What We Become | Cover ©Capelight PicturesNehmen wir einmal folgende Situation an: Man schlendert gemütlich über die Straße und sieht plötzlich einen am Boden liegenden Mann, der sich nicht mehr rührt und zudem noch stark blutet. Wahrscheinlich fährt einem da erst einmal der Schreck in die Glieder. Danach wird man jedoch (hoffentlich) schnell zur Hilfe eilen und einen Krankenwagen ru…das ist interessant und überraschend zugleich: in unserem fiktiven Szenario fährt gerade jetzt ein eben solches Gefährt mit Blaulicht und in Begleitung einer Polizeikarosse um die Ecke. Da hat wohl einer der anderen anwesenden Dorfbewohner mitgedacht. Erleichtert wird man sich zurückziehen wollen, muss aber eine Sekunde später feststellen, dass beide Fahrzeuge schnurstracks an dem offensichtlich Schwerverletzten vorbeifahren. Mit einer Mischung aus Wut, Unverständnis und Irritation wird man den Boliden kopfschüttelnd hinterherschauen. Viel Zeit, um die Situation zu erfassen bleibt aber nicht, denn just in diesem Augenblick rast eine Gruppe Militärfahrzeuge um die Ecke und folgt dem ärztlich-polizeilichen Notdienst. Allerspätestens jetzt darf man davon ausgehen, dass die Kacke so richtig am Dampfen ist…

Eine ganz ähnliche Situation spielt sich in Bo Mikkelsen‘s neuem Film What We Become ab, allerdings ist dies erst der Auftakt einer Katastrophe, in deren Folge alle Bewohner des Ortes Sorgenfri (so auch der dänische Originaltitel) in einer Art und Weise von der Außenwelt isoliert werden, dass sie rein gar nichts mehr von dem mitbekommen, was sich vor ihrer wortwörtlichen Haustür abspielt. Nur soviel können sie noch in vereinzelten Nachrichtensendungen mitschneiden: Irgendwo in der Nähe des Dorfes ist ein unbekanntes Virus ausgebrochen. Die nun durchgeführten Maßnahmen wirken aber aufgrund der ansonsten äußerst mageren Informationspolitik nicht nur übertrieben, sondern geradezu unmenschlich. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich einer der Bewohner das Ganze einmal genauer anschauen möchte und im schlimmsten Falle eine folgenschwere Entscheidung trifft.

Du merkst vielleicht, dass ich mich bemühe, möglichst wenig über den Streifen preiszugeben. Der Grund hierfür liegt darin, dass What We Become vom eigenen Erleben der Atmosphäre und der Ereignisse lebt, welche man durch die Augen von

Dino (Troels Lyby), seiner Frau Pernille (Mille Dinesen) sowie deren Kinder und Nachbarn verfolgt. Über allem schwebt eine Frage, die sich einem bereits etwas kryptisch durch den hiesigen Filmtitel stellt: “(Zu) was wir werden”. Die Auflösung des Ganzen ist zwar wenig innovativ und wird vielen Genrekennern nur ein müdes Gähnen abringen, Bo Mikkelsen geht es aber auch vielmehr um den Weg dorthin.

Diesen inszeniert er in größtenteils ruhigen Bildern, die durch wohl gewählte Perspektiven, gute Lichtarbeit und vor allem dank des fantastisch untermalenden Soundtracks aus der Feder von Martin Pedersen eine bedrohliche Spannung aufbauen.

Hinzu kommt das starke Drehbuch, welches insbesondere durch gut nachvollziehbare Handlungen der Charaktere und ein anständiges Timing zu punkten weiß. Die Situation in Sorgenfri eskalierte nämlich genau dann, als ich dachte, dass es jetzt mal ein bisschen Action geben könnte und entließ mich nach einem kurzen, jedoch nicht minder intensiven Finalsprint in den ziemlich überraschend erscheinenden Abspann. Das nach gut 80 Minuten gefühlt viel zu frühe Ende ist jedoch keineswegs ein Kritikpunkt – es hat mich in seiner Konsequenz absolut überzeugt und so gerne ich auch gesehen hätte, was als Nächstes kommt, gefiel mir die Idee, dass der Zuschauer sich selbiges nun eben selbst überlegen kann. Schauspielerisch kann ich ebenfalls nicht klagen. Die Leistungen der Darsteller sind durchweg bodenständig, was bei einem Werk, das sich auf sehr begrenztem Raum abspielt, umso wichtiger ist.

Zusammenfassend kann ich euch den Streifen also guten Gewissens ans Herz legen. Dem dänischen Regisseur, Drehbuchautor und Cutter Bo Mikkelsen ist hier ein kurzweiliger, spannender und interessant inszenierter Horrorbeitrag gelungen, den man sich am Besten unvoreingenommen und ohne Vorabsichtung des Trailers anschaut, da dieser wie so oft zu viel verrät.

Bildeindrücke aus Sorgenfri

Sie genießt noch etwas den trügerischen Sonnenschein: Ella Solgaard

©Capelight Pictures

Er kann hoffentlich mit einer Waffe umgehen: Troels Lyby.

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Gustav versucht herauszufinden, was vor sich geht: Benjamin Engell.

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Pernille will ihre Tochter um jeden Preis schützen: Mille Dinesen.

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Backenschwund sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

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Kopfschmerzen? Dieser Mann kann Ihnen helfen!

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Tranchiert gerade keinen Truthahn: Marie Hammer Boda.

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Zusatzinfos | Herkunftsland: Dänemark | Originaltitel: Sorgenfri | Regie: Bo Mikkelsen | Drehbuch: Bo Mikkelsen | Darsteller: Mille Dinesen, Marie Hammer Boda, Troels Lyby, Benjamin Engell | Produktion: Sara Nammer, Kenneth D. Plummer, Meta Louise Foldager Sörensen, Louis Tisné | Freigabe: FSK 16 | Uncut: Ja | Spieldauer: 85 Min. | Verleih: Capelight Pictures | DVD/BD/Steelbook VÖ: 18.11.2016
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https://www.youtube.com/watch?v=LCFBT8l1VlM
What We Become (2015)
Prädikat: Kann man sich absolut sorgenfr(e)i anschauen.
Story73%
Schauspieler75%
Spannung85%
Inszenierung85%
80%Wertung
Leserwertung: (1 Judge)
85%

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