch. Das fing schon mit der unglaublich großartigen Kameraführung an, die nie richtig starr, aber immer noch weit entfernt war von nervigem Ruckel-Zuckel. Angenehm und dennoch außergewöhnlich genug, dass ich sofort meine Fantasy Filmfest-Antennen ausgefahren habe. Die kommen immer dann zum Vorschein, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser Film dort einfach…ja, anders ist. Da passt dann neben der Kameraführung auch alles andere: Schauspieler, Musik, Inszenierung, Story,…

A propos Story: Hier geht es um Matthew (Harry Treadaway), dessen kleiner Bruder Tom (Lewis Lemperuer Palmer) verschwunden ist. Dies nimmt Matthew insbesondere deswegen so mit, weil er an dem verhängnisvollen Abend auf seinen Bruder hätte aufpassen sollen. Auch sein Vater (Greg Wise) ist am Boden zerstört, beginnt zu trinken und da keine Mutter mehr da ist, geht das Familiendasein in den Monaten nach Tom’s Verschwinden ganz schön den Bach runter. Zu allem Überfluss hört Matthew plötzlich die Stimme seines Bruders. Was will Tom? Lebt er womöglich noch? Hat sein Verschwinden etwas mit den anderen vermissten Kindern aus der Nähe zu tun? Es hilft ja alles nichts und so macht Matthew sich auf die Suche und je näher er den Antworten auf seine Fragen kommt, umso gefährlicher wird es für ihn…

Vater & SohnAlles andere als eine gute Vater Sohn Beziehung

Klingt langweilig? Isses nicht! Dabei kommt The Disappeared vollkommen unaufgeregt um die Ecke. Es gibt kaum Actionszenen und auch die Jump Scares halten sich in Grenzen. Die Geschichte jedoch gibt dem Zuschauer immer wieder neues Futter und pendelt zwischen übersinnlichen und ganz bodenständigen Erklärungen für die Vorkommnisse hin und her. Auch das Setting ist unheimlich authentisch. Die ungeschönte Darstellung einer Wohnsiedlung für die untere Mittelschicht macht einiges her. Das liegt aber auch daran, dass Regisseur Johnny Kevorkian seinen Kameramann Diego Rodriguez immer schön auf das Elend draufhalten lässt. Aber bei all diesen großartigen und unglaublich atmosphärischen Inszenierungen sind es insbesondere die Schauspieler, die dem Film den letzten Schliff geben, allen voran Harry Treadaway. Besonders stark ist er in den Sequenzen, die nur ihn zeigen, da hier die Verzweiflung und die emotionale Zerrüttungen seines Charakters sehr intensiv zutage treten. Aber auch Greg Wise wise zu gefallen (höhö…). Zwar hat er nur wenig Screentime, diese nutzt er aber vollends aus um einen Vater zu verkörpern, der über den Verlust seines jüngsten Sohnes einfach nicht hinwegkommt. Trotz seiner ebenfalls nur sehr kleinen Rolle, soll auch Tom Felton, den viele sicherlich als Draco Malfoy aus Harry Potter kennen, nicht unerwähnt bleiben. Er liefert ebenfalls eine sehr gute Performance.

The Disappeared ist ein Kleinod des Gruselkinos, das ob seines etwas unglücklich geratenen Covers nicht zu schnell abgeschrieben werden sollte. Wer auch die ruhigen Werke des fantastischen Films zu schätzen weiß, der darf hier bedenkenlos zugreifen.

Prädikat: Top!

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