Verjährung

Verjährung CoverFreunde asiatischer Filmkunst werden es bestätigen können: Egal ob ein Werk aus Korea, Japan, Thailand, China oder einem anderen Land des Kontinents stammt – man hat es hier mit einem ganz eigenen Stil zu tun. Meine ersten Berührungspunkte mit Streifen wie beispielsweise Kung Fu Hustle waren zugegebenermaßen etwas ernüchternd. Mit der Zeit konnte ich dieser Art Film dann aber doch immer mehr abgewinnen und zwischenzeitlich ziehe ich nicht selten asiatische Werke dem amerikanischen oder europäischen Kino vor. Dabei empfinde ich vor allem den Genremix, der bei nahezu jedem dieser Filme zu finden ist, als sehr erfrischend. Es ist zum Beispiel egal, ob man sich einen Thriller, einen Horrorfilm, einen Krimi oder ähnliches anschaut: Bei allen wird in der Regel eine gute Brise Humor untergebracht. Das wirkt dann teilweise etwas naiv und deplatziert, hat aber seinen Reiz. Nachdem ich nun schon einige Filme dieser Art gesehen habe, stellte ich mich bei Verjährung auf eine ähnliche Erfahrung ein. Nach zwanzig Minuten saß ich jedoch erst einmal mit einem ziemlich eingefrorenen Stirnrunzeln vor der Kiste. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Eindruck entwickelt, dass man es sich hier doch etwas zu einfach gemacht hat. Glücklicherweise trat dieses Gefühl im weiteren Verlauf mehr und mehr in den Hintergrund. Wie es dazu kam und warum der Film mir am Ende gar etwas die Tränen in die Augen getrieben hat, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen…

Vor fünfzehn Jahren wurde ein kleines Mädchen entführt. Der Kriminalbeamte Cheong-ho (Sang-kyung Kim), welcher den Täter seinerzeit nicht fassen konnte, muss Ha-keyong (ganz groß: Jeong-hwa Eom), der Mutter des Kindes, nun mitteilen, dass die Verjährungsfrist, nach der man den Entführer nicht mehr für die Tat anklagen kann, in Kürze abläuft. Diese möchte jedoch noch nicht aufgeben und bittet Cheong-ho, alles zu versuchen, um den Fall doch noch aufzuklären. Der Polizist legt sich auch nochmal richtig ins Zeug, allerdings ohne Erfolg. Die Frist verstreicht und die Hoffnung scheint verloren. Dann verschwindet erneut ein Mädchen…

Bis zu diesem Moment konnte ich mich nicht des Eindrucks verwehren, es mit einem eher lauen Vertreter des sonst sehr starken Asiakinos zu tun zu haben. Es gibt bei der Suche nach dem Entführer des ersten Mädchens ein paar glückliche Zufälle, die mir etwas zu einfach gelöst schienen. Nachdem die Polizisten beispielsweise in einem großen Umkreis ohne Erfolg jeden Stein umgedreht haben, fallen ihnen die fehlenden Puzzleteile sprichwörtlich vor die Füße. Das fühl-

te sich so an, als wäre der Film schon fast zuende und man wolle jetzt schnell noch irgendwie ein Finale zusammenbasteln. Tatsächlich fängt die Geschichte hier aber erst richtig an…

Der Titel Verjährung ist dabei etwas irritierend. Meine Aussage, dass die Frist schon relativ früh verstreicht, ohne, dass der Täter gefasst wird, sollte nicht als Spoiler gewertet werden, denn tatsächlich geht es in erster Linie um die Ereignisse, die danach folgen. Und hier kann der Film auf ganzer Linie überzeugen! Die Ermittlungen im zweiten Entführungsfall sind zwar ebenfalls kein Musterbeispiel für eine fehlerfreie Inszenierung, da manches Verhalten der Charaktere nicht ganz nachvollziehbar ist, aber im weiteren Verlauf wird klar, dass darauf auch gar kein allzu großer Wert gelegt wird.

Vielmehr konzentriert man sich auf eine schlüssige Hintergrundgeschichte, die dem Zuschauer aber erst zum Ende hin, wenn nach und nach der Vorhang fällt, offenbart wird.

An diesem Punkt wurde mir dann auch bewusst, was für einen starken Film ich mir da gerade angeschaut habe. Das der Streifen so gut funktioniert, liegt vor allem an Jeong-hwa Eom, die für ihre schauspielerische Leistung völlig zu Recht den Grand Bell Award (Süd Korea) als beste Darstellerin erhalten hat und darüber hinaus 2013 bei den Blue Dragon Awards für die gleiche Kategorie nominiert war. Sie war es auch, die mich gegen Ende mit einer herzzerreißenden Szene eiskalt erwischt hat. Selten habe ich solch intensive Emotionen im asiatischen Kino gesehen. In diesem kurzen Moment erfährt das Drama der Geschichte seine Vollendung.

Regisseur Jeong Geun-Seop hat mit seinem Debütfilm zwar das Genre nicht neu erfunden, es aber allemal um einen großartigen Beitrag bereichert. Fernab von der an sich schon dramatischen Geschichte um den Verlust eines Kindes, wird auch die Frage nach Rache aufgeworfen – hier aber nicht ausschließlich im Rahmen der Selbstjustiz, wie man es von Filmen wie Old Boy kennt, sondern schlichtweg, um der Gerechtigkeit im klassischen Sinne genüge zu tun. Da darf man dann während des Abspanns auch nochmal ein wenig sitzen bleiben und sich die Frage stellen, wie man selbst gehandelt hätte. In diesen seltenen Momenten entsteht großes Kino…

 

Zusatzinfos | Freigabe: FSK 12 | Uncut: Ja | Spieldauer: 116 Min. | BR/DVD VÖ: 01.05.2015
Verjährung (2013)
Prädikat: Beeindruckend.
Story85%
Schauspieler89%
Spannung82%
85%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
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